Grünstadt Zweifellos ein Meister

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Klar, klangmächtig, lebhaft und immer verständlich: So spielte David Franke aus Naumburg am Sonntag an der Orgel der Kirchheimer Andreaskirche Musik von Johann Sebastian Bach und seinem Umfeld. Im zweiten Konzertteil gab es gekonnte Improvisationen über Melodien, die sich das – leider nur sehr kleine – Publikum gewünscht hatte.

David Franke, 1980 in Freiberg im Erzgebirge geborener Kirchenmusiker – er studierte in Stuttgart, Kopenhagen und Berlin –, ist in besonderer Weise zum Hüter Bach’scher Tradition bestellt: Er ist seit 2008 Organist an der Wenzelskirche in Naumburg. Dort steht die einzige erhaltene Orgel, auf deren Disposition Johann Sebastian Bach Einfluss genommen hat. Zacharias Hildebrandt hat sie in den 1740er Jahren auf der Grundlage eines Bach’schen Gutachtens gebaut, zahlreiche spätere technische und klangliche Veränderungen, die nur ein Drittel des Pfeifenbestandes übrig ließen, hat man, so gut es geht, jüngst wieder rückgängig gemacht. Franke leitet aus der Disposition der Orgel den starken Gebrauch der Zungenstimmen im Pedal und überhaupt farbenreiche und klangvariable Registrierung ab. So war es folgerichtig, dass er die entsprechenden Klangmöglichkeiten der Kirchheimer Mönchorgel ausreizte, wobei allerdings auch die Grenzen des halt doch nicht allzugroßen Instruments, was den Aufbau eines abgerundeten Klangs betrifft, deutlich wurden. Der Literaturteil war schön aufgebaut: Dreimal die gleiche Gattung, die Fantasie (zweimal mit Fuge), von Johann Sebastian Bach, von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel und von seinem letzten Schüler Johann Gottfried Müthel – das zeigte eine durchlaufende Traditionslinie und zugleich den im Resultat etwas zwiespältigen Versuch, diese Traditionslinie einem veränderten Zeitgeist und Geschmack anzuverwandeln. Franke eröffnete hochinteressante Vergleichsmöglichkeiten, beginnend mit Johann Sebastian Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542, einem recht bekannten Werk des Komponisten. Die Toccata spielte er machtvoll und zügig, setzte gegensätzliche Blöcke in raffiniert gewählter kontrastierender Registrierung nebeneinander. Die Fuge brachte er mit beeindruckender Stringenz und leuchtender Stabilität, spannend und farbenreich, und bei aller Klangpracht völlig durchhörbar – das war wirklich großartig. Es folgten drei Kyrie-Sätze aus der Clavierübung, ihrem Charakter entsprechend zurückhaltender gebracht, wovon der mittlere Satz besonders schön war. Wunderbar verdeutlichte Franke dann die komplexe Struktur des deutschen Gloria „Allein Gott in der Höh’“ BWV 674, klar, flüssig und lebhaft, die einzelnen Motive plastisch artikuliert, aber nicht auseinanderbrechend. Auch Carl Philipp Emanuel türmt in seiner Fantasie und Fuge c-Moll Wq 119/7 die Akkorde, will seinen Vater, was ihre harmonische Schärfe betrifft, möglichst überbieten, steht aber sonst ganz in der Tradition Johann Sebastians. Auch das legt Franke groß an, mit wunderbarem Sinn für die Spannungsarchitektur. Einer neuen musikalischen Epoche indes gehören des Sohnes Stücke für Flöten- und Harfenuhren an, also für Musikautomaten: Gefällige Melodien, der Zweckbestimmung entsprechend kurz, die man etwas flüssiger und gefälliger darstellen sollte, als Franke das tat. Im abschließenden Marsch plärrten die Zungen etwas. Johann Gottfried Müthel erlernte das Musikerhandwerk noch wenige Monate bei Johann Sebastian Bach und nach dessen Tod bei dessen Schwiegersohn Altnickol, und zwar an der Naumburger Wenzelskirche. Seine Fantasie in G, ebenfalls ohne Fehl und Tadel präsentiert, will abermals den Effekt mächtiger Akkordschläge steigern, aber zugleich gefällig und angenehm sein. Im zweiten Teil bot Franke, der einschlägige Auszeichnungen erster Güte besitzt, Improvisationen. Diese in Deutschland lange kaum gepflegte Musizierweise scheint neuerdings vermehrt modern zu sein, und zwar in einer Art und Weise, die sich an Stilen der Vergangenheit orientiert und eher kurze Variationssätze als langgespannte musikalische Fantasien anzielt. Offenbar ist das dem Wunsch geschuldet, durch fassliche, angenehm tonale Einkleidung bekannter Melodien populär zu sein. Und da die Komplexheit dessen, was jemand ad hoc ausspinnen kann, naturgemäß begrenzt ist, kommt dabei nicht selten durchaus so etwas wie Easy Listening auf der Kirchenorgel heraus – etwas, das durchaus zwiespältige Gedanken erweckt. David Frankes Improvisieren hat davon durchaus einiges, es ist aber auch bemerkenswert einfallsreich, pfiffig und versiert. In diesem Fall also: Easy Listening auf hohem Niveau. Das Publikum gab in reicher Fülle Vorschläge ab, aus welchen Franke zunächst das beliebte Kirchenlied „Nun danket alle Gott“, gleichsam das protestantische Te Deum, zum Thema einer Suite im französischen Barockstil machte. Die Epoche stimmt, aber Frankreich kannte den Choral kaum, so dass durchaus Überraschendes zu hören war. Überaus geschickt modifizierte Franke die Melodie oder einzelne Phrasen, so dass er in der Lage war, den französischen Stil ziemlich gut zu treffen und doch immer auch bei seinem Thema zu bleiben. Fragwürdiger war dann schon, das Thema des dritten Satzes aus Beethovens Eroica im Rahmen eines Barocktrios zu hören, in dem es eben nicht darf, was es in der Sinfonie tut: sich wandeln und entwickeln. Durchaus interessant, aber musikalisch nicht sonderlich sinnvoll, war eine Suite mit dem Prélude „Kommt ein Vogel geflogen“, dem Scherzo „Yellow Submarine“ und dem Schicksalmotiv (Ta-ta-tamm) aus Beethovens Fünfter als Finalsatz. Das Resultat war einfallsreicher und klangfarbenfroher Unsinn – und als solcher durchaus vergnüglich und amüsant. Schließlich tauchte Franke noch „Der Mond ist aufgegangen“ in schöne abendliche Klänge und entließ sein kleines Publikum hochzufrieden.

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