Vorgehört RHEINPFALZ Plus Artikel Festival der Kulturen in der Kammgarn: Prädikat wertvoll

Von der Folksängerin wurde sie zum Aushängeschild des jungen Algerien: Souad Massi.
Von der Folksängerin wurde sie zum Aushängeschild des jungen Algerien: Souad Massi.

Zum zehnten Mal präsentiert das Kaiserslauterer Kulturzentrum Kammgarn das „Festival der Kulturen – Sound of the World“, womit gleichzeitig der diesjährige Kulturgarten eröffnet wird. Vom Donnerstag, 13. Juni, bis Samstag, 15. Juni, jeweils ab 19.30 Uhr, stehen dabei großartige Künstler aus Spanien, Frankreich/Algerien und Nigeria auf der Bühne. Walter Falk hat schon mal in ihre aktuellen Alben reingehört.

Antonio Andrade Duo: „Recuerdos del Alcazar“ (Konzert am 13. Juni)
Was ist wohl das populärste Kunstgenre Spaniens? Natürlich der Flamenco. Verbunden ist diese Kunst- und Ausdrucksform mit der historischen, sozialen und kulturellen Entwicklung der südspanischen Region Andalusien, die bereichert wurde durch die arabische, jüdische sowie christliche Kultur, insbesondere inspiriert aber auch von den Gitanos. Das Antonio Andrade Duo steht für die Internationalisierung des Flamenco als globale Kultur. Es heißt, Flamenco sei der Spiegel des Lebens und enthalte alle Wünsche und Träume, alle Wahrheiten und Lügen, Licht und Dunkelheit, wie das Leben selbst. Nicht zuletzt ist der Flamenco eine Kultur, die stark mit der Mentalität, der Lebensweise der Menschen in Andalusien zusammenhängt.

Die beiden Gitarristen brillieren mit spieltechnischer Virtuosität und der Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Genres und Trends. Antonio Andrade wurde in La Puebla de Cazalla bei Sevilla geboren und nahm den Flamenco praktisch mit der Muttermilch auf. Sein Onkel José Menese, einer der größten Legenden des Flamenco, war sein Vorbild. Unzählige Tourneen führten ihn von Europa (Deutsche Oper Berlin, Alte Oper Frankfurt; Philharmonie Warschau, Konzerthaus Wien) über die USA bis nach Japan, China, Russland, Marokko, Syrien oder Kanada.

Aus Andalusien: das Antonio Andrade Duo.
Aus Andalusien: das Antonio Andrade Duo.

Mit ihrer Musik geben Andrade und sein Bruder Javier, so heißt es, die Farben Andalusiens wider. Wie im musikalischen Museum muss sich aber niemand fühlen. Das hört sich mal indisch an, mal arabisch und dann wiederum klingt es wie Klezmer. Nahtlos geht das ineinander über.

Neben der Gitarre besteht Flamenco aber auch aus Gesang und Tanz. Freuen darf sich das Publikum bei dem Open-Air-Konzert daher auch auf die herausragende Flamencotänzerin Ursula Moreno, deren internationaler Ruhm weit über die Grenzen Spaniens reicht, sowie auf den großartigen, einfühlsamen Sänger David Bastidas. Die Farben Andalusiens werden somit nicht nur durch die Gitarre, sondern auch durch die kraftvollen Bewegungen der Tänzerin und den Virtuosen Gesang zum Ausdruck gebracht. Jede Nuance, jeder Ton und jede Bewegung sind Spiegelbild der Gefühle, die Andalusien durchdringen – von der leidenschaftlichen Liebe bis zur tiefen Melancholie.

Souad Massi: „Sequana“ (Konzert am 14. Juni)
Die elf Lieder (41 Minuten) der algerisch-französischen Sängerin Souad Massi sind stille Lieder, Songs des Reflektierens in Poesie und Harmonie. Sie sind aber auch das Ergebnis ihrer unermüdlichen Entschlossenheit, für das einzutreten, was sie am meisten schätzt: Freiheit und Gerechtigkeit. Die „schönste Stimme Nordafrikas“ hatte während der Corona-Monate viel Zeit zu lesen, sich zu erinnern. Die vorliegenden neuen Stücke sind das Ergebnis. Das Titelstück, „Sequana“ (Nr. 7), beruft sich auf die Schutzgöttin der Seine. Aber auch auf die Göttin der Heilung. Das erste Lied des Albums, „Dessine-moi un Pays“, ist fast eine Anrufung: „Zeige mir ein Land, das ans Paradies grenzt, in dem keine korrupten Politiker wohnen, und das keine elenden Kriege führt.“

