Achtung Satire RHEINPFALZ Plus Artikel Heile, heile Gänsje, es ist bald wieder gut ...

Freut sich, dass er das Kostüm, das er extra für die Fasnacht gekauft hat, wenigstens fürs Foto mal tragen darf: Dirk Leibfried.
Freut sich, dass er das Kostüm, das er extra für die Fasnacht gekauft hat, wenigstens fürs Foto mal tragen darf: Dirk Leibfried.

Fasnacht fällt aus. Dabei wäre Lachen im Moment genau die richtige Medizin: Die Abwehrkräfte werden gestärkt, der Stress-Pegel sinkt, der Hormonschub sorgt zusätzlich für Glücksgefühle. Und die Perücke über dem Narrenkostüm wäre bei so mancher „Frisur“ im Moment wirklich sinnvoll, meint Dirk Leibfried, RHEINPFALZ-Mitarbeiter und leidgeprüfter Fußballschiedsrichter. Er hat einen Entschluss gefasst: „Wir machen uns unsere eigene Fasnacht.“

Die Motivwagen gammeln in der Garage vor sich hin, vorformulierte Büttenreden landen im Schredder, und die Funkenmariechen wachsen langsam aber sicher aus ihren Kostümen heraus. Fasnacht fällt aus! Wie fast alles in dieser Zeit. Darum habe ich beschlossen, meine eigene Fasnacht zu machen. Zwar ohne Bütt', dafür aber mit spitzer Feder. Den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten, zählt schließlich zur Tradition der politisch-literarischen Fasnacht. Auch wenn der Gassenhauer von Ernst Neger, den wir wohl mindestens bis zum Aschermittwoch leise mitsummen, selten so aktuell war wie heute:

„Das Leben ist kein Tanzlokal, das Leben ist sehr ernst. Es bringt so manche Herzensqual, wenn Du es kennen lernst. Doch brich nicht unter seiner Last, sonst wärest Du ein Tor. Und trag, was Du zu tragen hast, geduldig mit Humor. Und denk Dein ganzes Leben lang, ans Lied, das Dir die Mutter sang: Heile, heile Gänsje, es ist bald wieder gut. Es Kätzje hat a Schwänzje, es is bald wieder gut.“

Leiden eines Fußballfunktionärs

Herzensqualen durchleidet derzeit auch Rainer Pfaff aus der Karnevals-Hochburg Miesenbach, seines Zeichens Vorsitzender im Fußballkreis Kusel-Kaiserslautern. Am vorletzten Wochenende ging er in die Bütt und nahm sich öffentlich die „hohen Herren bei Fifa, Uefa und DFB“ vor. Auf die Pappnase hat er dabei verzichtet. Pfaff ist ein Freund klarer Worte: „Der Wahnsinn im Profifußball geht weiter“, schreibt er in den sozialen Medien und auf der Facebook-Seite des DFB. Da braucht’s keine zusätzliche Maskerade.

Pfaff ist nicht nach Schunkeln zumute: „Während die Sportplätze für unsere Kinder weiter gesperrt sind, Schulen und Kindergärten nur in Notbetreuung offen sind, uns das Reisen eigentlich verboten wird, reisen die Fußballmillionäre munter in Europa umher. Bundesbehörden lassen das Spiel in Leipzig nicht zu, Klopp poltert, dass für Liverpool keine Ausnahme gemacht wird, dann reist man halt nach Budapest, spielt gegen eine Mannschaft aus einem Hochrisikoland, dann geht es zurück in die Republik, und es wird munter weiter gespielt.“ Darauf ein dreifach donnerndes Helau!

Von wegen Blase

Die so viel zitierte Blase, in der sich der Profi-Fußball angeblich bewegt und die die Kontakte zur Außenwelt verhindern soll, existiert nicht. Sonst wären Besuche im Tattoo-Studio oder beim Friseur für diese privilegierte Gruppe nicht möglich. Neid-Debatte? Mitnichten. Natürlich rollt in der Westpfalz kein Ball auch nur einen Tag früher, wenn die Bayern nicht nach Katar fliegen. Im Sozialkunde-Unterricht habe ich mal den Begriff „Solidarität“ gelernt. Der scheint aber nicht mehr in die Zeit zu passen. Wie sonst ist es zu erklären, dass übereifrige Flughafen-Mitarbeiter auf Einhaltung des Nachtflugverbots pochen? Ein „Skandal“, wütet Bayern-Vorstand Rummenigge. So geht man doch nicht mit dem Rekordmeister um. Wo war denn da die von den Amateuren eingeforderte „Solidarität“? Stattdessen Schikane. Unverschämt.

