Pfalztheater Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Macht des Moments“: Das Regieteam von „Jesus Christ Superstar“ im Interview

Ein Mann mit einer Vision von einer besseren Welt: Am Pfalztheater spielt Gunnar Frietsch (hier mit Mitgliedern des Tanzensemble
Ein Mann mit einer Vision von einer besseren Welt: Am Pfalztheater spielt Gunnar Frietsch (hier mit Mitgliedern des Tanzensembles) die Titelrolle in »Jesus Christ Superstar«.

Mit einer neuen Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ startet das Pfalztheater Kaiserslautern in die Saison 2025/26. Ein Interview vorab.

Wie würden Sie beschreiben, worum es in „Jesus Christ Superstar“ in Ihrer Lesart geht?
Pascale-Sabine Chevroton: Es geht um einen Mann, der eine Vision von einer besseren Welt hat. Er möchte die Menschen überzeugen und mitziehen. Dagegen stellen sich Machthaber, die das aus eigenem Interesse verhindern wollen.

Monika Biegler (Ausstattung): Es geht auch darum, in einem Moment zu sein. Jesus ist der letzte wahrhaftige Mensch, der im Hier und Jetzt ist. Und da wird es keine Sandalen geben.

Chevroton: Aber er hat eine Vision für die Zukunft. Wenn der Vorhang hochgeht, sitzt Jesus da und macht sich Notizen.

Aron Kitzig (Video): Er hat eine Vision und will sie verwirklichen, ist sich aber nicht sicher, wie er in seiner Gegenwart überzeugend auftreten kann. Er wird aber von anderen benutzt und stellt sich immer wieder Fragen – und damit seine Vision auch in Frage. Die Frage des Kapitalismus ist hier auch aktuell und Jesus will sich dafür nicht vereinnahmen lassen.

Wie treten denn Jesus und seine Kontrahenten in der Pfalztheater-Inszenierung auf?
Chevroton: Die Machthaber inszenieren sich wie Showmaster durch TV und Social Media.

Die „richtigen“ Bilder ersetzen also Analyse und Argumentation?
Biegler: Ja, deshalb ist das Stück so aktuell.

Und die Jünger von Jesus?
Chevroton: Die sind keine Outcasts. Es sind eher viele einzelne, die zu Hause sitzen und auf ihre Handys schauen.

Das Produktionsteam (von links): Ausstatterin Monika Biegler, Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton, Dirigent Olivier Pols und Vi
Das Produktionsteam (von links): Ausstatterin Monika Biegler, Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton, Dirigent Olivier Pols und Videokünstler Aron Kitzig.

Und wie erzählen Sie dann die Geschichte?
Chevroton: Es geht um die Macht des Moments und des Bildes. Ich biete dem Publikum viele Assoziationen an. Bei jeder Szene denke ich daran. Auf der Bühne habe ich durch Lichtwände, Lichtkäfige, Video und Live-Kamera so viele Ebenen gleichzeitig, dass ich nicht den Fokus verlieren darf.

Welche Rolle spielt dabei der Einsatz einer Live-Kamera?
Chevroton: Machthaber benutzen gezielt die Live-Kamera, denn sie möchten gefilmt werden und „im Licht baden“, aber es gerät manchmal außer Kontrolle. Sie darf aber nicht den Fokus von den Menschen wegnehmen.

Kitzig: Diese Bilder sagen: Schaut mich an, aber ihr sollt nur meine bessere Hälfte sehen. Sie sind extrem verfremdend und suggestiv. Die Live-Kamera macht die einzelnen Machtpositionen pointiert sichtbar.

Chevroton: Wir sind auch sehr kritisch, was die Neuen Medien angeht.

Inwiefern ist Manipulation ein Thema für Ihre Inszenierung?
Chevroton: Das Stück fängt mit den Jubelrufen „Hosianna“ an und endet mit der Forderung der Menge „Kreuzigt ihn!“ Das ist so aggressiv, auch musikalisch, fast animalisch und grausam.

Wie entwickeln Sie in diesem Konzept von Manipulation die Charaktere?
Chevroton: Für den Hohepriester Kaiphas, den römischen Statthalter Pilatus und König Herodes geht es um Macht, aber auch um Darstellung: Wie trete ich auf, wie stehe ich da? Die drei sind musikalisch sehr unterschiedlich geschrieben, und das versuchen wir auch darzustellen. Pilatus möchte geliebt werden und keine Probleme haben. Er will nicht der „Täter“ sein, er ist feige. Kaiphas dagegen ist der größte Machtmensch, er fordert gezielt: Jesus muss sterben! Das zieht er durch. Immer wenn es um wichtige Entscheidungen geht, ist er dabei – als Beobachter oder als Akteur. Er feiert sogar schon Jesus’ Tod im Voraus, in einer irren Party. Auch körperlich und schauspielerisch heben wir sein Machtbewusstsein hervor: Er läuft nur einmal über die Bühne, ansonsten ist er da und wird gefahren.

„Ohne Judas gibt es keinen Jesus“: Gunnar Frietsch (links) verkörpert Jesus, Patrick Stanke spielt und singt Judas.
»Ohne Judas gibt es keinen Jesus«: Gunnar Frietsch (links) verkörpert Jesus, Patrick Stanke spielt und singt Judas.

