Kaiserslautern Begegnung mit dem Pfalztheater-Schauspieler Hartmut Neuber
Als der frisch installierte neue Oberspielleiter Stephan Beer im Oktober 2023 den „Sommernachtstraum“ auf die Bühne des Pfalztheaters Kaiserslautern brachte, formulierten mehrere Ensemblemitglieder im Programmheft ihr Ideal einer gelungenen Aufführung. Der Schauspieler Hartmut Neuber beschrieb einen „Theaterabend mit einer wunderschönen Rolle in einem wunderbaren Stück in einer wundervollen Inszenierung (...), an dem alles glatt läuft bis auf eine winzige Kleinigkeit“. Die aber möge dafür sorgen, dass „man immer weiterspielen möchte“.
Ein Gespräch mit Hartmut Neuber macht in wenigen Momenten deutlich, was er damit meint. Es ist die ewig währende und immer brennende Leidenschaft des Mimus, alle Stärken und Schwächen, Herausforderungen und Ängste, Anwandlungen und Wesensarten, Wag- und Fährnisse, Ruhmestaten und Niederlagen, Tragödien und Lächerlichkeiten getreu abzubilden. Authentische Gefühle zu umreißen.
Identifikation und V-Effekt
Dem wahren Schauspieler geht es darum, Menschen nicht als schablonenhafte Blaupause widerzuspiegeln, sondern lebensecht und trotzdem zugleich „fremd“ und hinterfragbar erscheinen zu lassen. Will sagen: Der Zuschauer erkennt im Schauspieler sich und seine Verhaltensweisen wieder, um diese anschließend zu überdenken und zu überprüfen. Das gilt fürs tragische Fach im selben Umfang wie für Komiker.
Hartmut Neuber hat in seiner langen Bühnentätigkeit immer wieder die komplexen weisen Narren Shakespeares gespielt: den Lancelot Gobbo in „Kaufmann von Venedig“ oder den Probstein in „Wie es euch gefällt“. Auch der „vernünftige“, um Ordnung bemühte Handwerker Squenz im „Sommernachtstraum“ gehört in diese Reihe.
Leidenschaft des Mimus
Der Zimmermann und Regie-Dilettant – von Shakespeare als Kontrast zur höfischen Welt der Elfen gezeichnet – war Neubers Antrittsrolle, als er in der Spielzeit 2023/24 zusammen mit Stephan Beer nach Kaiserslautern kam. Die Stadt soll seine letzte Bühnenstation werden, kündigt er im RHEINPFALZ-Gespräch an.
Nach einem langen Bühnenleben sehnt sich Hartmut Neuber danach, sich nicht mehr verwandeln sie müssen und „endlich ich selbst“ sein zu können. „Als Schauspieler hat die Rollenhaftigkeit mein Leben bestimmt“, sagt er. „Im kommenden September werde ich 65. Da ist es Zeit für einen Urlaub vom Wir. Man fragt sich: Wo bin ich und wer bin ich?“
Meer, Wind und Sterne
Die Suche nach dem Selbst hat ihn 2018/19 in ein Abenteuer auf hoher See geführt. In elf Monaten und mehreren Etappen umrundete er im Ein-Hand-Segler den Atlantik, lernte „die befreiende Einsamkeit des Ozeans“ kennen. „Es war ein extrem beglückendes Erlebnis“, sagt Hartmut Neuber. „Auf dem Segel-, nicht auf dem Motorboot, geht man ein Verhältnis mit Natur und Wellen ein. Man arbeitet mit der Natur, spürt die herrliche Verbindung, die das Boot mit Wind und Wasser eingeht.“
Ein Bericht über die Weite und Einsamkeit des Meers kann unterschiedlich ausfallen. Entweder als lauthals trompetetes Helden-Epos in Angeber-Manier. Oder aber still, gedankenvoll, in Demut und Respekt vor der Urgewalt der Elements. Hartmut Neuber, der kahlköpfige 1,65-Meter-Mann, schlägt die leisen Töne an. Unaufgeregt, aber mit den glänzenden Augen der schönsten Erinnerung berichtet er vom „Zurückgeworfensein auf sich selbst“; von „Begegnungen mit Menschen auf abgelegenen Inseln“; von Flauten und Sturmnächten und davon, dass „ein Segelboot ein lebendiges Wesen“ sei.
