Mertesheim
Reisemobil-Händler berichtet: 2020 wird wohl ein Rekord-Jahr
Das hätten Doris und Bernd Nitzsche nicht gedacht: dass es nach dem ersten Lockdown doch noch einmal losgeht mit dem Geschäft – und zwar viel stärker als je zuvor. Die Reisemobil-Händler aus Mertesheim haben ihre Verkaufs- und Umsatzzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent steigern können, wie Bernd Nitzsche berichtet. „Nach zweimonatigem Lockdown kam ein Riesenandrang. Das war für uns fast nicht zu bewältigen und wird bis Jahresende andauern“, berichtet er.
Vor allem Camping-Neulinge scheinen dieses Jahr die Lust am mobilen Reisen entdeckt zu haben. „Viele, denen alternative Urlaubsmöglichkeiten fehlen, kommen auf uns zu und interessieren sich für Camping“, sagt Nitzsche. Die Vermietsaison sei mit Ausnahme der Osterzeit zu 100 Prozent ausgelastet gewesen. Für das Jahr 2020 erwarten die Nitzsches, die in Mertesheim sieben Mitarbeiter beschäftigen, etwa fünf Millionen Euro Umsatz. Im Vorjahr waren es 4,2 Millionen.
Getrennte Betten sind sehr beliebt
„Die Deutschen lieben getrennte Betten“„Das am meisten gefragte Wohnmobil ist sieben Meter lang, teilintegriert und hat zwei Betten“, erzählt Bernd Nitzsche. Und bei den Betten gibt es hierzulande noch eine besondere Spezialität. „Die Deutschen lieben getrennte Betten“, erklärt Doris Nitzsche. Das habe weniger mit dem getrennten Schlafen zu tun als mit dem Vorteil, dass man nachts nicht über den Partner klettern müsse, wenn man mal raus muss.
Teilintegrierte Wohnmobile haben einen Kastenaufbau, der an das Fahrerhaus angeschlossen ist. Es ist also zugänglich, aber nicht in den Wohnraum integriert – deshalb die Bezeichnung „teilintegriert“. Innen macht sich das am fehlenden Raum über den Fahrersitzen bemerkbar. Trotzdem könne man ein Bett einbauen. Entweder als umbaubarer Tisch oder als Hubbett, das man per Schalter von der Decke herablassen kann. Am meisten Sinn ergebe ein Teilintegrierter für zwei Personen, die im Sommer unterwegs sind. Die kompaktesten Wohnmobile seien aber Kastenwagen, bei denen kein Aufbau auf das Fahrgestell gesetzt, sondern der Bus innen ausgebaut wird. Man komme mit ihnen einfacher durch enge Gassen als mit einem größeren Wohnmobil.
Kastenwagen eher für junge Leute
Der größte Vorteil, die Größe, ist aber auch der größte Nachteil: Bei vielen Modellen muss man Sitze umklappen, um sich am Abend ein Bett zu bauen. Außerdem gibt es nur wenige Modelle, in denen mehr als zwei Personen schlafen können. „Der Kastenwagen ist also eher etwas für junge Paare“, sagt Bernd Nitzsche – oder für Camper, die sowieso die meiste Zeit draußen sitzen und die mehr Wert darauf legen, mobil zu sein. Unter allen Wohnmobilarten sei der Kastenwagen auch die am stärksten wachsende Kategorie, so der Wohnmobil-Fachmann. Nicht zuletzt durch den „Vanlife“-Trend.
Für Familien eignet sich am besten ein Alkoven-Wohnmobil. Das erkennt man von außen an dem Überstand über dem Fahrerhaus. Darin befindet sich ein zusätzliches Bett, in dem ein bis zwei Personen schlafen können. Bis auf diese zusätzliche Bettnische ist das Alkoven-Wohnmobil im Grunde ein teilintegriertes Reisemobil.
Mit einem Unterschied, der sich beim Fahren bemerkbar macht: Es ist nicht gerade windschnittig. „Das ist bei Fahrtwind quasi wie eine Wand“, beschreibt es Bernd Nitzsche. Wer aber in gemächlichem Reisetempo unterwegs ist, für den dürfte der Vorteil des zusätzlichen Bettes überwiegen. „Die Leute wollen nichts umbauen“, sagt Doris Nitzsche.
Das Modell für Camper mit Ansprüchen
Etwas mehr Geld muss man drauflegen, wenn man ein vollintegriertes Wohnmobil kaufen möchte. Doch es gebe viele gute Gründe, sich dafür zu entscheiden, sagt Bernd Nitzsche. Der größte Vorteil dürfte die Wärmedämmung sein, denn der Wohnraum schließt auch den Fahrerraum mit ein. Statt eines Fahrerhauses, das nur aus Blech besteht, ist ein vollintegriertes Reisemobil auch vorn gut gedämmt. Außerdem ist der Platz nicht zu unterschätzen, den man dadurch gewinnt, dass das Wohnmobil über den Fahrersitzen in voller Höhe ausgebaut ist.
Hier gebe es zum Beispiel Platz für Kleiderschränke, ein herunterklappbares Bett oder ein per Knopfdruck herunterfahrbares Hubbett, auf dem zwei Erwachsene schlafen können. Vollintegrierte Wohnmobile eignen sich vor allem für Camper mit Ansprüchen. Ein fahrbarer Ersatz für ein Zelt ist diese Art von Reisemobil sicher nicht mehr. Doch es geht noch luxuriöser.
Ein Sportwagen im Wohnmobil
Es gibt nämlich auch noch Wohnmobile wie das, das die Nitzsches selbst fahren. „Das ist Luxus pur“, sagt Bernd Nitzsche über sein vollintegriertes High-End-Fahrzeug. Bis auf die Größe unterscheidet es sich allerdings gar nicht so sehr von den anderen Modellen, denn es ist wie die meisten Reisemobile, die im Hof stehen, auf Basis eines Fiat Ducato gebaut. Eine Besonderheit ist: Schlaf- und Badezimmerbereich kann man durch eine Tür von Wohn- und Kochbereich trennen. So kann etwa ein Partner noch fernsehen, während der andere schon schläft.
Außerdem außergewöhnlich ist eine von außen zugängliche Garage, die sich unter dem Bett befindet. Darin kann man ein Motorrad oder einen Motorroller verstauen, mit dem sich dann im Urlaub Tagesausflüge unternehmen lassen. Nach oben sind übrigens keine Grenzen gesetzt. Denn es gibt auch Modelle, in denen man einen Smart oder sogar einen Sportwagen wie den Porsche 911 unterbringen kann.