Unsere Heimat von oben
Kleinkarlbach: Ohne Wahrzeichen eine harte Rätsel-Nuss
Es ist schon im „normalen“ Sprachgebrauch ein immenser Unterschied, ob man jemanden als „Wasserratte“ oder als „Bachratte“ tituliert. Gleiches gilt für Uznamen: Die Kleinkarlbacher werden definitiv Wasserratten genannt. Die von einigen Lesern angeführten Bachratten-Version ist nicht nur zoologisch unscharf, sondern bei „Pfalz-Uzern“ sogar regelrecht falsch. Denn die Bezeichnung Bachratten wird im pfälzischen Sprachgebrauch mit den Ebertsheimern (am Eisbach) in Verbindung gebracht.
Die Kleinkarlbacher selbst kennen ihren Uznamen wohl am besten. So wie Renate Roggenwieser („Seit ich mich erinnern kann, werden wir die ,Kallbacher Wasserratte‘ genannt“) oder Volker Wilhelmy (den die Glücksfee zum Gewinner unserer Dubbe-Kaffeetasse erkoren hat). Und der muss es wissen, hat er doch „wie alle echten Karlbacher irgendwann mal im Eckbach geplanscht oder gelegen“. Sollte trotzdem noch jemand am Wasserratten-Uznamen zweifeln, so sei er freundlich auf die Ausführungen des mittlerweile verstorbenen Kleinkarlbacher Heimathistorikers Wolfgang Niederhöfer verwiesen. Dieser hatte in alten Unterlagen immer wieder den Begriff Wasserratten gefunden, wie er und seine Ehefrau schon vor 15 Jahren der RHEINPFALZ berichteten.
Mühlteiche zogen Wasserratten an
Demnach hat der Uzname mit den einst sechs Mühlen zu tun, die in Kleinkarlbach am Eckbach und seinen Nebenbächen florierten. Zu jeder Mühle gehörte nicht nur ein eigenes Mühlrad mit Triebwerk, sondern auch ein Teich, in dem Wasser zurückgehalten wurde. Grund: Bei länger anhaltenden Trockenperioden konnte sich durch das Öffnen der Schleuse das Mühlrad weiterdrehen. „Diese Teiche und vermutlich auch die in der Mühle gelagerten Vorräte zogen Wasserratten in Scharen an“, hatte Niederhöfer die Herkunft des Kleinkarlbacher Uznamens erklärt. Wenn die Rattenplage überhandnahm, soll, so will es eine Überlieferung, die Gemeinde Geld sogar ein Kopfgeld auf die Terchen ausgesetzt haben, das die Ratten-, Mäuse- oder-Hamster-Fänger pro abgeliefertem Nager erhielten.
Fabel über helfende Ratten im Wingert
Wir gehen somit fest davon aus, dass die Kleinkarlbacher – zumindest in früheren Zeiten – als Wasserratten geneckt wurden. Auch wenn wir eine weitere Geschichte, die Niederhöfer aus Erzählungen der Vorfahren gezogen hat, ins Reich der Fabel verweisen. In der hieß es, dass die Altvorderen hochintelligente, gezähmte Ratten abgerichtet hätten, um sie im Weinbau einzusetzen. Von den vielen Nagern am Eckbach seien, so geht die Fabel, die stärksten, schnellsten und kräftigsten ausgewählt worden, um geerntete Trauben auch aus schwierigem Gelände auf die Kelter nach Kleinkarlbach zu bringen. So hätten sich die Weinbauern die hohen Lohnkosten der Logelträger gespart. Und auch in politisch unruhigen Zeiten hätten die umtriebigen und flinken Ratten vom Eckbach für die Versorgung des Dorfs mit heimischem Wein gesorgt.
Ob schon damals „Neider aus dem Umland ihnen den Uznamen Karlbacher Wasserratten“ gegeben haben könnten, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall ist auch in der Fabel von Wasser- und nicht von Bachratten die Rede. Damit sich die Bachratten-Bezeichnung nicht festsetzt, veröffentlichen wir diese – von den Lesern meist eh nur vermutete – falsche Uznamen-Lösung nicht in den ausgewählten Leserzuschriften zu Kleinkarlbach, die Sie auf der nächsten Seite lesen können. Gerade bei Pfälzer Uznamen muss man rattenscharf sein.
