Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Leben im Asternweg: Wie „Jackes“ einst im Kalkofen landete – und blieb

Jackes’ Wohnung im Asternweg ist ein Sammelsurium aus Jahrzehnten. Meistens sitzt er am Tisch in der Wohnstube und schaut alte V
Jackes’ Wohnung im Asternweg ist ein Sammelsurium aus Jahrzehnten. Meistens sitzt er am Tisch in der Wohnstube und schaut alte VHS-Kassetten – von denen er 5000 gesammelt habe.

Erich Manfred Jackes, den alle nur Jackes rufen, lebt 27 Jahre in Dansenberg, fährt einen Lkw – dann strandet er im „Kalkofen“. Porträt eines Mannes, der nicht mehr wegwill.

Die drei Schälchen, sagt Jackes, die stehen immer bereit. Auf dem Tisch vor der Eckbank hat er sie drapiert, gefüllt mit „Schnäges“ in allen Farben des Regenbogens. Fruchtgummi, Speckmäuse, Bonbons – „wenn die Kinder da sind“, seufzt er und winkt ab. „Weißte doch, Mensch.“ Die Kinder also. Einen Stock tiefer wohnen die beiden, bloß die Treppe runter hier im Asternweg 27. Jeden Tag kämen sie hoch, um an der schweren Stahltür zu klopfen. Hoch zu ihm, zu Erich Manfred Jackes, den im Viertel einfach alle nur Jackes rufen. Manchmal kocht er für sie am kleinen Herd in der Nische, meistens Nudeln mit Tomatensoße. Und schlafen dürften sie bei ihm, sagt Jackes, sein Zuhause stehe jederzeit offen. Mit der Mutter der Kinder spreche er zwar nicht mehr, böser Streit. „Aber die Kleinen, die hängen an mir.“ Sie, ruft Jackes durch die Wohnstube, seien einer der Gründe, warum er gar nicht raus will aus dem Asternweg.

Nicht fort von den abgeranzten Schlichthäusern. Nicht weg von den Problemen im Kaiserslauterer Osten, in dem es an so vielem fehlt. An Duschen, Bädern, frischem Putz zum Beispiel. „Ich würde niemals gehen“, sagt er. „Ich bleibe bis zum Tod. Hier will ich sterben.“

Aufgewachsen ist er in Essen, im Kohlenpott

Der „Kalkofen“ im September. An einem bewölkten Mittag gegen 13 Uhr sitzt Erich Manfred Jackes, 76, am Küchentisch seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, zwischen den Fingern rollt er eine Zigarette. Wer ihn am Morgen sprechen wollte, wurde auf der Straße vertröstet. Jackes, grauer Zopf und Hoodie, ist gerade erst zurück aus seiner Stammkneipe in der City. Zwei, drei Bier zum Frühstück. Immer locker bleiben. Im Hintergrund flimmert jetzt eine Hitparade von 1988 über den Fernseher, Frank Zander singt Playback – eine von 5000 VHS-Kassetten, die der Rentner angehäuft hat, wie er sagt. Auf seine „Bude“ ist er stolz, betont Jackes. Sie gleicht einem Sammelsurium aus Jahrzehnten: ein bisschen Nippes, ein wenig Krusch, von allem etwas. Neben Cola-Flaschen mit Sombrero-Hüten schmiegen sich Puppen in Kissen. Es türmen sich alte Radios. „Hab’ ich mir alles selbst aufgebaut“, sagt Jackes. „Mir gefällt’s.“ Die Frage, die die RHEINPFALZ heute zu ihm in den Asternweg führt, ist eine, die sich allein mit persönlichen Schicksalen beantworten lässt: Wie strandet man eigentlich hier – in den berüchtigten Wohnblöcken im „Kalkofen“?