Unmoralisches von Till

Ich muss an Andreas Schmitt denken, den Sitzungspräsidenten von „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“, der in der Rolle des Obermessdieners regelmäßig den Herrschenden verbal die Ohren lang zieht. Rainer Pfaff dagegen ist als Fasnachter bisher eher weniger in Erscheinung getreten, doch ein bisschen was von Till Eulenspiegel ist in seiner Brandrede durchaus erkennbar: „Schämt euch, Fifa, Uefa und DFB! Habt endlich einen Arsch in der Hose und beendet diesen Schwachsinn! Mit dem Ligabetrieb kann ich mich schon nur schwerlich abfinden, solange unsere Kinder ihrem Lieblingssport nicht nachgehen können, aber mehrmals im Monat quer durch Europa reisen, ist einfach nur unmoralisch.“ Da bleibt nur Trost in einem Lied:

„Bei all den kleinen Kinderlein, gibt’s manchen großen Schmerz. Hat’s Püppchen was am Fingerlein, bricht Mutti fast das Herz. Dann kommt die Mama schnell herbei, nimmt’s Kindchen auf den Schoß. Und sagt bedauernd: Ei, ei, ei, was hat mein Kindchen bloß? Heile, heile Gänsje...“

Kochendes Blut und Nebel

Wir wissen jetzt, dass die Katze ein „Schwänzje“ hat, aber die DFB-Oberen keinen erwähnenswerten Hintern in der Hose. Bewegen wir uns anatomisch gesehen bei der Bewertung des Verhaltens einiger FCK-Fans nach dem Derby-Sieg am vorletzten Wochenende lieber in andere Gefilde: Wenn das Blut kocht, vernebelt der aufsteigende Dampf den Blick. Und dann hat es sich auch schon mit der Anatomie. Mit Narretei hat ein solches Verhalten übrigens nur wenig zu tun. Dass Polizei und Ordnungsamt erst einmal Ermittlungen aufnahmen, obwohl die Aktion genau so in den sozialen Medien angekündigt und danach abgefeiert wurde, empört die Fans. Nicht mal feiern darf man. Mit Rummenigge rufen sie nun gemeinsam im Chor: „Skandal“!

„Ui-jui-jui-au-au-au.“

Ein Ball für daheim

Vom Kokolores zurück zur politisch-literarischen Fasnacht: In der Bütt' ein Kreisliga-Fußballer, leichtes Übergewicht, die Haare zerzaust. Vor Weihnachten hat er sich neue Fußballschuhe bestellt. Online. Statt zu trainieren, schaut er nun Klub-WM aus Katar im Fernsehen. Sein Sohn quengelt. Keine Schule, kein Fußballtraining, keine Freunde. Aber einen Ball gab’s. Der FV Olympia Ramstein hat all seinen Jugendspielern mit Hilfe von Gönnern und Sponsoren Lederfußbälle fürs Home-Training spendiert. Knapp 200 Stück. Zusammenhalten in schweren Zeiten! Wie war das mit der Solidarität?

Schließlich wurden weite Teile der Welt und ganz Deutschland vom Virus heimgesucht. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Pfälzern bevölkerter Hof zwischen Mehlingen und Kaiserslautern hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und sperrt ihn einfach aus. Ob das funktioniert? Scheint so. Denn während der Jugendspielbetrieb allen Ortens ruht, trainieren die Nachwuchsmannschaften des FCK munter weiter. Und einmal die Woche gibt es ein echtes Spiel: Elf gegen Elf, die Verlierer zahlen die Pizza. Nach dem Spiel. In der Kabine. Natürlich in ganz kleinen Gruppen. Klar. Wäre ja auch sonst viel zu riskant.

„Ui-jui-jui-au-au-au.“

Profi-Fußball?

Was der DFB und seine Landesverbände übrigens als Profi-Fußball deklarieren, bleibt ein weiteres Phänomen dieser Tage. Unser Kreisligaspieler in der Bütt ging immer davon aus, dass es lediglich drei Profi-Ligen in Deutschland gibt. Aber die Regionalliga? Sie spielt. Auch der FK Pirmasens. Dessen zweite Mannschaft kickt übrigens in der Verbandsliga und battelt sich dort auch mit dem TuS Hohenecken, dem SV Morlautern und dem SV Steinwenden. Deren Spieler liefern, während die Konkurrenz aus Pirmasens fleißig mit den „Profis“ aus der Regionalliga trainiert, Pizza aus, um das Sportheim am Laufen zu halten. Kaum auszumalen, wenn parallel dazu auch noch die Oberligaspieler des FCK mit den Profis mittrainieren würden. Das könnte doch dann wirklich niemand mehr verstehen. Oder?

„Ui-jui-jui-au-au-au.“

Als Narr wurden im Mittelalter Menschen bezeichnet, „die sich auf Basis ihrer Unwissenheit als Gelehrte aufplustern, ohne ihre Unwissenheit zu erkennen, weil sie denken, ihre Unwissenheit sei großes Wissen“. Nur einmal im Jahr hat der Narr die Macht. Ganz ohne Wissen. Weil er die Welt gar nicht verändern möchte, sondern lediglich auf Missstände aufmerksam macht. Oder wie es der große Fasnachter Jürgen Dietz einmal ausgedrückt hat:

„Deutschland, Deutschland über alles, über alles wächst mal Gras. Ist das Gras so’n Stück gewachsen, frisst’s ein Schaf und sagt: Das war’s.“

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