Besonders eindrucksvoll ist auch der letzte Song des Albums, „Jara – Le son de la Main“. Er handelt von dem chilenischen Liedermacher Victor Jara, der von der Militär-Junta 1973 ermordet wurde. Es sind Lieder, die zur akustischen Gitarre geschrieben wurden. Folk-Songs mit Melodien, die auf Anhieb zu Herzen gehen. Der Produzent und Gitarrist Justin Adams hat eine feste Beziehung zu den Grooves und Harmonien des Magreb und der Sahara und begleitet sehr feinfühlig. Er spielt aber auch diverse andere Saiteninstrumente, nutzt Perkussion. In einem Track greift er sogar zur Stromgitarre („Twam“ - Nr. 8) und nutzt den Strom der Verstärkung. So definiert sich Souad Massi in ihrem zehnten Album „Sequana“ als poetische Geschichtenerzählerin und kehrt damit zurück zu ihren Wurzeln. Begonnen hatte sie mit Flamenco, später war sie Mitglied der Hardrock-Band Atakor. Erst als sie 1999 zu einem Festival nach Paris eingeladen wurde, wandelte sie sich zur Folksängerin und zum Aushängeschild des jungen Algerien. Mit Francis Cabrel spielte sie ein französisch-kanadisches Chanson-Album ein. 2015 dann die Rückkehr zu ihren andalusisch-magrebinischen Wurzeln und einer Hommage an die Poeten des alten Cordoba des 9./10. Jahrhunderts. Mit „Sequana“ ist sie in ihrer Entwicklung noch sensitiver geworden: tiefer, abgeklärter, verletzt, aber nicht verhärmt und immer noch hoffnungsfroh.

Sehr empfehlenswert!

Nneka: „Back and Forth“ (Konzert am 15. Juni)
In ihrer Musik verbindet die Sängerin Nneka, Tochter eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, sowohl eine rebellische Haltung als auch Spiritualität. Nneka startete ihre Karriere in Hamburg. Von dort eroberte sie die Welt mit einem Mix aus Neo-Soul, Afro-Beat und Reggae. Nun ist sie mit ihrem neuen Silberling namens „Back and Forth“ zurück und kommt damit für ausgewählte Konzerte wieder nach Deutschland.

Eroberte von Hamburg aus die Welt mit einem Mix aus Neo-Soul, Afro-Beat und Reggae: Nneka.
Eroberte von Hamburg aus die Welt mit einem Mix aus Neo-Soul, Afro-Beat und Reggae: Nneka.

Geboren und aufgewachsen ist sie im Nigerdelta. Im Alter von 19 Jahren zog sie nach Deutschland, um Anthropologie an der Universität Hamburg zu studieren. Während ihrer Studienjahre verfeinerte sie ihre Fähigkeit als Songwriterin und Sängerin. Ihre politisch geprägten Texte etablierten sie schnell als eine kraftvolle Stimme Afrikas. Die Vielzahl ihrer Lieder handelt von Mutterliebe, Liebeskummer, aber auch der Suche nach Gerechtigkeit. Im Jahr 2009 gewann sie den MOBO Award als beste afrikanische Künstlerin. Fast 300 Shows hat sie in Europa und über 100 Shows in den USA und Kanada gespielt.

Die fünf Songs (21 Minuten) ihres achten Kurz-Albums lassen keinen Zweifel an der Energie und Stärke Nnekas. In dem Blues „Salt Water“ singt sie von einer Quelle der Gesundheit und Heilung, inspiriert von Gospel und Afro-Beat und begleitet von orientalischen Streichern. „X-Ego“ ist ein sehr spirituelles Stück über die Suche nach Liebe zu sich selbst und die Möglichkeit, sie anderswo zu finden. „Back and Forth“ ist ein großartiges Werk der Selbstbeobachtung. Über ihre kindliche Stimme soll man sich nicht täuschen. Stets sendet sie positive Energie aus Sound of the World. Ein Hin und Her, Hin und Her. Nicht verpassen!

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