Kaiserslautern Göttervisite in der Sesamstraße

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Episches Theater als Puppenspiel? Am Kölner Schauspiel hat man Brechts Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“ als turbulenten Mix aus Menschen und Puppen versucht. Die Inszenierung von Moritz Sostmann war bei den Festspielen Ludwigshafen im Theater im Pfalzbau zu sehen.

Auf die Götter ist hier nicht zu hoffen. Mit blondem Bubikopf, Stummelflügelchen und in kurzen Hosen hüpfen sie zwar im halben Dutzend umher, haben aber offenbar keine Ahnung. Von Ökonomie schon gar nicht. Im Flüsterton hauchen sie ihre moralischen Durchhalteparolen ins Mikrofon, drohen mit Rücktritt und sind auch schon wieder weg. Brechts Parabelstück ist eine ironisch zum Scheitern verurteilte Versuchsanordnung: Die Götter kommen mal wieder auf die Erde, suchen nach guten Menschen und treffen auf die Prostituierte Shen Te. Mit einem himmlischen Startkapital ausgestattet, eröffnet diese einen Tabakladen und tut so lange Gutes für die sozial Schwachen, bis sie vor der Pleite steht. Da verwandelt sich die gutherzige Shen Te in den hartherzigen Cousin Shui Ta, wirft die nichtsnutzigen Schmarotzer raus und macht aus dem Lädchen nach ein paar Verwicklungen und Liebeswirren eine florierende Zigarettenfabrik. In Zeiten des Turbokapitalismus den Wohltäter spielen zu wollen, ist bei beschränkten Finanzmitteln nicht die allerbeste Idee, wollte uns Brecht damit wohl sagen. Oder mit Adorno gesprochen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dieses Stück, das uns seine Kapitalismuskritik mit erhobenem Zeigefinger eintrichtert, ist immer noch gewichtiger Schulstoff, als politisches Drama aber eher ein Leichtgewicht. In Köln hat man sich dem Klassiker daher mit distanzierter Lockerheit genähert. Regisseur Moritz Sostmann und drei seiner sechs Darsteller haben an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ den Umgang mit Puppen gelernt und setzen diese Fertigkeiten regelmäßig bei ihren Inszenierungen ein. Und die beiden Puppenbauer Atif Hussein und Franziska Müller-Hartmann haben ihnen für einige der Hauptfiguren nahezu lebensgroße Schlenkerpuppen geschaffen, mit starrer, aber durchaus lebensnaher Physiognomie. Während also Annika Schilling die geld- und liebesgierige Hausbesitzerin Mi Tzü spielt und Mohamed Achour den wankelmütigen Piloten Yang Sun, Shen Tes große Liebe, gibt es andere Figuren des Stücks nur als Puppen, die teilweise von zwei Spielern gesprochen und bewegt werden. Frau Yang ist eine schwadronierende Rollstuhlfahrerin, der Barbier Shu Fu ein schleimiger Wohltätigkeitspropagandist, und Wasserverkäufer Wang, der von den Göttern vergebens einen Moralrabatt in schweren Zeiten erbittet, ein zusehends gebrochener Mann. Die zwischen Nächstenliebe und Überschuldung zerriebene Shen Te gibt es im ersten Teil nur als Puppe, deren Spielerin Magda Lena Schlott verwandelt sich dann jeweils in den entschlossen den Golfschläger schwingenden Vetter. Im zweiten Teil ist Shen Te in Gestalt der Schauspielerin zu erleben, und Shui Ta wird zur Puppe geschrumpft. Die von Shen Te aufgenommene Großfamilie wurde als prollige Handpuppen-Horde à la „Muppetshow“ oder „Sesamstraße“ in einen Müllcontainer gestopft. Unterhaltsam ist der gut dreistündige Abend, in dem auch noch gesungen und jazzig musiziert wird, auf jeden Fall. Besonders wenn die krakelenden Handpuppen zum Einsatz kommen, bringt das viel slapstickhafte Action auf die Bühne, die Christian Beck als Baustelle mit Sandhaufen, Förderband und Kabeltrommel angelegt hat. In der Pause wird sogar im Foyer weitergespielt, Shen Tes missglückte Hochzeit findet auf einem Verkaufstisch statt, während die Puppenmutter im Rollstuhl durch die zahlreich anwesenden Schülergruppen rast und die Merkmale des epischen Theaters abfragt. Man muss es nicht allzu sehr bedauern, dass Brechts strenge Botschaft gelegentlich in Lustigkeit untergeht. Das Ende gibt’s verkürzt: Die Gerichtsverhandlung ist gestrichen, die Götter trollen sich, Shen Te darf dafür hechelnd ihr Kind kriegen. Das ist ebenfalls ein zappeliges Puppenmonster und verkündet großmäulig den Epilog mit der Aufforderung, doch gefälligst selber nachzudenken, wie sich die Welt zum Guten wenden könnte: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Das wollten die Kölner dann doch nicht so stehen lassen, politischen Zwangsmaßnahmen und Ismen aller Art steht man inzwischen eher skeptisch gegenüber. „Kommunismus“ wird halbherzig vorgeschlagen, auch „Feminismus“ klingt nicht überzeugender, also lässt man’s. Es reicht ja schon, wenn das Theater die richtigen Fragen stellt, die Antworten muss es nicht auch noch wissen.

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