Subtilität und enorme Präsenz
Wie es der Zufall so will, spielte er 2024 im mythisch überhöhten Walfänger-Abenteuer „Moby Dick“ eine seiner ersten Rollen am Pfalztheater. Da war er der Erste Maat Starbuck, der dem rachelüsternen Wahnsinn seines Kapitäns (Aglaja Stadelmann) mit Besonnenheit und „vernünftigem“ Moralismus begegnet.
Subtilität und enorme Präsenz ganz ohne große Gesten zeigte er als Stiefvater im Anti-Kriegs-Stück „Untröstliche Schatten“ und als abgeklärt-abgestumpfter Gerichtsvollzieher in „Bauern, Bonzen und Bomben“. Dieselbe Qualität mit komödiantischen Vorzeichen offenbarte er als versoffener Ex-Chirurg Dr. Einstein in „Arsen und Spitzenhäubchen“ – eine Art Entschädigung für die quietschbunt-unübersichtliche Neuinszenierung durch Ekat Cordes.
Umso schöner fiel Petra Jennis Version des Zwei-Personen-Stücks „Rot“ von John Logan aus, in dem Neuber den abstrakten „Farbfeld“-Maler Mark Rotho spielte. Da gab er den mal philosophierenden, mal schwadronierenden Expressionisten, der mit seinem Assistenten (Martin Schultz-Coulon) über Kunst debattiert.
Reinhardt-Seminar, Studium und Zivildienst
Ähnlich komplexe Reflexionen über Kreativität und Kreative stellte Hartmut Neuber an, als er am Stadttheater Gießen den „Amadeus“ von Shaffer und in Nürnberg den frustrierten Orchestermusiker in Süskinds „Kontrabass“ spielte. Es sind zwei Parts, die er auf Nachfrage zu seinen wichtigsten Rollen rechnet. Außerdem nennt der den Franz Moor in Schillers „Räubern“.
Seine Ausbildung absolvierte der Rheinländer, der als Zwölfjähriger am Theater der Jugend seiner Heimatstadt Bonn begann, am Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Die Fächer Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studierte er halbherzig und nebenbei.
Arbeit am Regiepult
Dem ersten Engagement in Hannover folgten Stationen in Gießen und Detmold. „Dort habe ich abends in ,Napoleon oder Die hundert Tage’ den Kaiser der Franzosen gespielt“, berichtet er, „obwohl ich in Wirklichkeit Wehrdienstverweigerer bin und tagsüber meinen Zivildienst ableistete“.
Zu den Regieaufgaben, die Neuber in Detmold übernahm, zählte das Stück „Duett für eine Stimme“ von Tom Kempinski, das von der MS-kranken Cellistin Jacqueline du Pré handelt. Es folgten Engagements in Göttingen, Darmstadt und am Städtebundtheater Krefeld/Mönchengladbach, ehe er 2000 für elf Jahre ans Staatstheater Nürnberg ging. Er kündigte, als ihn der Theaterzauberer Enrico Lübbe nach Chemnitz holte und anschließend nach Leipzig mitnahm.
Nachdenken über Abschied von der Bühne
In Kaiserslautern war er unlängst als ehemaliger Oberst zu sehen, der in Borcherts „Draußen vor der Tür“ mit seinen Kriegsverbrechen konfrontiert wird. Derzeit glänzt er in „Zwei Herren von Real Madrid“ von Leo Meier als raubeiniger Verteidiger, der in einem wunderbar-wundersamen Monolog über seine Tätowierung und das Wunder des Leben räsoniert. Soeben haben die Proben fürs spartenübergreifende Großprojekt „Frankenstein“ begonnen.
Was kommt, wenn im kommenden Sommer die Spielzeit des Pfalztheaters endet? Hartmut Neuber muss nicht groß überlegen: „Ich bin seit 25 Jahren verheiratet. Aber meine Frau und ich haben noch nie richtig zusammenlebt. Sie wohnt in München und ich momentan in Kaiserslautern. Das wird jetzt anders.“