Kaiserslautern Flagge zeigen gegen EU-Skepsis
Es war schon ein Gänsehautmoment, als die Europahymne gespielt wurde und die Menschen, die auf dem Platz vor der Stiftskirche standen, einstimmten. Das Europa Direkt Informationszentrum (EDI) war am Samstag anlässlich des Europatages mit seiner Aktion auf die Straße und zu den Menschen hin gerückt. Das Ziel: Die Europäische Union (EU) und die daraus resultierende Vielfalt ins Bewusstsein zu rücken.
Zwischen Adler-Apotheke und Stiftskirche ist eine Bühne aufgebaut. Daneben stehen Tische unter Pagodenzelten, auf denen Informationsmaterial ausliegt, und EU-Fahnen wehen leicht im Wind. Eine Menschentraube hat sich vor der Bühne versammelt und lauscht den jazzigen Rhythmen des Ditzner Twintetts. „Nun wollen wir ein sichtbares Zeichen setzen“, kündigt Moderator Frank Mühlenbrock an. Wie in vielen anderen deutschen Städten auch, werde der Europatag am 20. Mai mit einer besonderen Aktion begangen. Nacheinander werden Schilder mit den Flaggen der EU-Nationen in die Höhe gehalten: Deutschland, Portugal, Irland, Belgien, Lettland, Kroatien und, und, und. Menschen, die aus diesem Land stammen oder sich damit verbunden fühlen, treten vor, nehmen das Schild in die Hand und bilden eine Menschenkette, die am Ende fast bis zur Ecke Marktstraße/Münchstraße reicht. Mit einem freundlichen „Bonjour“, einem „Guten Tag“, wird der junge Mann mit einer Baskenmütze auf dem Kopf und einem Kind auf dem Arm in die Reihe der Franzosen aufgenommen. Als Gerhard Degen, Leiter des EDI, die schottische Flagge in die Höhe hält, erzählt er: „Die erste Person, die sich für diese Aktion gemeldet hat, war eine Schottin. Sie wollte damit ein Zeichen gegen den Brexit setzen. Ich hoffe, sie ist da.“ Tatsächlich kommt eine Frau auf ihn zu, die das Schild entgegennimmt. Carolin Müller und Eric Schneider (19 Jahre) stehen für Deutschland in der Menschenkette. „Aus Spaß“ seien sie dabei und wegen des Gemeinschaftssinns. „Ich finde den Zusammenschluss gut, nur nicht, dass sich manche so querstellen“, meint die 17-jährige Schülerin aus Sulzbachtal. Persönliche Berührungspunkte mit der EU-Politik sieht sie in Schüleraustauschwochen und in Wahlen. „Dann geht es uns alle etwas an.“ In der Hand eine Tasse Kaffee, der am Stand ausgeschenkt wird, hat Margot Blacher auf der Bank vor der Apotheke Platz genommen. Wie jeden Samstag sei sie in der Stadt, erzählt die 61-jährige Lautererin, deren Vater aus Estland stammt. Sichtlich genießt sie den bunten Anblick und die entspannte Atmosphäre. „Ich finde die EU gut. Der Zusammenhalt ist wichtig, auch wenn ich immer den Griechen etwas zur Seite stehe. Ich denke, dass Europa Zukunft hat.“ Dann ertönt ein Trommelwirbel, mit dem der zweite Höhepunkt der Europa-Aktion, das gemeinsame Musizieren und Singen der Europa-Hymne, angekündigt wird. Helfer geben Zettel mit dem Text der „Ode an die Freude“, Ludwig van Beethovens neunte Sinfonie, aus. Rund 20 Musiker, die Querflöte genauso wie Geige mitgebracht haben, haben sich vor der Bühne versammelt. Unter Dirigent Paul Punstein, Leiter der städtischen Musikschule, setzen sie zunächst zum instrumentalen Spiel an, dann stimmen die Menschen mit ihrem Gesang in das klassische Epos ein. Trotz Sonnenschein spannen einige Anwesende Regenschirme mit den goldenen Sternen auf blauem Hintergrund auf oder winken mit kleinen EU-Fähnchen. Dieser ohnehin ergreifende Moment wird auch davon getragen, dass sich erwachsene Umstehende an den Tänzen beteiligen, die von Tanzlehrerin Corinna Bettinger und einer Gruppe Kindern dargeboten wird. Unter ihnen auch die sieben Jahre alte Leonie mit ihrem Vater Jörg Halitz. „Ich habe gerne mitgetanzt“, berichtet das Mädchen. Es habe sich sehr auf den Flashmob gefreut, so sehr, dass sie zwei Tage lang mit ihrem Papa die Schritte einstudiert hat. Der musste auch mitmachen. Er sieht die EU grundsätzlich als gut an, sagt aber auch: „Ich befürworte ein Zusammenleben ohne eine Bevormundung von oben.“ Der Leiter des EDI sieht diese Aktion als einen Erfolg an. „Ich bin vollauf zufrieden, wie sich die Kaiserslauterer Bevölkerung zur EU bekannt hat“, sagt Gerhard Degen. Die Bürger hätten großes Interesse an europäischen Themen gezeigt. „Unser wichtigstes Ziel war es, angesichts der skeptischen Stimmen eindeutig Flagge zu zeigen gegen Nationalsozialismus und Abschottung.“