„Willste wirklich wissen, wirklich alles?“, fragt Jackes und streckt den Zeigefinger. „Gut, saach ich dir. Schreib’ auf.“

76 Jahre alt ist Jackes, mit bürgerlichem Namen: Erich Manfred Jackes. Gebürtig kommt er aus dem »Pott«.
76 Jahre alt ist Jackes, mit bürgerlichem Namen: Erich Manfred Jackes. Gebürtig kommt er aus dem „Pott“.
Für die Nachbarskinder stehen bei ihm immer Süßigkeiten bereit.
Für die Nachbarskinder stehen bei ihm immer Süßigkeiten bereit.
So manche geleerte Bierflasche dient mit Tequila-Sombrero auch als Deko.
So manche geleerte Bierflasche dient mit Tequila-Sombrero auch als Deko.
Jackes in seinem Schlafzimmer, einem von zwei Räumen in der Schlichtwohnung, ...
Jackes in seinem Schlafzimmer, einem von zwei Räumen in der Schlichtwohnung, ...
... wo sich über 16 Jahre einiges angesammelt hat.
... wo sich über 16 Jahre einiges angesammelt hat.
In seiner Wohnung hat es sich Jackes gemütlich gemacht. Zwischen Nippes, Krusch und Radios.
In seiner Wohnung hat es sich Jackes gemütlich gemacht. Zwischen Nippes, Krusch und Radios.

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Ende der 1940er in Essen geboren, erlebt Erich Manfred Jackes eine Kindheit als waschechter „Kohlenpotter“. Der Vater malocht tief unter Tage, Zeche Zollverein, während er mit neun Brüdern und einer Schwester aufwächst. Ruhrpott-Normalität, schwarzer Ruß. Nach der Schule wird Jackes zum Bäcker und Konditor ausgebildet, dann arbeitet er als Koch auf einer Autobahnraststätte. Weil ihm der Job nicht passt, sattelt Jackes 1972 schließlich um – und steuert künftig einen Lkw durch halb Europa. Nur Bananen, erzählt er, tonnenweise. Für alle möglichen Discounter fährt er, von Aldi bis Netto. „Ich hab’ die Welt hinter mir“, meint Jackes heute. So landet er in den 80ern auch in Kaiserslautern, auf dem Einsiedlerhof. Als er das erste Mal aufkreuzt im „Kalkofen“, kurz danach, muss er schlucken. „Überall lag Müll“, erinnert sich Jackes. „Das war ein Saustall. Schlimm.“ Später zieht er schließlich nach Dansenberg – wo er geschlagene 27 Jahre verbringen wird. Ein Haus zur Miete, sechs Zimmer, Garten und Balkon. Reine Dorfidylle.

Nach einer Räumungsklage strandet er im „Kalkofen“

Niemals hätte er aus dem Lautrer Stadtteil weggewollt, sagt Jackes jetzt und nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette. Die Luft, der Wald, die Natur und alles. „Tolle Atmosphäre!“ 2009 aber bekommt er den Brief, der sein Leben auf den Kopf stellt: die Räumungsklage. Es ist der Moment, der alles verändert. Und der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht.

Jackes, gerade das zweite Mal verheiratet, muss raus. Warum? Brigitte, seine Ehefrau, die er nur „Kleines“ nennt, ist schwer alkoholkrank. Wein, den ganzen Tag. Einmal, da habe sie den Elektroherd nicht ausgeschaltet und „die halbe Bude ist abgebrannt“, sagt Jackes. Verrückt. Plötzlich sind die beiden obdachlos, nahe Verwandte haben sie keine in Lautern. Es wird also zur Aufgabe der Ämter, sie vorübergehend unterzubringen – und die Wahl fällt auf den „Kalkofen“. Genauer: auf eine der Schlichtwohnungen, wie so oft bei Räumungsklagen. Maximal drei Monate sollen sie bleiben. Ein neues Heim suchen, das ist der Plan. Doch das Ehepaar, es zieht nicht mehr weg. Aus Wochen werden Monate, aus Monaten Jahre. Ganze 16 ist das jetzt her. „Die Leute haben mich behalten“, sagt Jackes trocken. Endstation Asternweg. Neee, hätte er im Traum nicht dran gedacht.

