Kaiserslautern
Kaiserslauterer Pflege- und Altenheime sind bei Lockerungsdiskussion zurückhaltend
„Die Stimmung bei Bewohnern und Mitarbeitern ist gut“, sagt Alwin Emmenecker, Leiter des AWO-Seniorenhauses Alex Müller, die Beschäftigten seien durch die Krise zusammengerückt: „Es geht sogar ein bisschen ruhiger zu, da keine Besucher ins Haus dürfen. Selbst Hausärzte kommen nur, wenn es wirklich notwendig ist.“ Wohngruppen bleiben unter sich, bei den Mahlzeiten werden Mindestabstände eingehalten. „Das schränkt die Bewohner schon ein, aber wir versuchen, eine Durchmischung zu vermeiden.“ Emmenecker will sich lieber nicht ausmalen, was passiert, wenn ein Bewohner oder Mitarbeiter am Coronavirus erkrankt. Kontakte zu Angehörigen sind über die Terrasse des Seniorenhauses möglich – mit reichlich Sicherheitsabstand – oder durch ein gekipptes Fenster im Eingangsbereich. Nach Terminvereinbarung. Man müsse eben das beste aus der Situation machen.
Von einer zu schnellen Lockerung der Besuchsregeln schreckt Emmenecker zurück: „Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn wir das Haus von heute auf morgen wieder öffnen würden.“ Die Landesregierung wolle sich dazu am Mittwoch äußern: „Mal sehen, was dann kommt.“ Von einer vorsorglichen Testung der Bewohner und des Personals auf das Coronavirus hält Emmenecker wenig: „Mit einmaligem Testen komme ich nicht weit, das müsste dann in regelmäßigen Abständen passieren. Grundsätzlich finde ich das Testen aber gut und wichtig, um möglichst früh Fälle zu erkennen.“
„Die Bewohner leiden schon“
Das sieht auch Johannes Schoner, Geschäftsführender Gesellschafter bei Kessler-Handorn, so: „Man kann gar nicht genug testen.“ Er spricht sich für häufige und großangelegte Tests aus, auch, weil die Mitarbeiter und deren Familien ja im privaten Umfeld nach und nach wieder mehr Kontakte haben können. Nur so könne ein Ausbruch früh entdeckt und eingegrenzt werden. Was die Lockerungen in Seniorenheimen angeht, ist er vorsichtig. „Das ist ganz schwierig. Aber zusammen mit häufigen Testungen der Mitarbeiter und Bewohner könnte man da vorsichtig öffnen“, findet Schoner. Ihm ist klar: „Das alte Leben werden wir in den nächsten Monaten nicht haben.“
Mitarbeiter mit Mundschutz, ein geschlossenes Café in Siegelbach und feste Wohnbereiche ohne viele Kontakte untereinander werden weiterhin das Bild bestimmen. Schoner: „Die Bewohner leiden schon ein wenig unter dem Besuchsverbot, auch weil dadurch feste Rituale wegfallen.“ Etwa der tägliche Besuch der Tochter bei der Mutter. Durch verschiedene Aktivitäten in den Wohngruppen werden die Bewohner beschäftigt. Angehörige können – abgesehen vom Telefon ihre Verwandten über bereitstehende Tablet-PCs und Videotelefonie vor Ort kontaktieren, an mit Plexiglasscheiben getrennten Tischen sitzen oder übers Fenster oder den Hof in Kontakt bleiben. Im Kessler-Handorn-Haus in der Innenstadt ist das Kiosk mit kleineren Umbauten so gestaltet worden, dass sich dort Bewohner und Besucher unterhalten können.
„Wer erkältet ist, bleibt draußen“
Ähnlich kreativ zeigt sich die Seniorenresidenz des Westpfalz-Klinikums, wie deren Pflegedienstleiterin Hella Blinn, erzählt: „Bei uns sind Treffen im Eingangsbereich möglich, getrennt durch eine Tür können Angehörige dort mit den Bewohnern sprechen. Da können wir sogar auch mal ein Bett hinfahren.“ Dass niemand den Bewohnern und ihren Familien einen Stichtag nennen kann, an dem alles wieder „wie früher“ ist, mache einige von ihnen schon zu schaffen. Nach Terminvereinbarung werde aber versucht, alles möglich zu machen – im Rahmen der Verordnungen.
Coronatests hält Blinn nur in Verdachtsfällen für sinnvoll. Man habe strenge Auflagen, an die man sich halte, und die Mitarbeiter, die noch Kontakt zur Außenwelt haben, seien sensibilisiert. Blinn: „Wer Erkältungsanzeichen hat, bleibt außer Haus.“ Ein genereller Massentest könne trügerisch sein, wenn alle Testungen negativ ausfallen: „Dann müsste man schon täglich testen, um sicher zu sein.“ Man setze daher stark auf Prävention, beispielsweise müssen alle Mitarbeiter ein Temperaturtagebuch führen. „Das ist zwar mehr Aufwand für alle, aber das lohnt sich“, sagt Blinn und schiebt hinterher, „und auch mehr Kosten.“ Eine gezielte Öffnung der Seniorenheime mit klaren Regeln und festen Öffnungszeiten sei aus ihrer Sicht machbar: „Das geht nicht von heute auf morgen, aber mit einem Plan und räumlicher Trennung.“
Alle Testergebnisse negativ
„Die Angehörigen stehen telefonisch in Kontakt mit den Bewohnern“, sagt Elisabeth Geurts, Pressesprecherin des DRK Landesverband Rheinland-Pfalz, für das DRK Seniorenzentrum in Kaiserslautern. Zudem bestehe die Chance, sich über digitale Medien (Skype) miteinander auszutauschen. Vor Ort gibt es im Foyer des Weiteren zwei „Kommunikationsfenster“ an denen sich Besucher und Bewohner durch eine Acryltrennscheibe unterhalten können. Auch im Seniorenzentrum an der Feuerwache wurden Aktivitäten wie das gemeinsame Essen im großen Speisesaal, Singen und Turnen und die Tagespflege eingestellt. Therapie- und Gesprächsangebote, Bewegungstraining und Atemgymnastik finden nun einzeln statt.
