Grünstadt Schmieren gegen das Quietschen
Die Szene hatte Symbolcharakter: Grünstadts Bürgermeister Klaus Wagner (CDU) hob gerade hervor, dass das „Kurvenquietschen ein störender Faktor in der Stadt ist“, als er mitten im Satz unterbrechen musste – zu laut war das Quietschen des vorbeifahrenden Zuges. Die Vertreter der Bahn, Politiker und die geladenen Journalisten von Funk und Fernsehen wunderten sich vielleicht über das hochfrequente Kreischen – die zehn erschienenen Bahnhof-Anwohner grinsten sich eins. Sie kennen das Kreischen. Und wie. In den trockenen Monaten seit April haben sie darunter fast täglich gelitten: 73 Mal zwischen dem frühen Morgen und späten Abend, vom ersten bis zum letzten in den Grünstadter Bahnhof einfahrenden Zug. Trotzdem sind die Gleis-Anlieger heute gut gelaunt. Schließlich tut sich nach fast zwei Jahren Zug-Kreischerei tatsächlich was in Sachen Lärmschutz. Auch wenn die Schienen nur im Rahmen eines Tests ein Jahr lang geschmiert werden. „Und wenn sie richtig gut sind bei der Eindämmung des Kurvenquietschens, kann es durchaus sein, dass sie im Oktober nächsten Jahres von der Firma auch nicht abgebaut werden“, betonte Dominik Böcker, Projektleiter von I-Lena. I-Lena ist ein bundesweites Projekt, bei dem das Bundesverkehrsministerium und die Deutsche Bahn neu entwickelte Lärmschutztechnologien in der Praxis testen. Die Kosten dafür trägt weitgehend der Bund; für das Projekt in Grünstadt und Freinsheim werden etwa sechs Millionen Euro für Messungen, Inbetriebnahme und Auswertung zur Verfügung gestellt. Im Juli sind die so genannten Nullmessungen durchgeführt worden, das heißt, es wurde die Lautstärke an der Strecke bei der Zug-Anfahrt in die Bahnhöfe erfasst. In ein paar Wochen – falls das Wetter nicht mitspielt erst im Frühjahr – werden dann die Lautstärke nach Inbetriebnahme der Anlagen gemessen, die sogenannten Effektmessungen. „In Betrieb ist die vollkommen autarke Anlage in Grünstadt bereits seit 12. September“, teilte Böcker mit. Auf den Einwurf von Anwohner Dieter Berzel „merken tut man aber noch nix“, nickte Böckel: „Nach Angaben der Herstellerfirma ist mit einer Wirkung erst nach drei, vier Wochen zu rechnen.“ Insgesamt sechs Düsen besprühen ein Gleis von innen mit jeweils 0,13 Milliliter Spezialöl, also insgesamt 0,78 Milliliter. Über einen Sensor sei der Sprühvorgang so getaktet, dass sich die Düsen bei jeder fünften durchfahrenden Achse öffnen. „Gerade über eine spezielle Dosierung soll eine möglichst große Wirkung erreicht werden“, sagte Böcker. Allerdings sei dies, wie bei I-Lena üblich, ein ergebnisoffener Test, betonte der Projektleiter. Es sei auch durchaus möglich, dass keine oder kaum Wirkung durch das Schmieren auf das Zugquietschen erreicht werde. Dann müsse nach anderen Lösungen gesucht werden. Böcker zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass für Grünstadt und Freinsheim dauerhafte Lösungen gefunden werden könnten. Das hoffte auch Johannes Steiniger, CDU-Bundestagsabgeordneter, der sich für die Belange der Bahnhofsanwohner eingesetzt hatte, etwa durch die Hinzuziehung des Lärmexperten Professor Markus Hecht von der TU Berlin. In dessen, vor einem halben Jahr durchgeführten Untersuchung war herausgearbeitet worden, dass die hohen Lasten auf den starren Achsen der neuen Lint-Züge fürs Kreischen und Quietschen verantwortlich sind. Dadurch schleift Metall über Metall und die Räder des vor zwei Jahren auf den Strecken unserer Region eingeführten Zuges geraten in hochfrequente Schwingungen. Das Kurvenkreischen resultiert demnach aus der Unfähigkeit der Lintzüge, enge Gleisbögen, wie die in Grünstadt, bei Trockenheit so zu durchfahren, dass nicht Metall auf Metall reibt. Die Räder auf der gemeinsamen Achse legen auf der Innen- und Außenseite des Kurvenbogens unterschiedliche Wege zurück. Die neuen Lint-Modelle der Firma Alstom sind dadurch zwar lauter als die Vorgänger, die Fahrzeuge erfüllen allerdings die EU-weit geltenden Grenzwerte. Trotzdem hatten sich Vertreter der Bahn nach den Protesten der vom Quietschen betroffenen Bürger zusammengesetzt, um nach Lärmschutz-Lösungen zu suchen. Die in der Hecht-Expertise geschilderten wirksamsten Gegenmaßnahmen wären auch die mit Abstand teuersten gewesen und waren schnell tabu: etwa der Austausch der neuen Lint-Züge oder die Ausweitung der Gleisbögen, weil der Radius in Grünstadt schon enorm vergrößert werden müsste. Zudem hatten Tests auf den Grünstadter Gleisbögen bewiesen, dass es auch nichts bringt, wenn die Züge langsamer fahren. Das Schmieren der Schienen und Dämpfen der Räder dagegen könnte laut Hecht das Quietschen zumindest lindern. „Also, ich mag I-Lena“, rief eine Anwohnerin den Vertretern von Bahn und Politik zu. „Endlich passiert mal was.“ So sahen das auch die anderen anwesenden Anlieger. Auch der, der sich „beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass das bisschen Öl sich auf eine so lange Strecke bis zum Bahnhof bei den unterschiedlichsten Witterungseinflüssen gleichmäßig verteilen kann“. Nicht nur er ist gespannt auf die ersten Ergebnisse. Bis es die ersten offiziellen Zahlen gibt, wird es allerdings bestimmt ein Jahr dauern. Bis dahin muss das subjektive Empfinden herhalten.