Grünstadt Sag mir, wo die Amseln sind

Momentan sind die Amseln verstummt.
Momentan sind die Amseln verstummt.

Seit ein paar Wochen haben „Bei-offenem-Fenster-Schläfer“ das unbestimmte Gefühl, dass morgens irgendwas fehlt. Nach genauerem Überlegen kommt man drauf: Es ist kein Vogelgezwitscher mehr zu hören. „Usutu-Virus löst Amselsterben in Nürnberg aus.“ So lautete am vorigen Freitag die Schlagzeile der Internet-Zeitung nordbayern.de. Am gleichen Tag fragte die Münchner Abendpost: „Steht München ein vom Usutu-Virus ausgelöstes Amselsterben bevor – oder sind wir gar schon mittendrin?“ In Nordbayern und in München fehlt – wie auch im Leiningerland – seit ein paar Wochen das morgendliche Zwitschern der Singvögel. Weitere Parallele: Die schwarzen Meistersänger lassen sich auch nicht mehr blicken, weder im heimischen Garten noch beim täglichen Gassigehen in freier Natur. Bei dem ums Wohl der heimischen Flora und Fauna besorgten Naturfreund sorgen die Medienberichte für leichte Beunruhigung. Und dann kommt ihm auch wieder die Begegnung mit einer Amsel vor zirka vier Wochen in den Sinn. Am Ufer des kleinen Bächleins Rodenbach war eine kraftlos wirkende Amsel trotz wilden Hundegebells und direkten Daraufzugehens einfach nicht weggeflogen: Die Amsel blieb apathisch sitzen. Damals mutmaßte der unbedarfte Gassigeher, dass das Tier vielleicht nach einem Zusammenstoß mit einem Fenster benommen war. Auf dem Heimweg eine halbe Stunde später war die Schwarzdrossel ja auch wieder weg. Doch nun haben vorige Woche Naturschützer vom bayerischen Nabu berichtet, dass die vom Usutu-Virus infizierten Vögel „offensichtlich krank und apathisch wirken und auch nicht mehr flüchten“. Die Besorgnis verfestigt sich. Kein Wunder in Zeiten von Klimawandel und der daraus resultierenden Ansiedlung von exotischen Tieren und Pflanzen. Man denke nur an die afrikanischen Nilgänse im Eisbachtal. Der Usutu-Virus stammt ursprünglich aus Afrika, Südostasien sowie Südamerika und wird von Stechmücken übertragen. „Podehammel“ haben wir in diesem Sommer genug, eine seuchenartige Virus-Ausbreitung wie in Nürnberg wäre also durchaus möglich. Einziger Hoffnungsschimmer: Der Grünstadter Lokalredaktion wurden bislang keine aufgefundenen toten Amseln gemeldet. In Nürnberg war dies anders. Dort wurden vier tote Tiere dem Nabu übergeben und speziell auf den Virus untersucht. Mit einem etwas mulmigen Gefühl wird Vogelexperte Adolf Stauffer vom Donnersberger Nabu kontaktiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Vielleicht ist es ja doch nicht der Usutu-Virus. Vielleicht fliehen die schwarz gefiederten Amseln ja nur vor der Hitze in den Norden. Vielleicht wurde der Singvogel-Bestand auch nur von Elstern dezimiert. Vielleicht, vielleicht. Die Erklärung des Fachmanns klingt dann wie süßer Amselgesang. Übrigens: Dieser überragt wegen seiner großen individuellen Variationsbreite und des umfangreichen Repertoires alle übrigen Gesänge einheimischer Vogelarten. Nach neuesten Forschungen kann ein Amselhahn je nach Veranlagung, Lernangebot, Lernanreiz und Alter bis zu 300 unterschiedliche Töne zum Besten geben. Und aus fünf bis 30 aneinandergereihten Tönen an die 150 verschieden klingende Strophen kreieren. Allerdings erst wieder ab Februar/März kommenden Jahres. Denn alle Singvögel legen eine mehrmonatige Zwitscherpause ein, sorgt Stauffer für Erleichterung: „Als letztes stellen Amseln ab Ende Juli den Gesang ein. Das ist vollkommen normal. Dann sind sie nicht mehr zu hören und kaum noch zu sehen, weil sie sich im Gebüsch verstecken.“ Seine natürliche Erklärung ist natürlich keine Schlagzeile. Aber jetzt weiß man wenigstens, wo die Amseln sind.

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