Irgendwie gefällt es ihm damals aber, beliebt zu sein unter den Bewohnern der Straße. Anerkannt zu werden. Also lebt er sich ein mit dem Gefühl. Und wie das manchmal so ist, werfen einen Schicksalsschläge aus der Bahn. Als sie 56 ist, stirbt Brigitte – nach 20 Jahren Ehe. Jackes, dessen Geschichte die Menschen hier bestätigen, ertränkt seine Trauer im Alkohol. Die Tage und Nächte hält er nur besoffen durch, wie er sagt. „Um zu vergessen.“ Zwei Herzinfarkte übersteht er, ein dritter wäre tödlich, habe ihn der Arzt gewarnt. Dazu ein Geschwür am Rumpf, dreimal wird er operiert. Ilse Menke, die Kneipenwirtin von drüben, meint irgendwann bloß: ’Komm’, hör’ auf zu saufen, wir kriegen dich übern Berg.’ Heute trinkt Jackes zwar noch immer. Aber längst nicht mehr so wie früher, sagt er. Wenn er am nächsten Morgen raus muss zur Arbeit, gehe er nach drei Bier nach Hause. Und ja, Jackes packe an, selbst mit 76. Platten legen, Dach decken, Bäume schneiden. In der Früh werde er eingesammelt von der Kolonne. Nicht umsonst würden die Leute im „Kalkofen“ sagen, der Jackes, der ist fleißig und zuverlässig.

Jackes zieht nochmal um, in eine Wohnung mit Dusche

„Ich hab’ hier keinen Ärger, kein Theater, keine Schulden“, ruft er unvermittelt. „Mir sagt keiner mehr was.“ Und sobald er mal ein, zwei Tage nicht gesehen wird auf der Straße, frage jeder nach ihm. So sei das eben, im Viertel.

Wer Jackes nicht kennt, hat das Leben verpennt. Zumindest im Asternweg gilt das als ungeschriebenes Gesetz. Jetzt hockt er auf seiner Eckbank, umhüllt von weißen Rauchwolken, und erzählt all die Geschichten aus den vergangenen Jahren. Als er eingeschlafen ist mit der glühenden Kippe in der Hand, damit das Zimmer in Brand setzte. Als auf der Wiese der Rettungshubschrauber landete, um ihn zu holen. Oder als er verprügelt wurde vor dem Rathaus, weil er keine Zigarette hatte. Bis zum 15. September, sagt Jackes, soll er seine Sachen packen und umziehen. Rüber in die 35, in eine der renovierten Schlichtwohnungen – mit Bad und Heizung. Alles muss mit, erklärt er. Die Poster, die Radios, der Nippes. Sein ganzes Leben halt. Dass er bald eine eigene Dusche hat, das erste Mal seit Dansenberg, sei ihm „schon wichtig“. Er könne ja nicht abends in die Wirtschaft marschieren, verschwitzt vom Tag.

„Ich bin sauber“, sagt Jackes. „Sauber und fit.“ 100 Jahre alt will er werden, und es klingt fast wie ein Versprechen. So lange der Jackes da ist, hilft er, wo er kann. So lange der Jackes lebt, stehen die Süßigkeiten auf dem Tisch. Also zugreifen, bitte.

Leben im Brennpunkt

Kaiserslautern, Asternweg. Mit ihren maroden Schlichtwohnungen aus den 1950ern gehört die Straße im Osten der Stadt nicht nur zu den ältesten, sondern auch zu den bekanntesten sozialen Brennpunkten der Republik. Keine Bäder, keine Heizung, Armut und Arbeitslosigkeit – wer hier lebt, ist am äußersten Rand der Gesellschaft gestrandet. Wie sieht der Alltag aus im Viertel? Welche Hoffnungen hegen die Menschen? Was müsste getan werden, damit sie in Würde leben? Wer leistet Hilfe? Und was tut die Stadt im Kampf gegen die Probleme? In unserer Serie „Asternweg – ein Leben im Brennpunkt“ geben wir den Bürgern im einstigen Kalkofen eine Stimme und gehen den Problemen auf den Grund.

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