Kaiserslautern Klage in düsteren Klangfarben
Einige leere Reihen gab es im SWR-Studio am Sonntag beim 1. Ensemblekonzert der Deutschen Radio Philharmonie trotz künstlerischer „Inkarnation des Ideals“. Diese im klassischen Sektor leider häufig zu beobachtende Diskrepanz zwischen hochwertiger künstlerischer Produktion und geringer Rezeption hat vielleicht hier einen Grund im Verschieben der Anfangszeit von zuletzt 17 auf jetzt wieder 11 Uhr. Das stiftet Verwirrung.
„Wie liegt die Stadt so wüste“ – keine Angst, damit ist nicht Kaiserslautern gemeint. Vermutlich gastierte der Hamburger Kirchenmusiker des Barock, Matthias Weckmann, nie in der Barbarossastadt. Der Titel seines Geistlichen Konzertes für zwei Singstimmen und Instrumental-Ensemble folgt vielmehr den Klageliedern des Jeremia und bezieht sich auf die Zerstörung Jerusalems. In der schwermütigen Betrübnis ist sein Werk vielleicht auch eine Folge der in Hamburg im Entstehungsjahr (1663) des Zyklus’ ausgebrochenen Pestepidemie. Dieses Geistliche Konzert in der stilistischen Beeinflussung durch Heinrich Schütz und eine weitere Dialog-Kantate für zwei Singstimmen von Christoph Bernhard gehörten zu den interessanten Wiederentdeckungen des Kammerkonzertes. Wie Schütz seinerzeit in Italien Impulse erhielt, wurde auch für Bernhard seine Italienreisen stilbildend für eine – wie zu erleben war – dramatisch bewegte, in Rezitativen und Arien erregte (Agitato) Darstellung der textlichen Botschaften. Diese basieren auf biblischen Stoffen und Personen, in deren Rolle die Sopranistin Johanna Winkel und der Bassist Andreas Wolf schlüpften. Den Klagegesang Weckmanns gestaltete die Sopranistin sehr verinnerlicht, ja schier entrückt und in düsteren Klangfarben. Auch der Bassist verstand sich als Medium für diese unheilvollen Stimmungen, die er in plastischer Linienführung und fein ziselierter Melismatik vortrug. Bei den Solisten stand das erzählend-berichtende Moment des Stilo Rappresentativo des Frühbarock im Vordergrund und nicht die virtuose Selbstdarstellung. Dieser Subtilität entsprach die hoch differenzierte Spielweise des in Fragen historischer Aufführungspraxis hörbar bewanderten Instrumentalensembles. Die Geigerinnen Margarete Adorf und Xiangzi Cao, Helmut Winkel und Friederike Kastl (Viola) sowie Mario Blaumer (Cello) und Ilka Emmert (Kontrabass) bekennen sich entweder zu einem historisch authentischen Instrumentarium, zumindest zum Barockbogen und zur damals gebräuchlichen Darmsaiten-Bespannung und diese einen Viertelton tiefer. Dazu kultivieren sie eine sehr plastische, durchsichtige, kleingliedrige und gestochen klar artikulierte Spielweise, so dass sich ein gänzlich anderer Klangeindruck einstellt als in der Klassik/Romantik gewohnt. Zusammen mit der nur zweiklappigen Barockoboe von Margret Schrietter im gedeckteren Ton und dem nur dezent eingesetzten Orgelpositiv von Eri Takeguchi gelang die Abkehr vom romantischen Klangideal der opulenten Verschmelzung zugunsten eines aufgefächerten, barocken Spaltklanges. Wobei sich die Primgeigerin Adorf mehrfach solistisch auszeichnen konnte mit einer lupenreinen spielerischen Klarheit und anmutigen Leichtigkeit selbst bei den heikelsten Saitenübergängen ihrer Episoden, die vokalistische Soli umspielten. Andererseits hat auch die absolute Synchronisation zwischen Cello und Kontrabass Seltenheitswert. Alles zusammen bereitete den Boden für die Vermittlung der textlichen Botschaft, die dann bei den beiden Bach-Kantaten eine neue gestalterische Intensität erfuhr. Die beiden Bach-Werke anlässlich des zweiten Weihnachtstages und des ersten Sonntags nach Epiphanias zeigten eine interpretatorische Steigerung. Dies vor allem in der Anwendung stimmlicher Ausdrucksmittel bei Schwelltönen (Messa di voce), bei der spielerischen, scharfen Akzentuierung im deutlich strukturierten Akzentstufentakt, was letztlich diesen Bachstil schwungvoll, noch spannungsgeladener erschienen ließ und rhythmische Spannkraft sowie mehr Lebendigkeit bewirkte. Waren die beiden Hamburger Kirchenmusiker Weckmann und Bernhard Meister der fein ziselierten Töne im subtilen Wort-Ton-Verhältnis nach stilisierten Figuren, so brachte Bach mehr Elan und Vitalität ein.