Kleinkarlbach
Pfarrer Weber berichtet von Reise an die ukrainische Grenze
„Am vergangenen Samstag waren so viele Hilfsgüter bei mir in Kleinkarlbach zusammengekommen, dass wir einen zweiten Transporter benötigten“, sagt Pfarrer Sascha Weber. Ein örtlicher Winzer habe zwar spontan ausgeholfen, doch die große Herausforderung sei es gewesen, einen weiteren Fahrer zu finden. Felix Eichner, ein engagierter 19-jähriger Abiturient aus dem Dorf, und er hätten 150 junge Leute gefragt, doch es habe sich zunächst niemand gefunden, der Zeit, Abenteuerbereitschaft und Zivilcourage gehabt habe. Erst am Abend habe sich Hildegard Flück bei ihm gemeldet und es konnte losgehen.
Zwei Tage unterwegs
Zwei Tage waren die drei bis zum Camp im polnischen Przemysl, ungefähr 80 Kilometer vor Lemberg (Lwiw) in der Ukraine, unterwegs. Dort wurden die Kisten mit Hygieneartikeln, Verbandsmaterial, Tierfutter, Mehl, Cerealien, Zelten, Schlafsäcken, Dosensuppen und vielem anderen auf einen Sattelschlepper umgeladen, auf dem schon Paletten mit Gefechtshelmen, Nachtsichtgeräten und Schutzwesten standen. „Die Sachen werden in die von den Kämpfen betroffenen Gebiete im Osten des Landes gebracht“, erklärt Weber.
„Unser erstes Etappenziel nach Przemysl war Rotenburg in der Oberlausitz, direkt am Grenzfluss Neiße. Jahrzehntelange Freundschaften lebten neu auf. Nach interessanten Zwischenstopps in Görlitz und Krakau erreichten wir am Montagabend das Dorf Zyrakow. Freunde aus Grünstadt stammen von hier und haben für uns Zimmer reserviert“, erzählt der 52-Jährige.
Die letzten rund 140 Kilometer bis Przemysl sei es durch eine verlassene, weite Landschaft gegangen, mit großen Seen und Wald, jeder Menge Storchennestern in den Dörfern und slawisch anmutenden Holzkirchen. „Die Ruhe stand im krassen Gegensatz zu dem, was wir dann in dem Flüchtlingslager erlebt haben“, sagt der Pastor. Alle 30 Minuten sei ein neuer Bus der Partnerstadt Paderborn gekommen, der Menschen vom Bahnhof brachte. „Ihre Augen waren müde, vielen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, in den Händen hatten sie das wenige, was sie mitnehmen konnten“, beschreibt Weber die Situation vor Ort. In den Unterkünften hätten Alte, Junge und Haustiere dicht gedrängt auf Matratzen gelegen. „Der Geruch nach Mensch war schon im Vorraum schwer zu ertragen“, erzählt der Theologe.
Pizza, Crêpes und Fritten
Auf dem großen Parkplatz am Camp standen Wagen der Freiwilligen aus aller Welt – aus Frankreich, Portugal und Spanien. „Leute vom italienischen Blauen Kreuz hatten eine große Pizzeria aufgebaut, die sowohl Helfer als auch Flüchtende kostenlos versorgte, genauso wie ein bretonischer Crêpes-Stand und eine holländische Frittenbude“, berichtet Weber. Er, Eichner und Flück unterhielten sich mit Juden aus Kanada, die ukrainische Wurzeln haben, mit einem Senior aus Florida, der sonst 40 Suppenkirchen – also Suppenküchen in Kirchengebäuden – für Bedürftige in der Ukraine betreibt. „Ein junger Mann aus Arizona meinte, er hätte die Bilder vom Krieg im Fernsehen gesehen und sich danach spontan ins Flugzeug gesetzt, um hier zu helfen“, berichtet der Pfarrer. Die Stimmung unter den Ehrenamtlichen sei gut gewesen, alle unterstützten sich gegenseitig.
Schließlich wurde Weber angerufen, dass er eine siebenköpfige Familie mit nach Deutschland nehmen könnte. „Während zwei der Söhne, 14 und zwölf Jahre alt, offen und neugierig auf uns zugingen, waren die Eltern sehr reserviert“, berichtet er von der ersten Begegnung. Sie hätten viele Fragen gehabt und große Angst, auf der Fahrt getrennt zu werden oder Menschenschleppern in die Hände zu fallen. Wie Simon, der Koordinator der deutschen Hilfskräfte vor Ort, erzählt habe, seien in der Woche zuvor Vertreter eines Fleischkonzerns im Lager gewesen. „Sie wollten billige Arbeitskräfte anheuern, hatten die Verträge direkt dabei: elf Euro die Stunde, Unterkunft vor Ort auf dem Schlachthof – natürlich gegen Miete“, sagt Weber. Simon habe diese Leute des Platzes verwiesen.
Alle ziehen an einem Strang
Die siebenköpfige Familie aus der Ukraine habe sich nach langer Diskussion entschieden, mutig zu sein und mit Weber und seinen Begleitern in die Pfalz zu kommen. Mit Hilfe der Leininger Initiative gegen Ausländerfeindlichkeit wird alles daran gesetzt, dass eine leerstehende Wohnung in Neuleiningen möglichst bald bezugsfertig ist. „Während der Rückfahrt werde ich mit unserem Bürgermeister Daniel Krauß versuchen, eine vorübergehende Unterbringung zu organisieren“, so Weber. Er stellt erfreut fest: „Alle denken mit, alle ziehen an einem Strang.“