Kleinkarlbach
Pfarrer Weber öffnet das Pfarrhaus für Menschen aus der Ukraine
Hündin Daisy ist schon etwas irritiert – und auch ein bisschen eifersüchtig. Für ihr Herrchen, den evangelischen Pastor Sascha Weber, ist es ebenfalls eine gewöhnungsbedürftige Situation. Bislang hat er sein Pfarrhaus in Kleinkarlbach nur mit seinem Vierbeiner geteilt. Jetzt sind Vita (37) und ihre beiden Töchter Daria (17) und Miroslava (1) hinzugekommen. Nach tagelanger Flucht über rund 2500 Kilometer erreichten sie die Pfalz.
Für den Theologen, der für die Gemeinden Battenberg, Bissersheim, Kirchheim und Kleinkarlbach zuständig ist, war es eine Selbstverständlichkeit, die kleine Familie aus dem zerbombten Charkiw aufzunehmen. „Mein Opa ist im Zweiten Weltkrieg in dieser Stadt verwundet worden“, erzählt Weber. Er selbst sei 1989 mit einer Jugendgruppe für drei Wochen in Kiew gewesen. Er zeigt Fotos vom barocken Marienpalast, vom 385 Meter hohen Fernsehturm, vom Majdan. Was davon nach Putins sinnlosem Angriffskrieg wohl noch übrig bleibt?
Daria, die bei ihrem Vater etwas außerhalb von Charkiw lebte, hat elf Tage lang in einem Bunker ausgeharrt. „Mama, ich habe Angst“, habe sie gesagt, erzählt die Mutter mit erstickter Stimme. Vita hat ihrer Tochter zunächst Mut zugesprochen, denn sie hat an ein baldiges Ende der russischen Invasion geglaubt. Doch die Zerstörungen, Tod und Verderben nahmen kein Ende, Bomben ließen die Fensterscheiben ihrer Wohnung herausfliegen. „Dann habe ich gedacht: Ich muss meine Kinder retten“, erzählt die 37-Jährige, die ihren Lebensgefährten, ihren Bruder und ihre Mutter zurückließ.
Die anderen Wartenden lassen der Mutter den Vortritt
Am 6. März hat sich das Trio auf den Weg gemacht. „Ich habe Miroslava getragen und Daria hat die Taschen getragen“, so Vita. Vornehmlich mit der Bahn ging es nach Lemberg (Lwiw). Von dort wollten die drei nach Polen. „Da war eine Schlange, in der man zwei Tage warten musste, um in einen Zug steigen zu können“, berichtet Vita und beschreibt unter Tränen ihr großes Glück: Mit dem Kleinkind auf ihrem Arm, das keine warme Kleidung hatte, gaben ihr die anderen Wartenden den Vortritt. Sie bekamen die letzten Stehplätze in einem Waggon.
Nach insgesamt drei Tagen ohne etwas Richtigem zu essen und ohne eine Möglichkeit, sich zu waschen, wurden die drei in Polen von freiwilligen Helfern in Empfang genommen. In Krakau konnten sie für eine Nacht im Hotel schlafen, erhielten einen Kinderwagen. Irgendwann war Vita mit ihren Töchtern in Berlin. Pfarrer Weber, der einige Jahre dort tätig war, hat noch viele Beziehungen dorthin. Ein Pfarrer-Kollege habe ihn angerufen und so sei die kleine Familie bei ihm gelandet. Daria hatte gerade eine Corona-Infektion überstanden und Vita war symptomlos positiv, sodass nach einer Autofahrt mit FFP2-Masken und heruntergekurbelten Scheiben das erste Ziel ein Testzentrum in Grünstadt war.
Die Hilfsbereitschaft ist groß
Aus Dankbarkeit für die Aufnahme im Pfarrhaus hat Vita gleich nach der Ankunft ein tolles Abendessen aus gefüllten Teigtaschen gezaubert. „Das ist das Mindeste, was ich machen kann“, meint die 37-Jährige. Die Hilfsbereitschaft in Kleinkarlbach sei riesengroß, lobt der Pastor. Nicht nur Katharina Daiker, die Schwiegermutter von Ortsbürgermeister Daniel Krauß (SPD), unterstützt als Dolmetscherin. Sofort wurden ein Bettchen und ein Wickeltisch sowie ein Auto-Kindersitz für Miroslava vorbeigebracht, wie Weber berichtet. Eine Unternehmerin habe eine „unbegrenzte Windel- und Babynahrungs-Patenschaft“ übernommen.
Nachdem Weber am Dienstag explizit zu einer Spendenaktion aufgerufen hatte, brachte ihm jemand beispielsweise 30 frisch gekaufte Schlafsäcke. Am Freitagmorgen hatten sich beim Pfarrer so viele Sachen angesammelt, dass der Transport in die Ukraine eine Herausforderung wurde. Zusammen mit Felix Eichner, einem politisch sehr engagierten 19-Jährigen, fuhr der Theologe am Wochenende gen Osten. Am Mittwoch oder Donnerstag will er zurück sein – mit sechs weiteren Menschen, die die Heimat verlassen müssen.
Vita, die so lange die Hündin Daisy versorgt, befürchtet, dass sie den Pastor wieder verlassen muss, um Platz für die Neuankömmlinge zu machen. Weber kann beruhigen: „Für die sechs Ukrainer wurden ein Appartement im Dorf und eine Unterkunft in Kirchheim angeboten. Außerdem möblieren wir gerade mit der Liga, der Leininger Initiative gegen Ausländerfeindlichkeit, in Neuleiningen eine leerstehende Wohnung.“ Wie es langfristig weitergehen soll mit der Pfarrhaus-WG, weiß niemand. Daria versucht sich jetzt erst einmal, an der Berufsbildenden Schule in Frankenthal anzumelden. Vita hält täglich per WhatsApp-Video Kontakt zu ihren zurückgebliebenen Verwandten und Freunden. Ob sie jemals wieder zurückkehren kann, steht in den Sternen.