Heidelberg / Mannheim
Die Solar-Experten: Als Studenten-Initiative fängt alles an
Das Engagement der Studenten mündete in der Heidelberger Energie-Genossenschaft (HEG) – ein Erfolgsmodell, das stetig wächst. Mit Aufträgen, die bereits weit über die Universitätsstadt am Neckar hinausreichen. Die Heidelberger Brauerei in Pfaffengrund, der Jedermann-Verlag in Wieblingen, das Collegium Academicum in Rohrbach, eine Wohngruppe in der Südstadt oder im Mannheimer Turley-Quartier: 30 Firmen, Gemeindehäuser und Wohnprojekte haben inzwischen ein Solardach der HEG und versorgen sich dank der Sonnenkraft selbst mit Strom.
„Wir haben klein begonnen, inzwischen werden wir aber ernst genommen“, sagt Andreas Gißler. Im Wintersemester 2008/09 besuchte der heute 35-Jährige ein Seminar zu Erneuerbaren Energien an der Pädagogischen Hochschule (PH). Eine Seminararbeit mit weiteren Studenten mündete in ein Konzept für eine Solaranlage auf dem Dach der PH. Kurz darauf übernahm man mit Handwerkern auch die Umsetzung. Und so traf die Studentengruppe 2010 den Entschluss, das Heft der erneuerbaren Energien einfach selbst in die Hand zu nehmen. Mit der Idee, Bürger finanziell an Projekten zu beteiligen, den Zugang zu Investitionen in umweltfreundliche Energiemodelle zu erleichtern und die Gewinne nur in Projekte zu stecken, wenn diese ökologisch, sozial und wirtschaftlich verträglich sind. Denn eine Differenz hatte die damalige Studenten-Initiative schon eine Dekade vor der großen Klimadebatte und Fridays-For-Future-Bewegung ausgemacht: Dass das Interesse der Bürger an grünem Strom im Grunde weit größer ist als die tatsächliche Anzahl an Solardächern.
Großprojekte in Ostdeutschland
Am Anfang waren es 17 Gründungsmitglieder, inzwischen ist die HEG auf fast 900 Genossen angewachsen. Nicht nur eine Zahl, sondern auch ein zahlungskräftiger Rückhalt. Denn nur dank des Mitgliederkapitals können Großprojekte verwirklicht werden. Wie zum Beispiel die Überdachung riesiger Produktionshallen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Seinen Job als Lehrer hat Gißler inzwischen aufgegeben, um sich voll und ganz den Solar-Konzepten zu widmen. Bei kleineren Projekten kraxelt der Pädagoge auch immer noch selbst mit aufs Dach. Inzwischen wurde auch eine Tochterfirma für den Bau der Solaranlagen gegründet.
„Ohne uns hätten viele Firmen den Schritt zu eigenem Solarstrom sehr wahrscheinlich nicht gewagt“, weiß Laura Zöckler, die seit 2018 im Vorstand aktiv ist. Als Politikstudentin fand die heute 31-Jährige während ihres Studiums Zugang zur HEG. „Das war im Jahr 2011. Da war eine Gruppe von Studenten, die nicht darauf wartete, dass die große Politik mit Ideen kommt, sondern die selbst etwas im Kleinen bewegen wollte“, erinnert sie sich.
Mundpropaganda hilft
Am Anfang musste man noch viel Akquise betreiben, klopfte man bei heimischen Firmen an. „Inzwischen erhalten wir aber sehr viele Anfragen, es spricht sich herum“, erzählt Zöckler. Der Bekanntheitsgrad wächst ebenso wie der Radius und die Zahl der Aufträge: Während viele Unternehmen sich in Corona-Zeiten in einer Krise befinden, verzeichnet die HEG für 2020 ein Rekordjahr: 1,3 Millionen Kilowattstunden Strom wurden erzeugt. Was der Genossenschaft aber noch wichtiger ist: Etwa 520 Tonnen Kohlenstoffdioxid wurden gegenüber dem bundesweiten Strommix eingespart. „Dafür bräuchte man 40.000 Bäume, um diese Menge an Kohlenstoffdioxid zu binden“, rechnet Zöckler vor.
Mit den gemeinsam mit acht weiteren Energiegenossenschaften gegründeten Bürgerwerken tritt die HEG mittlerweile selbst als Stromversorger in Erscheinung. „Inzwischen sind knapp 100 Genossenschaften Teil des bundesweiten Ökostromanbieters. Die Leute wissen, woher der Strom kommt und was mit ihren Beiträgen passiert“, sagt sie über die gemeinwohlorientierte Initiative. Als verspäteter Höhepunkt zum Jubiläum soll bis zum Frühjahr 2022 am Heidelberger Innovation Park ein eigenes Bürogebäude stehen: der „e+Kubator“, der weit mehr als ein Vereinsheim der Genossenschaft verkörpern soll. „Es wird eine Art Reallabor für die Energie- und Mobilitätswende, mit Veranstaltungen, Projekten und Ausstellungen, wo wir Zukunftstechnologien zeigen und erlebbar machen“, verspricht Zöckler. Und natürlich soll auch dort der Strom klimafreundlich bezogen werden. Mit der Kraft der Sonne, die auf die Solarbedachung scheint.