Kaiserslautern Feldpost mit viel Gefühl

91-97303808.jpg

Verwöhn-Kino. Berühr-Kino. Das und mehr steckt drin, wenn im Enkenbacher Provinzkino das „Musenkino“ angesagt ist, das einen Film mit themenbezogenem Vorspann zeigt. Eine außergewöhnliche Ausgabe kündigten der Film „Franz“ und die Lesung „Die Kaltmamsell und der Koch“ für Samstagabend an.

„Eine Liebe in 80 Feldpostbriefen“ lautet der Vorspannuntertitel. Eine Auswahl lasen die Schauspieler Uta Eckhardt (Frankfurt) und Oliver Burkia (Pfalztheater). Auf der Bühnenrampe platziert, repräsentierten sie ein zehnköpfiges Team. Dazu zählen die Protagonisten dieser Korrespondenz im Kriegszeitfenster von 1943 bis 1944: Hedwig, geborene Kirch (1918), und Friedrich Winkler (1919). Sie hatten sich bei der Arbeit im Wiesbadener Bahnhofsrestaurant kennengelernt und Ende 1943 während eines Heimaturlaubs geheiratet. Kürzlich fanden Hedwigs Nichten Ursula Simgen-Buch und Karin Helf im Mehlinger Großelternhaus das versteckte Holzkästchen jener Feldpostbriefe von russischer Front sowie 16 ungeöffnete mit dem Vermerk „zurück“. Hedwigs Schwester Eugenie Simgen übersetzte die Sütterlinschrift in heutige Lesbarkeit. Und die Künstlerin Marie Gouil orientierte sich an den Handschriftbildern, die sie mit inhaltlichen Details illustrierte. Das kaffeebraune Aquarellieren bezaubert mit zärtlich vergilbtem Flair. Und dann gehört noch Pianist Gerd Forster zur Musenkinoidee. Er bereicherte Lesepausen mit verhalten melodische Stücken der Komponisten Schubert, Schumann, Chopin oder Satie. Und letztlich der Film an sich. Zum einen spielt die Handlung im Geburtsjahr Friedrichs. Zum anderen geht es auch hier um kriegsbedingten Tod und Trauer eines Verlobten in Uniform. Nun fehlt noch der kulinarische Aspekt, der das erwähnte „Verwöhn-Kino“ ausmacht und im Filminhalt vorkommt. Diesmal ist es Gugelhupf für die Besucher, der, wie die Briefe verrieten, einst von Hedwig an ihren „Bubilein Fritz“ versandt wurden. Alles in allem entstand ein „Berühr-Kino“, das kaum tiefer ergreifen kann. Die Lesung lebt vom regen und kurzweiligen Briefaustausch. Oftmals vergingen wenige Tage und das Verlangen der Verlobten in Mehlingen vom Kriegsalltag in Leningrad zu erzählen, mündete im Schreiben. Was der Soldat so alles bemerkte, wie liebevoll er seiner Hedi-Maus schrieb, wie garstig er die Russen titulierte, wie amüsant er Zustände betrachtete und wie ohnmächtig vage er sich auf die Zukunft einließ – das bewirkt pure Empathie und – mit dem Wissen, dass er ab Februar 1944 bis heute als vermisst, eine zutiefst bedrückende Teilhabe an Hedwigs Schicksal. Oliver Burkia wechselte sensibel in die darstellenden Stimmlagen, drückte gespielte Heiterkeit ebenso wie sehnsüchtiges Werben des Liebenden aus. Plötzlich jedoch liest nur noch Uta Eckhardt. Es sind Hedwigs Briefe, mal mit Absender Mehlingen, mal Wiesbaden, wo sich beide kennenlernten. Zeilen voller Pläne, Hoffnungen und vorsichtig formulierter Ängste: „Das Schlimmste ist solange ohne Post.“ Dann ihr letztes Datum: 14. Februar 1944. Danach Schweigen. Er irgendwann seit den schweren Gefechten um Leningrad. Sie bis zu ihrem Tod 2005, ohne etwas über Ort und Zeit seines Todes zu wissen. Erst jetzt vermochten ihre Nachfahren auszusprechen, was die Witwe fest im Inneren verschlossen hielt. Wer ihre Zwiesprache kennt, ahnt, warum sie nur noch schweigend weiterleben konnte. Eine Familiengeschichte, die stellvertretend für viele steht. Jedoch auch eine, die wegen ihrer Briefform als neu zu bewertendes Literaturgenre im Kanon hehrer Schriftstellerei aufzunehmen sein wird. INFO Ein Buch ist geplant. Eine Broschüre mit Din-A-4 Illustration von Marie Gouil gibt es bei Ursula Simgen-Buch (Provinzkino) zu kaufen.

x