Carlsberg
Pflegeeltern für Kinder in Not: Was ein Carlsberger Ehepaar erlebt
Wie groß der Bedarf ist, haben Sanja und Matthias Bangerth aus Carlsberg gleich zu spüren bekommen: Schon drei Tage nach der Aufnahme in den Pool der Pflegefamilien beim örtlichen Jugendhilfeträger Villa Familia wurde bei ihnen angeklopft. Vor ihnen stand ein Achtjähriger, nur mit einem blauen Plastiksack in der Hand. Moritz habe gestaunt über die Kiste mit Legosteinen, die ihm hingestellt wurde, und er habe sich über das Vorlesen am Abend gewundert. So etwas habe er in seiner Herkunftsfamilie, wo er dringend herausgenommen werden musste, wohl nie erlebt.
Er blieb ein ganzes Jahr
Der Kleine kam als In-Obhutnahme, sollte also maximal zehn Tage bleiben. Doch der Aufenthalt wurde immer wieder verlänger. Schließlich blieb er ein ganzes Jahr. „Das geschieht aber nicht einfach automatisch. Jeder Schritt wird genau besprochen“, sagt Sanja Bangerth und betont, dass niemand zu irgendetwas gezwungen wird. Es werde auch sehr genau geschaut, ob dieses Kind in jene Familie passt, „und wenn du merkst, dass du überlastet bist, kannst du jederzeit den Stecker ziehen“. Villa Familia begleite ihre Betreuungsstellen eng. Man treffe sich mit anderen Pflegefamilien zum Erfahrungsaustausch.
„Wir hatten immer Glück. Durch die Villa Familia haben wir erlebt, wie schlecht es anderen geht“, erzählt die 56-Jährige von ihren Einblicken in die Arbeit der gemeinnützigen Carlsberger GmbH. Die gibt unter anderem Erziehungskurse und betreibt eine Kinderscheune, in der Jungen und Mädchen, die sonst in ein Heim müssten, wie in einer Großfamilie leben. Wie die Bangerths erfuhren, werden permanent Pflegestellen gesucht.
Für bis zu zehn Tage
„In sechs Monaten erreichten uns mehr als 250 Anfragen nach der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen aus einem riesigen Einzugsbereich“, sagt der unternehmerische Geschäftsführer von Villa Familia, Andreas da Trindade. Es bräuchte viel mehr Pflegefamilien, sagt der 46-Jährige, der selbst neben eigenen Sprösslingen drei angenommene Kinder hat. Ein besonderer Mangel bestehe bei In-Obhutnahme-Stellen, wo ad hoc ein Kind in Not für bis zu zehn Tage aufgenommen wird.
Das Kreisjugendamt Bad Dürkheim registriert „normalerweise“ durchschnittlich zwei bis drei Fälle pro Monat, bei denen Jungen oder Mädchen wegen verschiedener schwieriger Umstände kurz- beziehungsweise längerfristig untergebracht werden müssen. „Aufgrund der anhaltenden Einwanderungssituation, auch mit unbegleiteten minderjährigen Ausländern, liegen wir derzeit bei monatlich circa fünf Fällen“, sagt die Pressesprecherin der Kreisverwaltung Laura Estelmann. „Diese Zahl könnte sich durch die aktuellen Flüchtlingsströme weiter nach oben bewegen.“
37 Pflegefamilien im Pool
Wie viele Pflege- und In-Obhutnahme-Stellen die unterschiedlichen Jugendhilfeträger vorhalten, entzieht sich der Kenntnis der Behörde. Estelmann kann aber berichten, dass momentan 163 Kinder auf 117 Betreuungsstellen verteilt sind. Fünf weitere Minderjährige seien außerhalb des Landkreises untergebracht. Hinzu zu addieren seien all jene, die in stationären Einrichtungen leben.
