Kaiserslautern Der Absturz der Stars

Endspurt bei der 71. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in Venedig. Die Spekulationen, wer am Samstag den Goldenen Löwen und die anderen Preise der diesjährigen Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt bekommt, schießen ins Kraut. Sichere Voraussagen sind unmöglich. Denn der Wettbewerb war von hoher Qualität.
Es wäre keine Überraschung, wenn, wie schon im Vorjahr, der einzige Dokumentarfilm der internationalen Konkurrenz den Hauptpreis, den Goldenen Löwen, bekäme: „The Look of Silence“ („Das Gesicht des Schweigens“). US-Regisseur Joshua Oppenheimer erkundet darin das Selbstverständnis derer, die 1965 in Indonesien unzählige Menschen als angebliche Staatsfeinde ermordet haben, und die bis heute als Helden gelten. Großer Gewinner könnte aber auch Italien dank gleich drei der 20 Wettbewerbsbeiträge werden. Die italienische Presse schwärmt bereits von einer „Wiedergeburt des italienischen Kinos“. Die drei Filme entwickeln anhand persönlicher Geschichten kontrastreiche Sozialstudien und setzen dabei eher auf leise Töne. Beides ist übrigens typisch für diesen Venedig-Jahrgang. In „Anime Nere“ („Schwarze Seelen“) beleuchtet Regisseur Francesco Munzi in eindringlichen Tableaus anhand eines Familiendramas die Ohnmacht des Staates gegenüber der Mafia. Sein Kollege Mario Martone reflektiert in „Il giovane favoloso“ (internationaler Verleihtitel: „Leopardi“) die Lebensgeschichte von Giacomo Leopardi (1798 bis 1837), der als Erneuer der italienischen Literatur gilt. Bild- und sprachgewaltig denkt der Film über den heutigen Verlust an Kultur im Banne des Profits nach. Und Regisseur Saverio Costanzo erzählt in „Hungry Hearts“ („Hungrige Herzen“) die Tragödie einer dem Schlankheits- und Schönheitswahn verfallenen Frau, eine scharfe Kritik an einem auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Leben. Nicht nur fesseln diese Filme mit klugen Drehbüchern und Inszenierungen, dazu überzeugen auch exzellente Darsteller. Alba Rohrwacher in „Hungrige Herzen“, Elio Germano in „Leopardi“ und Marco Leonardi in „Schwarze Seelen“ haben Chancen, ausgezeichnet zu werden. Jedoch ist der Andrang gerade im Rennen um die Ehrung als beste Schauspieler extrem groß. Hoch gehandelt werden zudem Chiara Mastroianni im pointierten Liebesdreieck-Melodram „Drei Herzen“ (Regie: Benoît Jacquot/ Frankreich); die Chinesin Lü Zhong in „Rote Amnesie“ (Regie: Wang Xiaoshuai), einer Auseinandersetzung mit den Folgen der Kulturrevolution im Krimi-Gewand; Al Pacino in „Manglehorn“, David Gordon Greens Ballade von der Leere eines Lebens ohne Liebe, Viggo Mortensen für seine Verkörperung eines Lehrers zur Zeit des Algerienkrieges in „Fern von den Männern“ (Regie: David Oelhoffen/ Frankreich) und – nicht zuletzt – Michael Keaton, Hauptdarsteller der schwarzen Komödie „Birdman“ (USA) von Alejandro G. Iñárritu. In Venedig war allerdings auch zu beobachten, wie exzellente Mimen abstürzen können, wenn sie nicht wirklich Gehaltvolles zu gestalten haben. Krassestes Beispiel ist Al Pacinos Verkörperung eines abgewrackten Schauspielers in der Adaption von Philip Roth’ Roman „Die Demütigung“. Von Regisseur Barry Levinson („Rain Man“) alleingelassen, versinkt er in peinlicher Eitelkeit. Angesichts seines sensiblen und preisverdächtigen Spiels in „Manglehorn“ fällt das besonders auf. Abgestürzt ist leider auch der oft großartige Willem Dafoe, der ab kommender Woche auch in einer Nebenrolle im Thriller „A Most Wanted Man“ in den deutschen Kinos zu sehen ist. Nach Venedig kam er in der Titelrolle des von US-Regisseur Abel Ferrara als französisch-belgisch-italienische Produktion inszenierten Biopics „Pasolini“, einer Chronik der letzten Lebensstunden des 1975 mit 53 Jahren in Ostia nahe Rom ermordeten Dichters, Filmemachers und Publizisten Pier Paolo Pasolini („Medea“). Dafoe wirkt vom Aussehen her wie ein Double des legendären Künstlers und Gesellschaftskritikers. Doch wenn er unentwegt Zitate aus Schriften und Interviews Pasolinis aufsagt, mutet das grotesk hölzern an. Dafoe hatte keine Chance, einen packenden Charakter zu prägen. Denn Abel Ferrara, der ein Drehbuch des an „Anime Nere“ als Mitautor beteiligten Maurizio Braucci verfilmt hat, bietet lediglich eine aufgesetzt anmutende Aneinanderreihung von nichts über die Persönlichkeit des Protagonisten aussagenden Momentaufnahmen: Pasolini beim Interview, im Auto, beim Essen, als Sexbesessener. Der Film enttäuscht vor allem, weil er am Anfang den Pasolini-Satz „Alles ist Politik!“ zitiert, den er jedoch in keiner einzigen Szene einlöst. Nicht eingelöst wird zudem das Versprechen, sich mit der bis heute im Raum stehenden Vermutung auseinanderzusetzen, der Mord wäre von den damals politisch Mächtigen Italiens zumindest gefördert worden, wenn nicht gar angeordnet. Der heiß erwarette Film entpuppte sich so als eine große Enttäuschung. Doch Enttäuschungen wie diese ändern nichts am positiven Gesamteindruck. Das Festival hat mit Stärke überzeugt. Zu sehen waren viele Filme voller Intelligenz und Emotionalität, Filme, auf die wir uns im Kinoalltag freuen können.