Kaiserslautern Lautringen vor fünf Jahrzehnten
Ob Album, Schuhkarton oder Digitalspeicher: In alten Bildern zu stöbern, macht Spaß. Zwei Lauterer, die seit 50 Jahren in Berlin leben, stellen zurzeit einen Fotoband mit historischen und neuen Aufnahmen aus der Barbarossastadt zusammen. Bis zur 750-Jahr-Feier im kommenden Sommer soll das Buch fertig sein. Ein paar prominente Lauterer mit überregionalem Renommee machen mit.
„Geplant ist ein hochwertiger und repräsentativer Bildband“, sagt Verlegerin Evelyn Weissberg. Das auf 250 Seiten angelegte Werk soll „den Wandel Kaiserslauterns vom Ende der 1970er Jahre bis heute sichtbar“ machen. Die Bilder werden „authentisch ohne ,Photoshop’ und Künstliche Intelligenz“ aufbereitet, kündigt die 69-Jährige an.
Mit Ansichtskarten fing’s an
Evelyn Weissberg ist in Zürich geboren und in Kaiserslautern aufgewachsen. In Jugendcliquen lernte sie ihren zwei Jahre jüngeren Mann Hermann Ebling kennen. Sie gründeten in der Marktstraße eine WG, ehe sie 1976 zum Studium nach Berlin gingen. Dort arbeitete er als Tonmeister und Fotograf für Film und Fernsehen, sie wurde Grafikdesignerin.
Einmal Lauterer, immer Lauterer: Hermann Ebling sammelt „seit ewig alle alte Ansichtskarten mit Motiven aus der Stadt“. Wenn seine Frau die Verwandten besuchte, durch die alte Heimatstadt. Allein bis 1995 nahm er an die 3000 Fotos auf. Für Evelyn Weissberg ist der Bestand „ein beeindruckendes visuelles Archiv, das lange unbeachtet im Privaten verblieb“.
Bezaubernde neue Heimat
Das Ehepaar, das drei Kinder hat, lebt im Berliner Stadtteil Friedenau – entstanden nach dem Krieg 1870/71, berühmt für seine „Literaturmeile“, die legendenumwobene „Kommune 1“ der 1968er-Bewegung, die historische Künstlerkolonie und überdurchschnittlich viele Bauten unter Denkmalschutz. „Der schöne weite Blick aus unserer Wohnung in der Rembrandtstraße auf die Friedenauer Brücke und über fast ganz Friedenau hat uns von Anfang an bezaubert“, sagt Evelyn Weissberg.
1986 entstand ihr erster gemeinsamer Bildband „Friedenau. Aus dem Leben einer Landgemeinde 1871 bis 1924“. Die inzwischen vergriffene Dokumentation stellt anhand historischer Fotos und Postkarten den Wandel vom Dorf zur beliebten Wohngegend des Bildungsbürgertums dar. Es wurde ein Erfolg.
Nachkriegsjahre in Berlin
Beflügelt von der Resonanz gründeten die Eblings einen eigenen Verlag namens Edition Friedenauer Brücke, in dem bis dato 19 Bild- und Fotobände erschienen sind. Einer dokumentiert den „Künstlerfriedhof Friedenau“, auf dem zahlreiche Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker beigesetzt sind, unter ihnen Marlene Dietrich, Oskar Pastior, Helmut Newton und der Krimiautor „-ky“.
Als überregionaler Bestseller erwies sich das Buch „Berlin um 1950“ mit Illustrationen des Fotografen Erich Hahn, der 2017 im 91. Lebensjahr in Friedenau starb. „Damals haben wir überhaupt nicht daran gedacht, dass mein Mann einen genauso großen Fundus an Bildern aus Kaiserslautern hat“, berichtet Evelyn Weissberg.
500.000 „Likes“ im Internet
Das dämmerte ihnen erst, als Hermann Ebling im Frühjahr 2024 einige seiner Bilder auf der Internetseite „Mein Kaiserslautern gestern und heute“ veröffentlichte. Das Echo war überwältigend. Im Lauf des Jahres bekamen seine Beiträge fast 500.000 „Gefällt-mir“-Markierungen. In den Kommentaren werden seitdem Erinnerungen ausgetauscht, die auch von „Exilanten“ aus dem Ausland kommen.
Der Grafikdesginer Norbert Roth – ehemals Dozent an der Lauterer Fachhochschule – brachte Weissberg und Ebling schließlich mit Jörg Heieck zusammen. Auch er hat mit dokumentarischen und wenig geschönten Kaiserslautern-Konterfeis zahlreiche Bücher und Ausstellungen gestaltet. So entstand die Idee, Eblings Bilder aus den Siebzigern mit den aktuellen Impressionen Heiecks zu kombinieren.
„Fotografischer Dialog“
Das Buch soll ein „einzigartiger fotografischer Dialog zwischen jüngerer Vergangenheit und Gegenwart“ werden, macht Verlegerin Weissberg neugierig. Ihr schwebt ein „Turn-around“-Buch vor, „bei dem die zwei Perspektiven jeweils von einer Seite her beginnen und sich zur Mitte hin treffen“.
Neben Jörg Heieck wollen die beiden Lauterer in Berlin zahlreiche weitere Landsleute aktivieren. So planen sie Gespräche mit dem Pfälzer Journalisten und Buchautor Harald Asel („Wer schrieb Beethovens Zehnte?“) im Gespräch, der im Hörfunk das Kulturleben der Bundeshauptstadt bewertet. Vor wenigen Wochen hat der zurzeit meistgefragte Kaiserslauterer in Berlin seine Mitarbeit zusagt: Bestseller-Autor Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“).
Doku statt Nostalgie
Derweil macht der auf den Lauterer Erzhütten lebende Norbert Roth bei der Gestaltung des Buchs mit, das „selbstverständlich auch vor Ort gedruckt“ werden soll. Der einer hiesigen Brauerei-Dynastie entstammende Franz-Georg Bender, der in Berlin ganz in der Nähe des Verlegerpaars wohnt, knüpfte Verbindungen zu einstigen Schulkameraden und Kollegen.
Inzwischen sind einige Spenden zusammengekommen, außerdem schießt die Kulturstiftung der Sparkasse Kaiserslautern weitere Mittel zu. Angesichts geschätzter Produktionskosten von rund 20.000 Euro hofft Evelyn Weissberg auf weitere Sponsoren.
Sie und ihr Mann wollen mit dem Buch „weniger Nostalgie“ bieten als vielmehr eine „Dokumentation der Veränderung, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Daher sollte der Bildband, so hoffen sie, „übers Jubiläum hinaus in den Kaiserslauterer Buchhandlungen vorrätig sein“.
Info
Infos zum Buchprojekt auf der Internetseite www.friedenauer-bruecke.de.