Kaiserslautern Klänge wie flüssiges Gold
Schon wieder ist der Rezensent in Versuchung in Superlativen zu schwelgen. Das 18. Irish Folk Festival (IFF) am Dienstagabend in der Kammgarn, das mit Blick auf den Brexit unter dem Motto „Music knows no borders“ (Musik kennt keine Grenzen) stand, war wohl eines der besten dieser Art. Das wussten auch die 200 Besucher im Kasino zu goutieren, die zusammen mit den vier Formationen für eine wunderbare Atmosphäre sorgten.
Das IFF ist für das frisch gebackene Ehepaar Joanna Hyde und Tadhg Ó Meachair eine Art verspätete Hochzeitsreise, dabei harmonierten die beiden jedoch wie ein altes Ehepaar. Fiddle (Hyde) und Akkordeon (Ó Meachair) spielten die beiden mit einer so selbstverständlichen Leichtigkeit, dass man in Versuchung kam, ihren Sound als „Irish Folk light“ zu bezeichnen. „Unplugged“ wäre das bessere Wort für den Zustand der Ursprünglichkeit und Schwerelosigkeit, der sich beim Zuhörer einstellte, als die beiden in das Reich der Jigs und Reels davonflogen. Es gab auch gar keinen Ehestreit, wenn die Amerikanerin und der Ire miteinander über die verschlungenen Mäander düsten und dabei auch nicht ein einziges Mal über die raffiniertesten Hürden stolperten. Denn weder der amerikanische noch der irische Folk gewann dabei die Oberhand. Hyde hatte auch als Vokalistin federleichte Harmonien und sanfte Lieder zu bieten. Das Duo war aber auch unablässig dabei, mit eigenen Instrumentalstücken zu experimentieren und individuelle Melodiewendungen, progressive Harmonien und rhythmische Patterns zu schaffen, die sich beim Hörer wie ein musikalischer Steckbrief einprägten. Als Hyde dann noch begann zu steppen, stieg das Stimmungsbarometer auf den ersten Höhepunkt. Mit Christy Barry und James Devitt stellten sich zwei in Ehren ergraute Urgesteine des traditionellen Irish Folk vor. Querflöte oder Tin Whistle (Barry) und Fiddle (Devitt) genügten, um das Kasino in Begeisterung zu versetzen. Entscheidend dürfte der Spirit sein, der immer noch in den beiden Musikern lodert und den Funken auf Anhieb überspringen ließ. Dabei hatten die beiden Künstler aus der Gegend um Doolin und den Cliffs of Moher das Ohr ganz fest auf den Boden Irlands gelegt. Ohne Umwege gingen sie durch die oberflächliche Kruste des Alltäglichen direkt ins Magma der irischen Tradition mit ihren schier unendlichen Mäandern, die sich immer wieder wiederholten, wobei sie das Tempo von Phrase zu Phrase verschärften. Wer aber genau hinhörte, konnte erfahren, dass diese reiche Ornamentik sich in winzigen Kleinigkeiten immer wieder veränderten. Verblüffend bei diesem Stimmengeflecht war, dass trotz aller traditionellen Verankerung die Musik stets eine ganz spontane Vitalität und Ausdrucksintensität behielt. Der Herstellung von Whisky war Ailie Robertsons Projekt „Traditional Spirits“ gewidmet. Und in der Tat – die Melodien des Sextetts leuchteten in so hellen Farben wie das „flüssige Gold“ Schottlands. Katzenhaft elegant schwangen sich die Klänge der keltischen Harfe – Robertson ist eine der führenden Harfenistinnen Schottlands – empor und woben sich zu einem fliegenden Klangteppich. Robertson wirkte wie ein Vulkan, der Kreativität spuckt, wild, kratzbürstig und trotzdem feenhaft. Nach dem Zwiebelprinzip flochten sich dann nach und nach Saxophon und Whistle (Fraser Fifiel) Fiddle (Patsy Reid), Gitarre (Tom Oakes) und Perkussion (Mattie Foulds) mit ein – heiter, manchmal frech und widerborstig. Zugleich aber mischte sich mit rockigen und jazzigen Elementen eine ironische Distanz in den klanglich differenzierten Sound, eine Doppelbödigkeit, die vor allem durch die grellen Klangfarben (furiose Streicherpassagen, feurige Saxophon-Glissandi, virtuose Tonkaskaden auf Tin Whistle) die Zuhörer von Titel zu Titel immer mehr mitriss. Aber auch empfindsame und klanglich hochdifferenzierte Stücke waren von großem Reiz. Kein Wunder, dass die Hörer von dem vielen „Whisky“ in den Melodien (siehe „Brandy“) wie berauscht applaudierten. Mit The Outside Track stellte sich eine weitere hochkarätige Band vor, deren Mitglieder aus Irland, Schottland und Kanada kommen. Dementsprechend bot das Sextett mit einem frischen Blick von außen eine neue, innovative Perspektive. Überschäumende Spiellaune, beeindruckende Virtuosität, Stepptanzeinlagen, eigenwillige Arrangements und eine Sängerin (Teresa Horgan) mit einmaliger Stimme brachten den Saal vollends in Hochstimmung. Entsprechend ihrer weltoffenen Zusammensetzung war der Sound und das Repertoire dieses Ensembles überaus vielfältig. Und die ideale Band, um der Gemeinde zum Schluss des Festivals so richtig einzuheizen. Die sechs Musiker hatten genau den Dreh raus, ihre keltischen Roots mit dem Zeitgeist zu düngen und rockige Ohrwürmer (Mattie Foulds wieder fantastisch am Schlagzeug) ohne Umwege in die richtige Spur zu dirigieren. Da ging mit Mairi Rankin an der Fiddle, Ailie Robertson an der Harfe, Fiona Black am Akkordeon und Teresa Hotgan an der Flöte die Post ab. Die Stimme von Teresa Horgan hatte dabei einen unverwechselbaren Charakter und ging runter wie kanadischer Ahornsirup. Die Besucher applaudierten im Stehen. Bei der abschließenden Session mit allen Beteiligten schienen die Hexen zu tanzen wie auf dem Blocksberg. Helle Begeisterung.