Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wertvolle Wegbegleiter aus dem Palliativteam

Drei der vier Geschäftsführer des Palliativteams Invia aus Kirchheim, von links: Katrin Zierke, Marek Wenz und Jeannette Paulick
Drei der vier Geschäftsführer des Palliativteams Invia aus Kirchheim, von links: Katrin Zierke, Marek Wenz und Jeannette Paulick. Wenz hält ein besonderes Gefäß in der Hand.

In Würde daheim sterben, das wünschen sich viele. Schwerstkranke, denen nicht mehr viel Zeit bleibt, haben einen Rechtsanspruch auf professionelle Begleitung auf dem letzten Stück Weg. Das Palliativteam Invia aus Kirchheim bietet das an – seit mehr als eineinhalb Jahren. Dabei spielen bemalte Kiesel in einem Glas eine besondere Rolle.

„Kannst du das sehen, wie wir uns vor dir verneigen? Die Bäume streuen Konfetti und klatschen mit den Zweigen. Du musstest früher gehen, aber was berührt, das bleibt.“ Mit einfühlsamen Zeilen wie diesen aus dem Lied „Konfetti“ von Enno Bunger, gesungen von Eva Croissant, und Klavierklängen von Angela Schönfeld ist am Samstag eine Gedenkfeier in Kirchheim umrahmt worden. Es war die erste Veranstaltung dieser Art des Palliativteams Invia, das sich im Januar 2022 gegründet hat. Im mit Kerzen und Rosenblättern dekorierten Seitengebäude des Friederich-Diffiné-Hauses blicken rund 25 Hinterbliebene zurück auf diejenigen, die sie für immer verlassen haben.

Insgesamt haben die Mitarbeitenden von Invia im vergangenen Jahr 148 unheilbar kranke Menschen bis zum Tod begleitet. Dabei sind sie für ein riesiges Gebiet zuständig; es umfasst die Verbandsgemeinden Leiningerland, Freinsheim, Enkenbach-Alsenborn und Lambsheim-Heßheim, darüber hinaus die Ortschaften Grünstadt, Bad Dürkheim, Frankenthal und Bobenheim-Roxheim. „Der Bereich wurde von den Krankenkassen festgelegt, die uns eine Pauschale zahlen“, sagt Jeannette Paulick. Laut dem Facharzt für Inneres, Marek Wenzel, der wie seine Vorrednerin Gründungsmitglied ist, hatte das Team noch zu circa 50 weiteren Patienten Kontakt, diese aber nicht bis zum Schluss unterstützt. Das sei entweder der Fall, wenn die Betroffenen durch medizinische Maßnahmen so weit stabilisiert werden, dass vorerst keine Palliation mehr erfolgen müsse, oder wenn sie in einer Klinik oder einem Hospiz verstorben sind.

Bei Bedarf gehen sie sogar ins Gefängnis

Bewohner von Pflegeheimen oder Insassen von Gefängnissen werden von Invia bei Bedarf aufgesucht, wie Paulick erläutert. In der Regel versorge man die Patienten aber bei sich daheim. Das erklärte Ziel des Kirchheimer Teams ist es, den Todgeweihten eine bestmögliche, würdevolle restliche Lebenszeit in ihrem vertrauten Umfeld zu ermöglichen. „Wenn es keine besonderen Vorkommnisse gibt, besuchen wir die Kranken und ihre Angehörigen einmal pro Woche“, erklärt die 54-Jährige. Invia habe aber eine 24-Stunden-Bereitschaft, „und das vermittelt Sicherheit“. Niemand müsse bei dramatischen Verschlechterungen des gesundheitlichen Zustandes panisch den Notruf wählen.

Holzanhänger, auf denen letzte Grüße gemalt worden sind, schmücken den Erinnerungsbaum.
Holzanhänger, auf denen letzte Grüße gemalt worden sind, schmücken den Erinnerungsbaum.