Villa Familia hat einen Pool von aktuell 37 Pflegefamilien, von denen zehn auch bereitstehen für In-Obhutnahmen und Bereitschaftsdienste. „Ein Traum wäre, 52 In-Obhutnahme-Stellen zu haben“, sagt da Trindade. Warum genau diese Zahl? „Weil dann jede Familie nur eine Woche pro Jahr nachts und am Wochenende zur Verfügung stehen müsste.“
Im Familienrat beschlossen
Die Bangerths nahmen sich vor, etwas zu tun, um die Not zu lindern. Die beiden Diplom-Betriebswirte sind zwar voll berufstätig, können allerdings Homeoffice sehr flexibel nutzen. „Wir haben das dann im Familienrat beschlossen“, berichtet Sanja Bangerth, dass ihr Sohn Lukas (22) und ihre Tochter Lilli (15) in die Entscheidung eingebunden wurden. Auch bei jeder neuen Anfrage, ob ein Kind aufgenommen werden könnte, sage sie erst dann zu, „wenn ich von allen einen Daumen hoch über Whatsapp erhalten habe“.
Wer Kindern temporär ein behütetes Zuhause geben will, sollte ein separates Zimmer und ein einwandfreies Führungszeugnis haben. Von Mitarbeitern der Jugendhilfe wird die Wohnsituation begutachtet. Grundlegendes lernen die Bewerber, die laut da Trindade auch gern Einzelpersonen und schon älter sein dürfen, in Kursen. „Es gibt ein Basisseminar aus vier Teilen, die übers Jahr verteilt angeboten werden“, sagt Diana Gruhler, Koordinatorin Pflegekinderwesen bei Villa Familia.
Ängstlich und introvertiert
Rund ein Dutzend junger Menschen zwischen zwei und 15 Jahren haben sie und ihr Mann seit Mitte 2019 vorübergehend ein Zuhause gegeben. Der kürzeste Aufenthalt seien zwei Tage gewesen, der längste ein Jahr. Die meisten Kinder seien ängstlich und introvertiert. Matthias Bangerth erzählt von schreckgeweiteten Augen, als er es sich abends bequem machen wollte und den Gürtel aus seiner Hose zog.
Ein Kind, mit dem sie nicht klarkamen, hatten die Bangerths erst einmal. Der Siebenjährige habe sie rund um die Uhr beansprucht, sei permanent abgehauen, sodass man schließlich alles abgeschlossen habe. Aber auch beim Spaziergang im Wald war der Junge plötzlich verschwunden. „Wir konnten die Sicherheit des Kindes nicht garantieren, deshalb haben wir die Betreuung abgebrochen“, erzählt Sanja Bangerth. Innerhalb weniger Stunden sei bei Villa Familia eine Lösung gefunden worden.
Viel Unterstützung
Etliche Kinder laufen aber einfach so im Alltag mit. „Viele Leute stellen sich das kompliziert vor, eine Pflegestelle anzubieten“, sagt Bangerth. Das sei aber gar nicht so schwierig. Man erhalte sehr viel Unterstützung, lege auch finanziell nicht drauf. So gebe es eine Aufwandsentschädigung. Auch habe Villa Familia beispielsweise eine ehrenamtlich betreute „Schatzkammer“ voller spendierter Bekleidung und Dingen des täglichen Bedarfs für die Erstausstattung von Kindern und Jugendlichen, die oft nur „das dabei haben, was sie am Leib tragen“.
Darüber hinaus sei man frei in der Entscheidung, ob man sich einen Winzling zutraut, der noch gewickelt werden muss, oder ein Kind mit Handicap, um das man sich besonders intensiv kümmern muss, erläutert Sanja Bangerth. „Als Pflegeeltern bekommt man unendlich viel zurück“, schwärmt die 56-Jährige, die andere ermutigen möchte, auch eine Betreuungsstelle anzubieten. „Das Größte ist, wenn es gelingt, die tiefe Traurigkeit in den Augen in ein Lachen zu verwandeln.“ Oder wenn der kleine Mensch einen umarmt. Matthias Bangerth: „Das berührt enorm.“
Kontakt
Der Landkreis Bad Dürkheim ist immer daran interessiert, neue engagierte Pflegeeltern zu bekommen. Bei Interesse kann man sich melden unter Telefon 06322 9614444, E-Mail an jugendamt@kreis-bad-duerkheim.de.