Kirchheim Konzert mit Marc und Pierre Hantaï
Man bezeichnet sie gerne als die „authentischen“, die zu Zeiten des Leipziger Thomaskantorats entstandenen vier Sonaten von Johann Sebastian Bach, die ausdrücklich für die Traversflöte und Cembalo beziehungsweise Basso Continuo komponiert wurden.
Beim dritten Konzert des Festivalreigens in der Sommeredition des Kirchheimer Konzertwinters gastierte mit den Brüdern Marc Hantaï, Traversflöte, und Pierre Hantaï, Cembalo, ein Duo, das im Kreis der Alte-Musik-Spezialiten einen exzellenten Ruf besitzt. Unter den musikalischen Partnern, den Orchestern, Ensembles, mit denen die beiden Franzosen regelmäßig konzertieren, ist praktisch das „Who-is-Who“ der internationalen Szene versammelt. Der große Gustav Leonhardt ist dabei, Philippe Herreweghe, das Collegium Vocale Gent und viele mehr.
Geschwisterliche Harmonie
Dass Geschwister, wo sie lange und in starker innerer Bindung miteinander musizieren, unerreicht harmonieren, sich auf einer Ebene verstehen, die man eigentlich nur als spirituell bezeichnen kann, ist mittlerweile ein alter Hut. Aber im Ergebnis immer aufs Neue faszinierend. Marc und Pierre Hantaï stellen zweifelsohne eine solche Paarung dar. Und erschufen am Sonntagabend in Kircheheim mit den ohnehin faszinierend vielschichtigen, in ihren kantablen Einfällen, harmonischen Verwerfungen, ihrer unglaublichen Tiefenschärfe und obendrein virtuosen Feuerwerken Bachs einen wahren Zauberberg.
Dass die Traversflöte nicht nur bei den Kammermusik-Nachmittagen im Zimmermann’schen Café, die Bach mit seinem Collegium Musicum betreute, zum Einsatz kam, ist belegt. Und Bach hat ihr quer durch sein Schaffen stets herrliche Solo-Auftritte bereitet.
In den Sonaten lässt er sie singen wie im herrlichen Sicilliano der E-Dur-Sonate, beschert ihr geradezu akrobatische Virtuosenpräsenz wie im Allegro der e-Moll-Sonate und dem Presto derer in h-Moll und lässt harmonisch in teils ganz abseitigen Sphären mäandern. Da, wo das Cembalo Partner auf Augenhöhe ist, darf es dialogisieren, konterkarieren, sich einmischen in den bravourösen Impuls und seinerseits künstlerische Beredsamkeit an den Tag legen.
Intimer Klang
Marc Hantaï spielt eine nachgebaute Traversflöte, der ein Instrument aus der Manufaktur des Dresdener Instrumentenbauers Wilhelm Liebel von 1825 zugrunde liegt, natürlich aus Holz. Und ihr weicher, geschmeidiger, sehr intimer Klang entfaltete sich unter der Kuppel der Apsis in der Andreaskirche geradezu exemplarisch. Aber natürlich war es die unaufdringlich präzise, dabei so atemberaubend seelenvolle und farbenreiche Eloquenz der Spielenden, die Bachs himmlischen Kosmos so greif- und erfahrbar zum diesseitigen Erlebnis machte.
Natürlich bewundert man stets gerne die fingerfertig abgespulten Lauf-Girlanden, die Arabesken der Auszierungen, den ganzen figurativen Schmuck. Doch darum geht es bei Bach nicht. So führte das Duo mit seinen hochsensiblen, stets fein ausgeleuchteten musikalischen Dialogen tief in den Kern der sehr eigenen Expressivität Bachs, die stets auch ein Stück Demut und Distanz einfordert. Diesen wahrhaft nicht einfachen Gegensatz lösten die beiden Künstler durch ihr hinreißend charismatisches Spiel auf bezwingende Weise auf. Das Publikum in der bis auf den letzten Platz besetzten Kirche ertobte sich zwei Zugaben von Couperin und nochmals Bach.