Kaiserslautern Komödiantischer Blick in den Abgrund

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Die Jury der 71. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica hatte es schwer. Das Angebot an preiswürdigen Filmen im Hauptwettbewerb um den Goldenen Löwen war enorm hoch. Doch die Juroren, darunter auch der deutsche Regisseur Philip Gröning, der im Vorjahr in Venedig den Spezialpreis der Jury für „Die Frau des Polizisten“ bekommen hatte, sagten nach der Zeremonie in schöner Einstimmigkeit: „Wir haben nicht gestritten, die Entscheidungen fielen uns leicht.“

Die Wahl von „A Pidgeon Sat on a Branch Reflecting Existence“ (Schweden/ Deutschland/ Norwegen/ Frankreich) – etwa „Eine Taube saß auf einem Zweig und sinnierte über das Leben“ – als Gewinner des Goldenen Löwen überrascht. Das Votum für die von vielen Besuchern als Außenseiter gehandelte Groteske darf sicherlich als Plädoyer für das anspruchsvolle Kunstkino gewertet werden. Was zu Venedig passt. Die ältesten Filmfestspiele der Welt wollen schließlich erklärtermaßen ein Kino fern kommerziellen Kalküls fördern. Auf dem Lido di Venezia ist erfreulicherweise nicht, wie etwa in Berlin und Cannes, die Jagd nach schnellem Profit auf einem Filmmarkt, das Feilschen der Händler, das A und O. Dies bedenkend, ist die Auszeichnung verständlich und verdient Beifall, auch weil endlich einmal Komödiantisches, üblicherweise auf Festivals chancenlos, das Rennen gemacht hat. Freilich offeriert der schwedische Autor und Regisseur Roy Andersson eine Groteske mit bitteren Momenten. In einer Folge von Sketchen, die durchweg wie Perlen des absurden Theaters anmuten, beleuchtet er die Abgründe der menschlichen Existenz. Da ziehen zwei traurige Clowns, erfolglose Verkäufer von Scherzartikeln, von Haus zu Haus und werden ihre Ware nicht los. Der Reigen der Momentaufnahmen des Menschlich-Allzumenschlichen hat durchaus eine gesellschaftskritische Dimension. In einer surrealen Szene beispielsweise reflektiert er die von viel Grauen gezeichnete Historie Schwedens als Kolonialmacht. Einem gänzlich unpolitischen Film den Hauptpreis zu geben, wäre gar nicht möglich gewesen. Denn dieser Festspieljahrgang war ausgesprochen politisch. Deshalb hatte ein Großteil der Besucher auch erwartet, die Jury würde sich für die Dokumentation „The Look of Silence“ von Regisseur Joshua Oppenheimer entscheiden. Er bekam immerhin den Großen Preis der Jury. Oppenheimer zeigt die Mörder von Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen Indonesiern. Sie wurden vor einem halben Jahrhundert als angebliche Staatsfeinde umgebracht. Die heute zum Teil in Indonesien noch in politischen Schlüsselpositionen agierenden Täter gelten weithin als Helden. Als solche spreizen sie sich auch vor Kamera und Mikrofon. Warum hat dieser Film nicht den Goldenen Löwen bekommen? Vielleicht weil den erst im Vorjahr eine Dokumentation („Sacro GRA“/ Italien) erhalten hat? Eine Entscheidung, über die man streiten kann. Was dadurch angeheizt wird, dass Schauspielstar Tim Roth bei der Übergabe der Auszeichnung sagte: „Dies ist ein Meisterwerk!“ Was stimmt. Doch hätte nicht das Meisterwerk des Wettbewerbs den Hauptpreis bekommen sollen?! Unstrittig ist die Vergabe des Silbernen Löwen für die beste Regie an den Russen Andrei Konchalovsky. Es gab viel Jubel des Publikums und der Kritiker für seinen am letzten Festspieltag gezeigten Film „The Postman’s White Nights“. Das ist eine märchenhaft schöne Kleine-Leute-Ballade voller russischer Seele und noch mehr Wodka, die es in sich hat. In seiner fast ausschließlich mit Laiendarstellern besetzten Sozialstudie zeigt Konchalovsky den Alltag der Ärmsten der Armen auf einer Insel in einem See nahe der finnischen Grenze. Der Postbote ist für die hier Vergessenen der Verbindungsmann zur Welt. Ausgerechnet ihm wird der Bootsmotor gestohlen. Was nun? Auch hier beeindruckt, wie künstlerisch klug und völlig unaufdringlich gesellschaftliche Realität, etwa Korruption und Bürokratie, weit über die erzählte Geschichte hinaus gespiegelt wird. Wie beim Goldenen Löwen dürfen sich deutsche Ko-Produzenten auch beim Spezialpreis der Jury freuen. Den bekam der überwiegend in Berlin lebende türkische Regiedebütant Kaan Müjdeci für „Sivas“. Der leise Film erzählt von einem etwa zehn-, elfjährigen Jungen und dessen Freundschaft mit einem Kampfhund. Die vor allem mit Handkamera gedrehte Geschichte fesselt mit schöner Aufrichtigkeit und fasziniert, weil sie ganz nebenbei etwas von den Mechanismen eines vom Machismo geprägten Lebens offenbart. Ein facettenreiches Bild der gegenwärtigen türkischen Gesellschaft. Seltsam mutet die Ehrung der besten Schauspieler an. Die Entscheidung für Alba Rohrwacher (Italien), Hauptdarstellerin in „Hungry Hearts“, ist verständlich, die für ihren Partner Adam Driver (USA) weniger. Die Doppelauszeichnung riecht ein wenig nach Verlegenheitslösung, als habe die Jury schnell mal die beiden Länder bedenken wollen, die mit jeweils breitem und überwiegend künstlerisch herausragendem Angebot den stärksten Eindruck hinterlassen haben: Italien und die USA. Rohrwacher fesselt in dem Drama des italienischen Autors und Regisseurs Saverio Costanzo mit der facettenreichen Studie einer Frau, die ihr Baby auf Grund eines völlig irren, von esoterischen Einflüssen geprägten Schönheits- und Gesundheitswahn malträtiert. Was tödliche Folgen hat. Die Romanverfilmung besticht durch die Konsequenz, mit der sie gefährliche Lebensmuster entlarvt, hinter denen nichts als die Geldgier falscher Propheten lauert. Alba Rohrwachers Intensität hat großen Anteil an der starken Wirkung. Adam Driver hingegen kaum, reagiert er in seiner Rolle doch fast ausschließlich auf seine Partnerin. Es ist unverständlich, dass statt seiner nicht der umwerfend gut agierende Michael Keaton aus den USA ausgezeichnet wurde, Star des Eröffnungsfilms „Birdman“ (DIE RHEINPFALZ vom 30. August). Wie es überhaupt zu bedauern ist, dass die Jury unter Vorsitz des französischen Komponisten Alexandre Desplat diese bittere Komödie von Regisseur Alejandro González Iñárritu übersehen hat. Denn dieser Film hat alles, was den diesjährigen Festspiel-Jahrgang in Venedig zu einem herausragenden machte: suggestive Bilder, eine Erzählkunst wider alle 08/15-Konventionen , einen Blick für gesellschaftliche Schieflagen unter dem Druck der Macht des Kapitals, und das alles sehr unterhaltsam. Aber der Film dürfte auch so seinen Weg durch die Kinos der Welt machen. In Deutschland startet er Anfang nächsten Jahres.

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