Kaiserslautern
Im Kampf gegen Graffiti-Schmierereien
Auf dem oberen Parkdeck von Edeka in der Zollamtstraße hat man einen guten Blick auf den so genannten Yard. Yard bezeichnet in der Szenesprache den Platz, an dem Züge über Nacht abgestellt sind und damit ein gutes Ziel abgeben für Sprayer. „Das kann aber auch während des Betriebs passieren“, sagt Burkhard Clasen. Binnen weniger Minuten habe eine Gruppe von Sprayern einen kompletten Zug besprüht, berichtet der Bundespolizeibeamte, der sich mit Graffiti befasst. In den Zuständigkeitsbereich seines Kollegen von der Landespolizei, Bastian Schäfer, fallen die Schriftzüge, die die Mauern des Parkdecks zieren. Da sich die Szene aber nicht um die Zuständigkeiten der Polizei schert – Bahnanlagen sind Sache der Bundespolizei, Straßen und Plätzen der Stadt die der Landespolizei – arbeiten die Beamten zusammen, tauschen sich aus zu neuen Schriftzügen, neuen Bildern, neuen Sachbeschädigungen.
Graffiti finden sich überall
Wer die Augen ein wenig offen hält beim Gang durch die Stadt, entdeckt mehr Graffiti als einem lieb sein kann: auf Rückseiten von Straßenschildern, auf Ampelmasten, an Hauswänden, auf Mülleimern, auf Stromkästen – überall. Wer genauer hinsieht, erkennt auch Muster in den Schmierereien, Buchstaben, Symbole, Schriftzüge. Für Clasen und Schäfer ist das Alltag. Sie kennen die Tags und Schriften in der Innenstadt, lesen darin Muster ab, versuchen, Werke einzelnen Künstlern, vulgo: Tätern zuzuordnen. „Wenn ein Haus besprüht wird, dann ist das eine Straftat“, unterstreicht Schäfer.
Gino Stobrawe, bei der Bundespolizei in Kaiserslautern unter anderem für Pressearbeit zuständig, unterstreicht die Konsequenzen, die Graffiti-Sprayern drohen: Da sei zum einen der strafrechtliche Aspekt. „Jedoch kommen auf die Verursacher auch zivilrechtliche Ansprüche in nicht unerheblichem Maße zu.“ Heißt: Den Schaden können sich die Hausbesitzer oder die Bahn ersetzen lassen.
40.000 Euro für Reinigung der Züge
Etwa 40.000 Euro gibt die Bahn allein in Kaiserslautern im Jahr für die Reinigung ihrer Züge aus, schätzt Clasen, der bei einer Reinigung mit einer Faustformel für die Kosten arbeitet: Ein Quadratmeters an einem Zug zu reinigen, kostet etwa 35 Euro. Beschmierte Häuserfassaden oder Mauern seien „ein großes Ärgernis“ und verursachten „immense Kosten“ für die Betroffenen, ergänzt Schäfer. Wenn die Fassade einer Immobilie gereinigt (oder neu gestrichen oder verputzt) werden muss, kämen Kosten im sechsstelligen Bereich zusammen. Dennoch: Die Schmierereien so schnell es geht entfernen zu lassen, sei ein probates Mittel: „So nimmt man ihnen die Fame“, sagt Clasen. Fame steht für Ehre, für die Bewunderung in der Szene. Graffito, die nicht lange zu sehen sind, mehren auch nicht den Ruhm des einzelnen.
Die Sprayer-Szene in Kaiserslautern sei eine sehr geschlossene, berichten die Beamten. Etwa ein Dutzend aktive Sprayer gibt es in der Stadt, schätzen Clasen und Schäfer. Und einige davon haben eine offenkundige Verbindung in die Fan-Szene des 1. FC Kaiserslautern, wie die vielen „FCK“-Schriftzüge im Stadtbild beweisen. Und nicht nur mit dicken Filzschreibern angebrachte Wörter zeugen von der Fan-Verbindung, auch die zahllosen Aufkleber, vorzugsweise an Laternenmasten, sind der Fanszene, auch von auswärtigen Fans, zuzuordnen.
Sprayer sind standorttreu
Die einzelnen Vertreter seien sehr ortstreu: „Es gibt Tags, die tauchen in der Altstadt auf, aber nicht im Musikerviertel“, berichtet Schäfer. Tag ist ein Begriff, der quasi die Unterschrift eines Sprayers darstellt. Und da die Künstler nicht mit ihrem bürgerlichen Namen unterschreiben, sei es sehr schwer, Tags einzelnen Menschen zuzuordnen. Deshalb sind die Beamten neben dem Austausch untereinander auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, unterstreicht Stobrawe. Denn die Sprayer zeichneten sich durch hohe Geschwindigkeiten beim Anbringen von Graffiti aus, erklärt Clasen. Dennoch: „Wir erwischen auch mal einen auf frischer Tat“, sagt Schäfer.
Zur Sache: Kleines Glossar
Bombing:Kommt aus dem Englischen, bedeutet Bombardierung. Dahinter verbirgt sich das schnelle Anbringen von Graffiti, das allein auf die Menge ausgelegt ist. Meist werden nur Schriftzüge angebracht.
Fame: Englisches Wort für Ruhm. Bezeichnet das Ansehen unter den Sprayern.
Piece: Kurzform von Masterpiece, zu Deutsch Meisterwerk. Ursprünglich für ein großes, meist mehrfarbiges Werk benutzt, heute bezeichnet es allgemein ein einzelnes Graffito
Tag: Die Unterschrift eines Sprayers unter sein Werk. Meist sind es Kürzel, die aber in der Szene bekannt sind und somit klarstellen, wer wo Graffiti hinterlässt. Tags werden auch zur Reviermarkierung genutzt. Crewtags werden verwendet, wenn mehrere Künstler an einem Werk beteiligt waren
Yard: englisches Wort für Hof, bezeichnet in der Szene einen Abstellplatz für Züge.