Jesus ist kein Opfer, kein Märtyrer, sondern ein Individuum, das eine Vision hat und manchmal zweifelt, aber nicht verzweifelt. Er hat uns bei unseren Diskussionen oft an Nawalny erinnert. Er weiß, wenn er das macht, geht er zugrunde – und er macht es trotzdem. Judas ist das Alter Ego von Jesus, aber er ist der „Vernünftigere“. Er sagt zu Jesus: Pass auf, was du da machst, ist gefährlich. Er ist die andere Seite von Jesus, der sagt: Stop. Und Judas stirbt, wenn Jesus stirbt. Ohne Judas gibt es keinen Jesus.

Und wie verstehen Sie Maria Magdalena?
Chevroton: Bei uns ist sie Jesus’ Idee treu, aber nicht in ihn verliebt.

Biegler: Sie ist wie die Widerstandskämpferinnen im Zweiten Weltkrieg, die bis zur Tortur gegangen sind für ihr Engagement. Wenn Jesus zweifelt, geht sie nach vorn. Es ist richtig, was wir machen, wir gehen weiter! Sie steht immer treu zu seiner Vision und zu allem, was er repräsentiert. Sie ist die „rechte Hand“ von Jesus, aber nie plakativ.

Valerie Gels gibt Maria Magdalena, Gunnar Frietsch ist Jesus.
Valerie Gels gibt Maria Magdalena, Gunnar Frietsch ist Jesus.

Machen die Charaktere auch Wandlungen durch?
Chevroton: Ja, Petrus. Und der ganze Chor macht eine riesige Verwandlung von Liebe zu Hass durch. Zwischen Jesus und Judas dagegen passiert nicht wirklich eine Entwicklung, sondern eher ein Hin und Her.

Und wie sieht die Bühne aus?
Biegler: Wer im Licht steht, hat die Macht. Gleichzeitig steht der Mensch in einer Maschinerie. Deshalb setzen wir die Bühnentechnik sehr stark ein. Es ist sehr dunkel, daher wird viel vom Licht getragen. Licht und Podien bewegen sich. Der Mensch steht gegen Licht und Maschinen. Der Mensch soll hier klein wirken. Selbst wenn er meint, er könnte das Geschehen steuern, ist er in Wirklichkeit ein Gesteuerter. Und die Bühne ist sehr heutig.

Und welche Aufgabe haben die Videos?
Kitzig: Wir haben uns die Frage gestellt: Wie kriegen wir manipulierte Medienbilder in das Stück rein ohne abzufilmen? Und wir wollten auch keine KI-generierten Bilder. Es geht bei uns nicht um Identifizierbarkeit, sondern um das Erahnen. Marschiert da nicht eine Armee, während Schwarz und Weiß ineinanderfließen? Wir spielen mit Assoziationsräumen und erzeugen poetische Bilder durch Verfremdung.

Kommen wir auf die Musik zu sprechen. Der Untertitel von „Jesus Christ Superstar“ lautet „Rockoper“.
Olivier Pols (Dirigent): Dieser Begriff stammt aus den Konzeptalben. Bands haben in den 1970er Jahren angefangen, Alben zu produzieren, deren Lieder einen Handlungszusammenhang haben. Das haben Andrew Lloyd Webber und Tim Rice am Anfang auch gemacht, weil sie mit ihrem Stück aus finanziellen Gründen nicht gleich an den Broadway gehen konnten. Die Band The Who bezeichnete als erste ihr Konzertalbum als „Rockoper“. Und sie wussten, dass ein solcher Begriff auch ein Marketinginstrument ist. Eigentlich würde der Begriff „Rockmusical“ viel eher passen.

Sind die Hauptfiguren auch musikalisch charakterisiert?
Pols: Maria Magdalena singt zum Beispiel vor allem Balladen, das ist sehr lyrisch. Judas dagegen ist eher wild, mit Saxophon. Das wird im Stück nicht sehr oft eingesetzt, aber in den Songs von Judas immer. Das Saxophon ist hier das „teuflische“ Instrument. Jesus hat zwar große emotionale Balladen wie „Gethsemane“, ist aber stilistisch und gesanglich sehr frei. In der Tempelszene und bei der Verhaftung von Jesus kommen Massen dazu, diese Passagen spielen in ungeraden Taktarten, zum Beispiel in einem Siebenvierteltakt. Das klingt sehr unkontrolliert und zerrissen. Die Musik von Kaiphas bewegt sich im Bereich von lässigem Swing und spielt das, was gerade passiert, herunter. Sie verkörpert eine Verharmlosung von Macht. Pilatus macht musikalisch eine Wandlung durch. Die Musik zu seinem Traum ist sehr nachdenklich und menschlich. Wenn er später auftritt, wird seine Musik im Gegensatz dazu sehr gewaltvoll, mit krassen harten Harmonien. Das ist eine Konfrontation in der Musik, die man deutlich hört. knf

Termin

Premiere von „Jesus Christ Superstar“ ist am Samstag, 20. September, Karten und Infos unter pfalztheater.de.

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