Grünstadt „Omaaa, im Flugzeug hat eine Katze Kacka gemacht“

Ich hätte an Bord bleiben sollen. Warum musste ich auch unbedingt noch mal raus? Die eine Stunde bis zum Beginn der Proben hätte ich ebenso gut in einem der Cafés verbringen können. Ich hätte Text lernen können oder meine Kabine aufräumen. Oder faul im Pool liegen. Stattdessen kniete ich in einem schäbigen Hinterhof unweit des Hafens von Heraklion, stank nach Katzenfutter und kämpfte mit den Tränen. Fünf Jahre lang hatte ich bis dato auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet und von der Karibik bis Asien einiges Tierleid gesehen, aber der Anblick dieses kleinen Katzenbabys, kaum größer als eine Männerhand, brach mir das Herz. Während seine schneeweißen Geschwister satt und zufrieden um mich herum tobten, humpelte es vorsichtig umher. Sein rechtes Hinterbeinchen hing kerzengerade vom Körper herab wie ein dürrer Ast, es schien hüftabwärts gebrochen, und ich mochte mir nicht annähernd vorstellen, welche Qualen es leiden musste. Daher rechnete ich mit dem Schlimmsten und war mir sicher, das Kätzchen eine Woche später, wenn wir erneut auf Kreta wären, bestimmt nicht wiederzusehen. Doch es war da. Jeden Freitag fand ich es wieder, ich fütterte und versorgte es, spielte und schmuste mit ihm, verbrachte halbe Tage in diesem glutheißen, staubigen Hinterhof und wusste nach kurzer Zeit, dass ich ohne dieses tapfere kleine Wesen nicht nach Deutschland zurückkehren würde. Sechs Wochen blieben mir noch bis zum Ende meines Vertrags, und von da an explodierten meine Telefonrechnungen. Über die zufällige Bekanntschaft mit einer tierlieben Passagierin erfuhr ich von einem deutschen Tierschutzverein auf Kreta. Dessen Leiterin sagte mir sofort ihre Unterstützung zu, obwohl sie gut 150 Kilometer entfernt von Heraklion lebte. „Holen Sie so viele Katzen dort raus wie Sie können“, forderte sie mich auf. Da ich nun aber schlecht mit 20 Katzen zu Hause aufschlagen konnte, entschied ich mich für den Bruder „meines“ Katzenmädchens, den es mittlerweile übel erwischt hatte: Ein Abszess hatte sich tief in sein Gesicht gefressen, und er sah schrecklich aus, als ich die beiden einsammelte, um sie der Dame vom Tierschutz zu übergeben. Tagelang war nicht klar, ob er es schaffen würde. Eine Woche später brachte sie mir die beiden samt der erforderlichen Papiere an den Flughafen Heraklion, und ich war überglücklich: Zwei putzmuntere Katzenkinder saßen in der Transportbox, auf der in dicken Lettern geschrieben stand „Wir dürfen leben“. Und noch etwas hatte sich herausgestellt – meine Kleine war mit diesem Bein auf die Welt gekommen, sie hatte keinen Bruch, also auch keine Schmerzen! „Füttern Sie bitte nichts mehr vor dem Flug, erst wieder in Deutschland“, gab mir die Tierschützerin noch mit auf den Weg. Die Wartezeit bis zum Abflug zog sich wie Kaugummi. Ich beschloss, die beiden in einer Toilette ein wenig springen zu lassen. Und gab ihnen ein paar Bröckchen Trockenfutter. Ein Riesenfehler. Noch während des Starts (ich hatte die Box auf meinem Schoß) vernahm ich die untrüglichen Laute einer Katze, der nicht wirklich wohl zumute ist. Wir hatten kaum griechischen Boden verlassen, als Katerchen Durchfall bekam. In die Box. Vor die Füße seiner Schwester. Auf die Erfahrung „Mensch, Katzen und Transportbox auf Flugzeugtoilette“ hätte ich gerne verzichtet. Auch meinen Sitznachbarn schulde ich tiefsten Dank. Vier Stunden haben sie sich weder über die Ausdünstungen noch über das gelegentliche Protestgeheul beschwert. Kaum in Frankfurt gelandet, rief ein kleines Mädchen quer durch die Ankunftshalle: „Omaaa, im Flugzeug hat eine Katze Kacka gemacht“. Kurz hinter Darmstadt, passenderweise, setzte die Verdauung dann auch bei meinem Mädchen ein. Mein Mädchen heißt übrigens Kali, das ist griechisch und bedeutet „die Gute“. Acht Jahre ist sie mittlerweile an unserer Seite und eine der fröhlichsten Katzen, die wir je hatten. Wenn sie übermütig durch den Garten flitzt, merkt man kaum, dass sie ein steifes Bein hat. Wo nötig, haben wir ihr kleine Rampen gebaut; und juckt einmal das rechte Ohr, an das sie alleine nicht herankommt, dann gibt es ja immer noch das hauseigene Personal. Dass sie nicht auf Bäume klettern kann, freut die Vögel. Ihr Bruder Kasper lebt bei Freunden in Iserlohn und ist der umschwärmte Chef von fünf Katzenkumpels. Nur eine winzige Narbe an seiner Lippe erinnert noch an seine Vergangenheit. (suba)