Kaiserslautern Die Unsicherheit gestalten

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21 von 63 Künstlern, die sich für den Pfalzpreis 2014 für Plastik beworben hatten, konnten ihre eingereichten Werke von März bis Mai in der Pfalzgalerie ausstellen (wir berichteten). Vier davon sind bereits nominiert für den Haupt- respektive einer für den Förderpreis. In loser Folge stellen wir bis zur Preisverleihung (Gala am 25. Oktober im Pfalztheater) die Kandidaten in ihren Ateliers vor. Den Anfang macht Bildhauer Dieter Balzer. Geboren im pfälzischen Neuhofen, lebt und arbeitet er seit 20 Jahren in Berlin.

Verlässt der Passant das Berliner Südkreuz-Bahnhofsgebäude in östlicher Richtung, sind sie gleich zu sehen, diese mehrstöckigen roten Ziegelbacksteingebäude entlang großstädtisch breiter, jedoch fast leerer Straßen und Plätze. Ein Bild wie aus einer anderen Epoche. Hinter einer dieser hohen Fensterzeilen arbeitet Dieter Balzer. Dort lässt er die teils übergroßen Holz- und Stahlobjekte entstehen, die – ursprünglich naturfarben – seit 15 Jahren immer farbiger, ja bunter werden. Hier aufrecht im Raum, dort langgestreckt an riesigen Wandflächen, erinnern die Arbeiten an jene im Lauterer Haus, für die Balzer nominiert wurde. Standen sie in der Pfalzgalerie im Zusammenhang mit Exponaten der Mitbewerber, so verselbstständigen sich die Werke im Berliner Atelier in riesig heller Raumleere. Denn es standen beim RHEINPFALZ-Besuch gerade Renovierungsarbeiten an, das Atelier war weitgehend „unmöbliert“. Dafür fiel die Sichtweise um so intensiver aus. Beispielsweise Balzers satte, dicht gestaffelte Farbpalette, jene perfekte Präzision auf MDF-Holzteilen, mal als Streifen so schmal, mal als Flächen so breit. Eine Wand dient mit Regalen und Fläche zum Anlehnen als Ablage farbiger Materialrollen und gesammelter Restbestände. So dreht sich wie im Kreis alles im langgezogenen Atelier um Farben. Ein Ort, der samt Einrichtung wie ein Urelement des Entstehens, Formens, Bewegens, Montierens, Konstruierens wirkt. Im Jahr 1984 verlegte Balzer seinen Wohnort aus der heimischen Pfalz gen Osten. Er nahm den Künstler in sich mit, der irgendwann – zwischen Studienbeginn der Fachbereiche Philosophie und Kunstgeschichte in Heidelberg und dem Collage of Art im englischen Chesterfield – den existenziellen Schritt in ein freischaffendes Künstlerleben wollte und konnte. Weitere Hochschulstudien, Stipendien, Symposien, Wettbewerbe und Ausstellungen (beispielsweise Grafik und Plastik für die Pfalzpreise der Jahre 1995, 1998 und 2002) verdichteten und vertieften lineares Raumformulieren in den ihm eigenen Dimensionen. Kurz: Alles zielt auf Raumverortung, jedoch mit Volumina, die als Leere neben- und übereinander erscheinen. Ein Nichts, das einem unsicht- und unhörbaren Luftholen gleicht. Ein Atmen. Dennoch erwächst jede Plastik aus hölzerner, künstlicher, „resopaliger“ Gegenwehr seiner ureigenen Stofflichkeit. Gepaart mit rationalem und emotionalem Sinn für Farben. Ein computergeneriertes Präzisionswerk, am Rechner skizziert, geplant, auf die Präzisionssäge übertragen, die das Material teilt. Balzer beklebt es mit Spezialfolie und baut die Teile danach zusammen. Im abstrakten Format verstecken sich vertraute Elemente. Sie spiegeln die Absicht wieder aufzubrechen, zu dekonstruieren und so ganz nebenbei eine Art mehrteiligen Minimalismus’ zu schaffen. Doch Balzer fühlt sich weit entfernt von ideologischen Konzepten, weicht allen Begriffen wie Konstruktivismus, Konkrete Kunst oder Minimal Art aus. „Meine Generation hat keine Ideologien“, meint der Künstler, „wir haben sie überholt und verhandeln sie erst gar nicht.“ Wohl daher malt Balzer nicht. Wohl daher formt er nicht figürlich. Er sieht darin eine Art Auflösung des Ordnungsprinzips: „Früher galten Regeln – heute gestalten wir Unsicherheiten.“ Am Ende weicht er einem Chaos aus, das er der Malerei unterstellt: Gepinselte Bilder seien Illusionen und deswegen uninteressant. Eine spannende Frage bleibt: Wann ist eine Arbeit, eine Version des Gedankens fertig? Antwort: Wenn das Ordnungsprinzip architektonisch stimmt und die Subjektivität Farbe heißt. „Farbe widerspricht und bewirkt Bewegung“, ist Balzer überzeugt und zeigt dies im Prinzip von Reihungen und Variationen analog zu Freiheit und Regelbarkeit.

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