Kaiserslautern Das Flattern der Hände

Nicht nur Europa gedenkt dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren: Heute hat Lemi Ponifasios Theaterarbeit „I Am“ bei der Ruhrtriennale Deutschlandpremiere. Der Neuseeländer hinterfragt hier auch die Rolle seiner Heimat in jenem Krieg, der doch alle Kriege beenden sollte – und warnt vor neuer Gewalt. Ponifasios bereits dritte Arbeit für die vom Neustadter Heiner Goebbels geleitete Ruhrtriennale ist eine Gratwanderung und weit von seinem ursprünglichen Medium Tanz entfernt.
Nur die Hände tanzen hier noch. Flattern verschreckt wie die Flügel eines aufgescheuchten Vogels. Oder klatschen rhythmisch. Um an marschierende Soldaten zu erinnern. Und an die Tradition, aus der Lemi Ponifasio schöpft: Der ehemalige Tänzer und Tanztheaterchoreograf stammt aus Samoa. Und das rasend schnelle Klatschen der Hände hoch über dem Kopf oder auf den Leib gehört zu jedem samoanischen Tanz, auch wenn deutschen Betrachtern bisweilen Gedanken an bajuwarisches Brauchtum kommen können. Gedanken, die Ponifasio lieb sein dürften, will er in „I Am“ doch auch europäische Bezüge herstellen. Die für seine eigene Tanzkompanie MAU geschaffene Theaterarbeit wird als Koproduktion der Festivals in Avignon, Edinburgh und dem Ruhrgebiet bewusst nacheinander in den damals kriegsbeteiligten Ländern Frankreich, Großbritannien und Deutschland aufgeführt. Und der Neuseeländer verwendet auch Zitate aus diesen Nationen, darunter von Antonin Artaud oder aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“. Gleichzeitig geht es dem 50-Jährigen darum, auch in seiner Heimat ein Nachdenken anzustoßen. Wird in Neuseeland der Erste Weltkrieg doch auch als identitätsstiftendes Ereignis gesehen, das dem Land erst ein eigenes Nationalgefühl ermöglichte. Noch heute wird der „Anzac Day“ in Neuseeland gefeiert, der an die verlustreiche Schlacht von Gallipoli im April 1915 erinnert, bei der neuseeländische Truppen erstmals in den Krieg eingriffen. Und für Kinder ist der Feiertag Gelegenheit, sich mit den beliebten Anzac-Keksen einzudecken. Heroische Verklärung der kriegerischen Vergangenheit ist natürlich alles andere als Ponifasios Anliegen. „I Am“ stellt seine Zuschauer vielmehr vor eine gehörige Herausforderung: Knapp zwei Stunden ohne Pause und ohne durchgehende Handlung mutet Ponifasio dem Publikum zu – und viel Ruhe. Wer sich jedoch einlässt auf seine grandiosen, apokalyptischen Bilder, die geheimnisvollen Bewegungen und Gesten und die betonte Langsamkeit dürfte den Abend so schnell nicht vergessen. 18 Tänzer, sowohl aus Pazifikländern wie Neuseeland, Samoa und Neukaledonien, aber auch aus Europa oder Kanada, versammelt das ganz in schwarz und weiß gehaltene Stück. Nur ein einziges Mal setzt Ponifasio, der zusätzlich auch selbst mitwirkt, blutrote Akzente: Ein unwirkliches, engelhaftes Wesen wird wieder und wieder gedemütigt und mit roter Farbe bespuckt: Wie Krieg entmenschlicht, betont „I Am“ vor allem anderen. Auch anhand ganz einfacher Bilder: Ein Tänzer bewegt sich plötzlich auf allen Vieren voran statt aufrecht, gelassen, lauernd wie ein Raubtier. Neben der Bewegung dient Ponifasio auch Gesang als Ausdrucksform, um die Absurdität von Krieg aufzuzeigen: Er setzt auf laut klagende Maori-Worte, teils – von einer Frau – vorgetragen mit der aggressiven Mimik, die aus Hakatänzen bekannt ist. Sie beklagt den Tod ihres Geliebten. „Kein Krieg hat je zu einem langfristigen Sieg geführt, sowohl die Sieger wie die Besiegten wurden ihrer Menschlichkeit beraubt“, schreibt Ponifasio über sein Stück, das er als „Karanga“ versteht, als „Zeremonie und poetischen Raum“. Kunst könne „daran erinnern, dass wir Veränderungen auch ohne Gewalt und Schmerz erreichen können“. Auch wenn das Zusehen bisweilen verstören kann.