Das Team war zu Beginn sechsköpfig. Aktuell besteht es aus acht Leuten: sechs Gesundheits- und Kranken- beziehungsweise Altenpflegerinnen mit Zusatzausbildung zu Palliative-Care-Fachkräften und zwei Internisten, die auch Palliativmediziner sind. In Kooperation mit drei weiteren Fachärzten leisten sie eine Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) für Erwachsene. Anspruch darauf haben – nach einer ärztlichen Verordnung – Schwerstkranke ab 18 Jahre mit begrenzter Lebenserwartung, die eine besonders aufwendige Betreuung benötigen. Im Gegensatz zur Allgemeinen Ambulanten Palliativ-Versorgung (AAPV) können unter anderem auch Medikamente verabreicht, Punktierungen sowie Ultraschalluntersuchungen vorgenommen werden. Es geht vor allem um Schmerzlinderung und Symptomkontrolle sowie um psychosoziale Unterstützung.

Es wird auch viel gelacht

Die weitere Behandlung, etwa in einer Klinik oder durch einen Pflegedienst, wird koordiniert und es wird beraten. „Durch unsere Erfahrung haben wir Vorstellungen vom Krankheitsverlauf und geben Tipps, wie beispielsweise das häusliche Umfeld auf eine Einschränkung der Mobilität ausgerichtet werden kann“, erläutert Team-Mitarbeiterin Agnes König. Ansonsten hören die Wegbegleiter zu, sie trösten und lachen – alles, ohne auf die Uhr zu schauen, wie Paulick versichert. „Es wird viel gelacht bei den Patienten“, erzählt sie. Bei der Betreuung tauche man oft ganz tief in Lebensgeschichten ein. Man verbringe eine intensive gemeinsame Zeit mit viel körperlicher und seelischer Nähe, die mitunter Jahre dauern kann.

„Nach dem Tod des Betreffenden gibt es dann aber nur noch ein Abschlussgespräch und anschließend sind wir weg“, sagt die Palliativ-Fachkraft. Die dabei oft zu kurz kommende Trauerarbeit kann zu einem gewissen Teil bei der Gedenkfeier nachgeholt werden. Jeder Besucher erhält eine kleine Holzscheibe, an der ein Band befestigt ist. Wer mag, kann einen letzten Gruß darauf malen. Eine Rentnerin aus Grünstadt schreibt, umrahmt von Herzchen: „Danke Mama. Wir vermissen Dich“. Die 20-jährigen Zwillinge Emil und Paul Weiß aus Obrigheim haben den Anhänger mit einer wunderschönen Rose verziert. „Die ist für unsere Oma Karin Wörz. Sie hat Blumen immer so gemocht“, erklärt Emil. Nach dem Verlesen der Namen schmücken die Scheiben einen Erinnerungsbaum.

Das Ritual mit den Kieselsteinen

Rituale spielten eine wesentliche Rolle im Leben, betont Invia-Mitarbeiterin Ingrid Genari: „Sie geben Struktur und stellen eine Verbindung zu den Wurzeln her.“ So sammelt das Team Kiesel am Rhein. Verstirbt jemand, werden seine Initialen bei Kerzenschein auf einen passenden Stein gemalt, der anschließend in ein großes Glas gelegt wird. Jetzt sind in dem Gefäß 148 Stück versammelt. „Nach der Feier geben wir die Kiesel dem Fluss zurück“, erklärt Genari.

Max Wäldele von der Freireligiösen Landesgemeinde Baden aus Mannheim stellt die Frage in den Raum: „Sind diese Menschen wirklich weg?“ In der Natur gehe nichts verloren, Materie und Energie würden lediglich umgewandelt. „Alles ist Frucht, alles ist Samen“, so Wäldele, bevor Blumenkugeln verteilt werden. Paulick: „Einfach in die Erde stecken und auf Regen warten.“ Den Weiß-Brüdern gefällt die Gedenkfeier. Sie sei auch toll organisiert, meinen sie. Die Laumersheimerin Martina Schneck, die ihren Mann Rudi verloren hat, urteilt: „Das ist eine sehr schöne Veranstaltung.“

 Eva Croissant umrahmt gefühlvoll die Gedenkfeier.
Eva Croissant umrahmt gefühlvoll die Gedenkfeier.
x