Falscher Einwurf RHEINPFALZ Plus Artikel Was Platon mit der eSport-Höhle zu tun hat

Christoph Rehm
Christoph Rehm

Besonders bei Jugendlichen feiert der exzessive eSport einen bedenklichen Siegeszug. Helfen könnten die harten Bandagen aus Internetentzug und Computerverbot, beschreibt Kolumnist Christoph Rehm in seinem Flaschen Einwurf in dieser Woche.

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass das „Höhlengleichnis“ Platons einzig und allein dem Zweck dienlich sei, Jugendliche auf allen Seiten der Ozeane im Ethikunterricht zu langweilen. Vermutlich als Strafe dafür, dass sie nicht getauft sind. Doch das hat sich geändert. Schuld am neuen Erkenntnisgewinn sind die jüngsten Entwicklungen im eSport – also jener Sportart, die sich rein am Bildschirm abspielt und allein schon deshalb von keinem geistig vitalem Menschen als „Sportart“ bezeichnen werden sollte.

In seinem Höhlengleichnis malt Platon das Bild einer Gruppe von Menschen, die, festgekettet und abgeschottet von der Außenwelt, ihr gesamtes Leben in einer Höhle verbringen (gähn). Als sei dieser Lebensentwurf nicht kläglich genug, besteht die einzige Beschäftigung der Höhlenbewohner darin, Schatten an der Wand zu beobachten, die sie – mangels Alternativen – als echte Lebewesen erachten. Mit der Zeit halten sich manche Höhlenbewohner für besonders schlau und beginnen, anhand der willkürlichen Bewegungen der Schatten Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Am Ende kommt es, wie es in solch einer Situation immer kommt: Die Höhlenbewohner machen aus der Schattenforschung eine Wissenschaft, verteidigen sie gegen Kritik und loben wöchentlich so etwas wie einen Forschungspreis aus.

Nicht für komplettes Sozialleben geeignet

Die Einführung einer offiziellen „Bundesliga“ für die Spieler einer Computer-Fußballsimulation habe ich lange Zeit genauso wenig ernst genommen wie das Höhlengleichnis Platons. Mittwochabends eine Runde „FIFA“ online mit den Freunden daddeln? Natürlich, gerne. Sein komplettes Sozialleben stilllegen, sich von Energy-Drinks ernähren und nächtelang an seiner Daumenkoordination arbeiten? Oh, das schreit nach einer Therapie. Wer auch immer sich dazu entschlossen hat, seinen Lebensmittelpunkt an eine Spielkonsole zu verlagern – er oder sie hat es offenbar verpasst, zum angemessenen Zeitpunkt die Phase der Pubeszenz hinter sich zu lassen und sollte bei diesem Kapriolen nicht bestärkt werden.

Doch natürlich kam es auch beim eSport, wie es kommen musste: Es wurden Ligen gegründet, Sponsoren akquiriert, pädagogische Leitlinien verworfen. Mittlerweile gibt es fast schon wissenschaftliche Abhandlungen über die richtige Spielphilosophie und taktische Strategien an der Konsole.

Für besonders großes Aufsehen sorgt derzeit der dänische FIFA-Spieler Anders Vejrgang, der offenbar sage und schreibe 390 Spiele hintereinander gewonnen hat (gähn). Um diese Quote zu erreichen, verbrachte der 14-jährige innerhalb von drei Tagen 45 Stunden an der Konsole. Doch anstatt das Jugendamt zu informieren, bezeichnete ihn der Kicker aufgrund dieser famosen Leistung noch als „Wunderkind“ – was einiges und wenig Schmeichelhaftes über unseren Zeitgeist aussagt. Früher musste man für diese Etikettierung zumindest ein paar Sonaten geschrieben haben.

Doch so albern dieser ganze Zirkus auch ist: Es geht natürlich noch schlimmer. Vejrgang sieht sich mittlerweile dem Hohn und Spott der eSports-Szene ausgesetzt. Weil der Minderjährige bei seinen Spielen offenbar mit einem angeblich viel zu starken Team antrete, wird er im Internet reihenweise von erwachsenen Gamer beschimpft und beleidigt – die solch ein Verhalten wiederum noch nicht einmal seltsam finden.

In Platons Gleichnis schafft es hin und wieder einer der Grottenbewohner, dem Gefängnis zu entfliehen und einen Blick auf die wahrhafte Realität zu erhaschen. Das sollte auch für Anders Vejrgang möglich sein. Im Gegensatz zu Platons Höhlenmenschen müsste er dafür lediglich seine Konsole ausschalten. Wahlweise sollten das vielleicht einfach mal seine Eltern für ihn tun.

Die Kolumne

Unser Autor kann auf eine lange, erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso irgendwo auf dem Platz.

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