Kaiserslautern Die Freiheit der Kunst
Ein stimmiger Auftakt: Mit dem Django-Reinhardt-Porträt „Django“ hat gestern die 67. Berlinale eröffnet. Der Film des Franzosen Étienne Comar zeigt ganz unsentimental auf, wie ein gerade noch gefeierter Musiker 1943 um sein Leben fürchten muss – und wirkt nebenbei leider hoch aktuell, geht es doch darum, wie schnell sich scheinbare Gewissheiten auflösen.
Am Anfang und am Ende steht natürlich Musik. Der Anfang: eine sehnsüchtige, melancholische Weise erklingt an einem Lagerfeuer im Wald in den Ardennen, innig singt ein alter Mann. Dann fallen Schüsse: Es ist das Jahr 1943, umherziehende Sinti wie Blind Man Weiss und seine Familie werden verfolgt. Am Schluss steht die Aufführung eines von Django Reinhardt komponierten Requiems für die ermordeten Sinti und Roma: Kirchenmusik, hochdramatisch, elegisch. Es ist der einzige Moment, in dem der angenehm unaufdringliche Film Musik zur Überwältigung einsetzt, als Kommentar auf das gerade Gesehene: den Wandel eines gefeierten, auch selbstgerechten, Stars im Angesicht der Verfolgung. Wie verhält sich ein Künstler in politisch schwerer Zeit? „Ich bin nur Musiker“, sagt Django Reinhardt (Reda Kateb) mehrfach im Film. Und: „Zigeuner führen keinen Krieg.“ Doch sich rauszuhalten, das geht nicht mehr im besetzten Paris Ende 1943, auf das sich der Film konzentriert. Reinhardt und sein Quintett Hot Club de France sollen ausgerechnet auf Deutschlandtour gehen, sogar vor Goebbels spielen. Eine Falle? Django ignoriert die Warnungen seiner weltgewandten Geliebten Louise (Cecile de France) lange. Er will lieber seine Gitarre spielen, angeln, genießen, Clark Gable nacheifern. „Lass uns ins Kino gehen und träumen“, sagt er zu Louise. Seine Geliebte ist unerwartet aus Belgien zurückgekehrt, Django hat inzwischen geheiratet, seine Frau Naguine (die ungarische Romasängerin Bea Palya) ist schwanger. Und er ist auf dem Gipfel des Ruhms. Was in Deutschland vorgeht, kümmert ihn wenig. Erst beim Besuch eines Jazzclubs, wo NS-Propagandabilder verulkt und – zu einer Art Swing-Musikvideo montiert – vorgeführt werden, erfährt er, wie dieser Hitler überhaupt aussieht. „Mieser Schnurrbart“, befindet er lapidar. Alles lacht: Das Pariser Nachtleben nimmt diese Nazis nicht als ernste Bedrohung wahr. Es wird gescherzt über Schilder wie „Swing Tanzen verboten“, und Reinhardts Klarinettist amüsiert sich über die Vorgaben, was sie spielen dürfen. Keine Soli, keinen Blues, nur Dur, keine Synkopen. Reinhardt, der keine Noten lesen kann, schüttelt den Kopf. „Verstehen Sie überhaupt etwas von Musik?“, herrscht ihn ein deutscher Offizier später an. „Nein, aber sie versteht mich“, lautet die Antwort. Dieser Django Reinhardt, verkörpert vom starken Reda Kateb aus „Ein Prophet“, macht es den Zuschauern nicht unbedingt leicht, ihn zu mögen. Er ist kein strahlender Held. Sondern ein Musikverrückter mit großem Ego. Ist er ignorant oder nutzt er Musik als Ausweg? Als innere Flucht, um sich frei und unangreifbar zu fühlen? Regisseur Étienne Comar überlässt die Antwort dem Zuschauer, betont aber, dass es ihm wichtig war, diese Freiheit zu feiern, die sich Musiker auch in schwieriger Zeit für ihre Kunst nehmen können. Der Ausnahmegitarrist Jean