Kaiserslautern 50 Zeilen Nachklang: Der Kritiker steht – im Innenraum rum

Ja, richtig, die Zeit bleibt nicht stehen und geht zudem auch nicht spurlos an einem vorbei. Anders gesagt: Man wird älter und vielleicht sogar auch etwas bequemer. Und anfälliger für die kleinen Wehwehchen des Kritiker-Alltags. Da fällt einem trotz Bayreuth-Erfahrung mit insgesamt drei unterschiedlichen „Ring“-Zyklen so ein vermeintlich lapidares „Rheingold“, dessen Gesamtspieldauer ja kürzer ist als die des ersten Aufzugs der „Götterdämmerung“, in Wiesbaden schon ziemlich schwer. Glücklicherweise gab es im Hessischen Staatstheater jedoch mehr Beinfreiheit als im ersten Rang des Saarländischen. Dort hat man absolut keine Chance, seine Beine auch nur ein ganz klein wenig nach vorne auszustrecken und damit zu entasten, weil die Rückenlehne des Vordersitzes das nicht zulässt. Da wird dann selbst ein kuscheliger „Freischütz“ zur Herausforderung. Doch wenn dann der Opernhaus-verwöhnte Musikkritiker einmal – rein genretechnisch – fremdgeht und sich in der SAP-Arena in ein Pop-Konzert verirrt, merkt er erst so richtig, was er an seinem Platz in Parkett, Rang oder Loge hat: genau, eben das, einen Sitzplatz. Jetzt kommt die eingangs erwähnte Geschichte mit dem Alter. Denn selbstredend wunderte sich die Kollegin im Nachbarzimmer über die hinterher formulierten Klagen des stehenden Revolverheld-Rezensenten. Doch auch der hatte im Konzert letztlich ja das beste aus der Situation gemacht und schon nach gar nicht so langer Zeit die Vorteile des Stehen-Dürfens schätzen gelernt. Zwar taten irgendwann die Füße weh, aber dem konnte ja durch rhythmische Sportgymnastik, von der man hoffte, sie sehe vielleicht nicht wie Tanzen, aber doch immerhin wie gesteuerte Bewegung aus, durchaus abgeholfen werden. Und bei der nächsten „Götterdämmerung“? Nun, zu Siegfrieds Rheinfahrt kann man sich auch im Takt wiegen ...