Für einen Schreck hat in dem Pflegeheim wohl ein positiver Corona-Test gesorgt. Beim zweiten Test sei das Ergebnis negativ ausgefallen, schildert Geurts: „Das DRK Seniorenzentrum Kaiserslautern hat in Absprache mit dem zuständigen Gesundheitsamt alle Mitarbeiter und Bewohner testen lassen. Derzeit sind alle Ergebnisse negativ. Aufgrund der zunächst positiven Testung wurden alle vorgeschriebenen Schutz-Maßnahmen des Pandemie-Plans in enger Absprache mit dem Gesundheitsamt umgesetzt.“ Da eine einmalige Testung nur eine Momentaufnahme darstellt, plädiere der Betreiber für eine regelmäßige Testung – auch der Mitarbeiter–, um die Situation besser einschätzen zu können.
„Lieber noch vier Wochen zu“
„Generelle Tests haben zwei Aspekte“, sagt Diana Mujcinovic vom Caritas-Altenzentrum St. Hedwig: „Natürlich ist es interessant, zu sehen, wer hat’s, wer nicht? Aber auf der anderen Seite ist es auch die Frage, was mit den Senioren ist. Was kann ich denen zumuten?“ Ihrer Meinung nach ist die Ansteckungsgefahr in einem Einkaufsmarkt deutlich größer, als im Seniorenheim, wenn alle die Regeln beachten. Eine Öffnung von Seniorenheimen sei derzeit nicht wünschenswert, sagt die Leiterin der Einrichtung, Jutta Asal von Wuthenau: „Wir sprechen zwar jeden Tag darüber und müssen auch planen, für den Fall, dass sich Verordnungen ändern, aber mein Wunsch wäre: ,Lasst mal lieber noch vier Wochen zu!’“ Mögliche Lockerungen werde man in enger Abstimmung mit den Bewohnern und den Angehörigen umsetzen: „Was wollen die?“
Langweilig, versprechen Mujcinovic und Asal von Wuthenau, werde es den Bewohnern im St. Hedwig jedenfalls nicht. Täglich werde auch die Stimmung der Senioren abgefragt, „ob vielleicht auch mal jemandem die Decke auf den Kopf fällt“. Über Balkone oder das Internet können die Bewohner Kontakt in die Außenwelt halten, das Betreuungs- und Aktivitätenangebot werde in Wohnbereichen durchgeführt. Dazu kommen beispielsweise auch Konzerte von Künstlern, die im gebührenden Abstand zu den Bewohnern auftreten und Abwechslung in deren Alltag bringen.
Viel Engagement für die Senioren
Ein Angebot, das es in vielen der Senioren- und Pflegeheime gibt. Überhaupt sind sich die von der RHEINPFALZ befragten Verantwortlichen in etlichen Punkten alle einig: Die Senioren würden die Situation mit großer Würde und Gelassenheit ertragen, sogar das Personal der Einrichtungen noch motivieren. Immer wieder seien Sätze wie „Wir haben schon viel Schlimmeres durchgemacht“ zu hören. Und: Besuche bei sterbenden Angehörigen sind nach Absprache erlaubt, wenn sie auch mit einigem Aufwand (Begleitung zum Zimmer des Angehörigen und Schutzkleidung) verbunden sind.
Gesundheitsamt gegen generelle Tests
„Eine flächendeckende Testung aller Bewohner sowie den Mitarbeitern in Senioren- und Pflegeheimen ist weder aus medizinischer noch aus epidemiologischer Sicht sinnvoll“, sagt die für das Gesundheitsamt zuständige Kreissprecherin Georgia Matt-Haen auf Anfrage. Eine Testung ergebe nur Sinn, wenn bereits ein positives Testergebnis aufgetreten ist. „Dann werden umgehend die notwendigen Maßnahmen gemeinsam mit der Einrichtung besprochen und umgesetzt.“ Es sei nicht auszuschließen, dass es dann zu einer Testung von allen Bewohnern und Mitarbeitern kommt. Entsprechende Aktionen werden in der Regel in Absprache mit dem Gesundheitsamt sowie der Einrichtung und dem Träger vereinbart. Die sogenannte Durchseuchung in den Alters- und Pflegeheimen geschehe oft unerkannt. Matt-Haen: „Das macht diese Institutionen auch so anfällig. Jedoch sind Abstrichaktionen ohne Anlass nicht zielführend.“ Ein Testergebnis sei nur eine Momentaufnahme, es müssten in regelmäßigen Abständen immer wieder Tests durchgeführt werden.