Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist die Welt aus den Fugen. Das gilt auch für Rekordmeister.
Bayern München ist Meister. Keine wirkliche Überraschung. Die gute Nachricht: Karl-Heinz-Rummenigge kann beim Empfang auf dem Marienplatz dasselbe Redemanuskript verwenden wie jedes Jahr. Die schlechte Nachricht: Es wird keinen Empfang auf dem Marienplatz geben. Es wird auch keinen Empfang am Flughafen geben. Genau genommen wird es überhaupt keinen Empfang geben. Lediglich ein kleines Kabinenfest mit Bifi und Dosenbier nach dem letzten Heimspiel ist in Planung – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versteht sich.
Doch das ist kein Problem für jeden Journalisten mit flexiblen Verhältnis zum Pressekodex: Mit ein wenig Kreativität und dem einen oder anderen Bayern-Gen auf dem Pausenbrot lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie die Feierlichkeiten unter dem fröhlichen Eindruck eines strengen Hygienekonzeptes abgelaufen sind.
20.12 Uhr: Die Stimmung in der Kabine könnte kaum besser sein. Joshua Kimmich gibt seinen alljährlichen Kalauer zum Besten, dass er in seinem Leben schon mehr Meistertitel als Freundinnen gehabt habe. Derweil zeigt sich Hasan Salihamidžic vor der Presse demonstrativ versöhnlich mit Thomas Müller, der zuvor die Gehaltskürzungen kritisiert hatte: „Thomas ist ein sehr, sehr intelligenter Junge. Ich würde ihn am liebsten auf der Stelle knutschen und knuddeln, wenn das nicht verboten wäre.“ Brazzo lacht, Müller lacht, die Journalistenschar lacht. Lediglich Torschützenkönig Lewandowski sitzt apathisch auf einem Stuhl, nippt an einem Iso-Getränk und schaut immer wieder geistesabwesend auf ein Wandporträt von Gerd Müller.
21.17 Uhr: Irritationen an der Kabinentür. Die Securitys untersagen Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel den Einlass, obwohl dieser einen klinischen Mundschutz und zwei negative Testergebnisse vorweisen kann. Begründung: Voraussetzung für die Teilnahme sei, dass man sich zumindest ansatzweise für Fußball interessiere. Opdenhövel akzeptiert widerspruchslos und verbringt den restlichen Abend damit, eine Sendung über Trampoline zu moderieren.
21.44 Uhr:Robert Lewandowski verschwindet auf der Toilette und macht Liegestütze.
22.13 Uhr: Sportdirektor Salihamidžic hat zunehmend Probleme, seine Emotionen im Zaum zu halten. Nachdem er gegenüber anwesenden Journalisten ein paar Verhandlungspositionen ausgeplaudert hat, schnappt er sich den vorbeilaufenden Thomas Müller, knutscht und knuddelt ihn am ganzen Körper. Den Fragen Müllers nach ausbleibenden Meisterschaftsprämien weicht Brazzo hingegen gekonnt aus: „Du biss ein ssehr, ssehr, sseeeeeehr intellenter Jung…äh…e… ssehr intellent…“.
22.56 Uhr: Unglaublich, aber wahr: Uli Hoeneß ist den Feierlichkeiten tatsächlich den gesamten Abend über ferngeblieben. Eine bessere Performance bei einer „Wir bleiben zuhause“-Challenge hat bislang nur Vedad Ibisevic während der WM 2018 in Russland abgeliefert.
23.20 Uhr: Die Situation in der Kabine eskaliert, als Thomas Müller seinen Sportdirektor nach etwas Kleingeld für den Zigarettenautomaten fragt: „Jetss hal’ doch ma die Ssschnauze, Mann!“. Anschließend reißt sich Brazzo das Hemd vom Körper, haut sich eine Bierdose gegen die Stirn und fordert Müller zu einem Ringkampf heraus.
0.44 Uhr: Das Bier ist längst leer, die letzten Spieler zuhause. Salihamidžić sitzt wortlos in der Kabine und lässt sich seine Wunden von Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt versorgen. Karl-Heinz-Rummenigge steht kopfschüttelnd in der Tür und blickt auf sein Redemanuskript: Kabinenansprachen sind einfach nicht dasselbe wie der Rathausbalkon. Aus der Ferne hört man noch einige Zeitlang, wie Robert Lewandowski 12000 Liegestütze macht.
Die Kolumne
Unser Autor kann auf eine lange, erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso irgendwo auf dem Platz.