Reinhardt, geboren 1910 in Belgien, zum Star geworden in Paris, soll tatsächlich lange blind gegenüber der Gefahr gewesen sein, in der seine Familie sich als Sinti in der NS-Zeit befand. Er spielte seinen Gypsy-Jazz einfach weiter. Es überrascht und ist ein wenig traurig, dass so spät erst ein Film über Django Reinhardt entstanden ist. Frühere Projekte hatten sich zerschlagen, das Vertrauen der Nachkommen war nicht leicht zu erwerben. Doch Regisseur Etienne Comar, der mit 52 Jahren sein Debüt gibt, konnte mit seiner Vergangenheit als Produzent und Drehbuchautor sensibler Stoffe wie „Von Göttern und Menschen“ (2010) und als Musiker (er spielte in Rockbands) den Enkel Reinhardts überzeugen, von dem er zusätzliche Details über die Jahre 1943/44 erfuhr, die er im Film nutzte. Comars Vater war Django-Reinhardt-Fan, ein junger Neffe ebenso. Musik, die Generationen vereint, die nach wie vor kraftvoll, unmittelbar und mitreißend klingt – dies wollte er einfangen, was ihm dank der starken Neuinterpretationen von Stochelo Rosenberg und seinem Trio sowie Warren Ellis, der das verschollene Requiem nachempfunden hat, gelingt. Klug konzentriert sich Comar auf eine kurze Zeitspanne: die Flucht aus Paris über Thonon-les-Bains am Genfer See in die Schweiz. Das Drehbuch ist mit Alexis Salatko entstanden, der die fiktionalisierte Reinhardt-Biografie „Folles de Django“ geschrieben hatte. Psychologisieren will Comar nicht, er verdichtet, dokumentiert, und so entsteht ein feines Porträt eines Manns, der offenbar voller Widersprüche war. Und der von den beiden Frauen in seinem Leben gerettet werden musste. Die Atmosphäre des Films wird zusehends beklemmender. Geschickt entwirft Comar Szenen, die die wachsende Bedrohung spüren lassen, ohne in Kitsch oder Ausstattungskino abzugleiten. Die zweite Konzertszene, ein Reinhardt-Auftritt auch vor Uniformierten, in Paris zeigt, wie sich die zunächst brav sitzenden Zuschauer vom Rhythmus mitreißen lassen und das Tanzverbot ignorieren, selbst Deutsche. „Da tanzen Irre, und Schlangen kuschen“, sagt Naguine einmal über die befreiende und Freude befeuernde Wirkung des Swing und Jazz. Ein späteres Konzert, an der Schweizer Grenze vor deutschen Offizieren, funktioniert beinahe ebenso, bis doch ein Befehlshaber das „Affenkonzert“ beendet. Längst lacht keiner mehr, das Lager von Reinhardts Verwandtschaft wird umgehend niedergebrannt. Wer nicht fliehen kann, wird verschleppt. Und kehrt nicht wieder. Comar nimmt seine Figuren wie Darsteller ernst, folkloristisch wirkt der Film nie. Viele Szenen sind mit Laien entstanden, Sinti aus Forbach, darunter BimBam Merstein, die Darstellerin von Reinhardts Mutter Negros. Oft wird Manouche gesprochen, eine Mischung aus Romani und Deutsch. Die südwestdeutschen Reinhardts wären sicher auch eine Filmerzählung wert, allen voran der Geiger Franz „Schnuckenack“ Reinhardt, der länger in Haßloch gelebt hat, sich als Großneffe Django Reinhardts bezeichnete und den Krieg in Polen überlebt hatte. Auch dank seiner Kunst offenbar, getarnt als „ungarischer Musiker“. Heute sind wieder Menschen auf der Flucht, und ihre Verfolger wollen Musik verbieten. So ist „Django“ der passende Film zu Zeit und ein Plädoyer für die Freiheit von und durch Musik.