Kaiserslautern und Kreis
Idealisten sichern Überleben von Musikvereinen in schweren Zeiten
Die RHEINPFALZ berichtete bislang über die Sorgen der örtlichen Musikvereine vor dem Hintergrund der Coronaverordnungen mit den verhängten Einschränkungen, aber auch über ohnehin schwindende Zahlen der Aktiven im Landesmusikverband. Gleichzeitig gehen viele Musikverlage bei ihrem Notensortiment von Idealbesetzungen aus, die in unserer Region kaum erreicht werden. Kaschiert wird die Zuspitzung der Problematik durch Idealisten, Enthusiasten und herausragende Leistungsträger, die ihr vielseitiges Können in den Dienst mehrerer Orchester stellen – ohne sie wäre die Situation noch prekärer, wären manche Orchester nicht spielfähig. Daher wollen wir hier einige dieser vielseitig begabten Musiker vorstellen.
Wenn der Vater mit dem Sohne
Im Reichenbacher Musikverein sind Vater Jürgen und Sohn Jan Epp die tragenden Säulen: Jürgen seit 1979 auf Trompete und Flügelhorn im Verein, zuvor war er in Kindsbach beim Kolping-Blasorchester aktiv, begann dort mit dem Tenorhorn. Außerdem spielt er noch in Kottweiler-Schwanden, früher beim Eisenbahner-Musikverein Lauterecken und ist Aushilfe in Reipoltskirchen – und ist grundsätzlich immer bereit, wenn es irgendwo „brennt“. Bei den legendären Hofwald-Musikanten spielte er solange eine führende Rolle wie diese als Unterhaltungskapelle in der Alten Mühle existierten.
Sohn Jan studierte Trompete beim verstorbenen Peter Leiner (Rennquintett), brachte sich als Dirigent vieler regionaler Blasorchester wie etwa dem Kolping-Blasorchester Kaiserslautern oder derzeit in seinem Heimatverein Reichenbach ein. In Rodenbach leitet er das Jugendorchester, spielt dort im Konzert-Blasorchester mit, ebenso bei den Fidelen in Kusel und den Original Böhmischen Musikanten. Früher war er bei den Brass Cats – einem Blechbläser- Ensemble mit vielen Wettbewerbs- und Konzerterfolgen – ebenso unverzichtbar wie beim SOKL (Sinfonieorchester des Landkreises Kaiserslautern).
Ein halbes Jahrhundert Engagement
Ludwig Wenzel aus Kindsbach sieht im RHEINPFALZ-Gespräch eine soziale Verantwortung, wenn er in seinem Heimatverein Kindsbach über 50 Jahre Aktivität zurückblickt: Ausgebildet auf der Trompete beim damaligen Trompeter des SWR, Gerd Blodau, kam er dann erst 1990 versuchsweise zur Tuba und nahm beim Mackenbacher Erzmusikant Elwir Held Unterricht. „Es ist des Lernens kein Ende“, dieses Zitat aus den musikalischen Haus- und Lebensregeln des Komponisten Robert Schumann, nahm sich Wenzel zu Herzen, als der 65-Jährige vor einigen Jahren eine weitere Ausbildungsserie in Heidelberg bei einem bekannten Musiklehrer startete – obwohl er im Kindsbacher Blasorchester zu den Leistungsträgern gehört. Zudem ist er Bassist und Gründungsmitglied von Blech pur, dem renommierten Blechbläser-Consort von Leiter Bernd Jörg. Wenzel spielt Aushilfe zudem in Hauptstuhl, Kollweiler und Otterbach beim für ihn völlig neuen Crossover-Projekt. „Ich bin nach allen Seiten offen“, lautet das Lebensmotto des pensionierten Polizisten. Über die Landkreis-Grenzen hinaus hat es ihn so bis zum Blasorchester Lemberg verschlagen.
Gemeinschaftsgeist vor Eigensinn
Hinter der Idee, Vereinsarbeit solchermaßen zu unterstützen und am Leben zu halten, steckt das Prinzip des Gemeinschaftsgeistes, das von solchen Idealisten über Eigeninteressen gestellt wird. In diesem Sinn berichtet der Vorsitzende des Musikvereins Hochspeyer, Steffen Mertel, von einer zündenden Idee als Steigerung: Demnach haben sich sein Heimatverein, der Nachbar aus Enkenbach mit der katholischen Vereinskapelle und der Musikverein Sembach zu einer Trilogie zusammengeschlossen: Dies beinhaltet zunächst die Gründung eines gemeinsamen Jugendorchesters, das sich originell Three 4 Music nennt und ein Einsteigerorchester mit über 20 Nachwuchsmusikern ist. Darüber hinaus helfen sich die drei Vereine, wenn „Not am Mann ist“ bei Proben und Konzert, gegebenenfalls sogar mit Notenmaterial und Instrumenten wie Pauken. Ein Zukunftsmodell!
Mit gutem Beispiel geht da vom Vorstand der Hochspeyerer Steffen Mertel voran, ein gefragter Schlagzeuger und unterstützt von seinem Vater Joachim, die beide in Hochspeyer und Enkenbach spielen, wobei Steffen auch als Organist in der Umgebung gefragt ist. Nicht vergessen darf man Reiner Schwarz, ein Multitalent auf Klarinette, Tenorhorn und Tuba, der auch vielerorts „löscht, wenn’s denn brennt“.
Wer kann das noch toppen?
Sucht man eine weitere Steigerung von selbstlosem Engagement, findet man sie in Baalborn bei Dieter Ultes: Als Werkstattleiter für Produktion und Reparatur der Blechblasinstrumente im Mainzer Musikhaus Alexander hat er eigentlich alle Hände voll zu tun; die Arbeit geht oft sogar noch zu Hause im Keller weiter, wenn Musiker dringend spielfähig sein müssen. Dennoch spielt er bei Bedarf Tenor- und Baritonhorn sowie Posaune und Tuba und dies im rasanten Wechsel beim Kolping-Blasorchester Erfenbach, beim Musikverein Otterberg und bei den Böhmischen Musikanten. Wer kann das noch toppen?