Zuschriften der Leser
Volker Wilhelmy, Kleinkarlbach: Für mich als echten „Kalbacher“ Bub war es natürlich sehr einfach, den Ort zu erkennen: links in der Bildmitte die ehemalige Wirtschaft Kies mit Saal in der Hauptstraße, kurz davor links die Schreinerei Weber mit dem quadratischen Turm, in der Bildmitte vorn das Baugebiet Kelleracker. Klar gibt es auch einen Uznamen: „die Kallbacher Wasserratte“. Übrigens war man nur ein echter „Kallbacher“ wenn man irgendwann einmal im Eckbach geplanscht oder gelegen hat. Richtig bekannt wurde der Ort auch durch die chemische Firma Spieß Urania, die ein Mittel gegen einige Schädlinge, unter anderem gegen Kartoffelkäfer entwickelte. Regional bekannt wurden zudem die Fastnachter, die „Karlbacher Hoppsdohle“.
Klaus Kany, Grünstadt: Trotz der Hinweise war es mit dem gewählten Bildausschnitt nicht ganz einfach. Ich verbinde mit Kleinkarlbach meinen ersten Ferienjob in den 70ern bei der Firma Spieß, sowie heute immer wieder gern schöne Kurzspaziergange von Sausenheim aus – auch mit neuen Freunden, die den Ort nicht kennen – am malerischen Eckbach entlang. Natürlich bleibt mir auch das „Rebstöckel“ mit gutbürgerlicher Küche in Erinnerung. Mit den Mühlen habe ich allerdings weniger Erfahrung.
Christiane Haas, Kleinkarlbach: Das Weindorf, das auf dem (schon etwas älteren) Luftbild abgebildet ist, ist Kleinkarlbach. Auch wenn ich nur Zugezogene bin, empfinde ich mich als „Wahlpfälzerin“. Vor über 20 Jahren haben wir an der Hauptstraße ein Grundstück gekauft und dort gebaut, denn seit jeher begeistert mich das freundliche Naturell der Pfälzer. Leider bin ich bisher nicht allzu tief in die Traditionen, wie Uznamen, eingestiegen.
Sabine Appel, Hettenleidelheim: Schön, dass nach langer Pause mal wieder ein Rätsel in der Zeitung war. Ich konnte den Ort sehr schnell ausmachen: Kleinkarlbach, eine alte Weinbaugemeinde am Fuße des nördlichen Haardtrands gelegen, nahe der neuen Umgehungsstraße der B271. Gut zu erkennen ist der Verlauf der Hauptstraße (L 520) und die auf dem Bild davon links gelegene Partschinser Straße, die bis zum Parkplatz an der heutigen Grundschule führt. Partschins bei Meran in Südtirol ist seit über 50 Jahren Kleinkarlbachs Partnergemeinde.Früheste Belege der Kleinkarlbacher Geschichte sind ein Brandgrab aus der Hallstadtzeit (850 - 700 v. Chr.), eine Bronzeaxt sowie römische und fränkische Grabfunde. Erste bekannte schriftliche Erwähnung war im Jahre 770 die Besitz-Schenkung von Reginher und seiner Frau an das Kloster Lorsch (Karlebach). Im Jahre 1414 wird erstmals der Name „Cleinkarlebach“ genannt. Im Prinzip zeigt der Abschnitt der Hauptstraße einschließlich des Eckbachs von der Bann- und Backmühle bis zum ehemaligen Schul- und Rathaus die bauliche Entwicklung des Dorfs vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
Die evangelische Kirche mit spätgotischen Chor und Kirchenschiff von 1753 (Turm von 1932) wurde als St. Nikolaus um das Jahr 1400 auf die Fundamente der ehemaligen Nikolauskapelle gebaut. Die Empore und Kanzelbrüstung zeigen Gemälde des Grünstadter Malers Johann Adam Schlesinger aus dem Jahre 1781. Das 1840 erbaute Schul-/Rathaus dient heute als Dorfgemeinschaftshaus. Die Schreinerei Weber, im Bild unten links an der Hauptstraße, gibt es seit 1830. 1861 wurde die Straße zwischen Kirchheim und Kleinkarlbach erbaut. Leider am linken Bildrand abgeschnitten der Verlauf des Eckbachs, an dem die frühere Straße verlief. Von 1903 bis 1969 war Kleinkarlbach an die Bahnstrecke Altleiningen-Grünstadt angebunden. Bis 2007 lief noch der Güterverkehr zum Drahtzug in Altleiningen, ehe 2008 die Gleise endgültig rückgebaut wurden.
Das 1861 von C. F. Spiess gegründete Unternehmen verdankt seine Entstehung einer Farbmühle und dem lokal gewonnen Ocker zur Farbherstellung. Weltbekannt wurde das Unternehmen ab 1925 durch die Herstellung bewährter Pflanzenschutzmittel und in den Jahrzehnten nach dem Krieg als bedeutender Hersteller und Vertreiber von Agrarchemikalien. Das Firmengelände ist im Bild nicht zu sehen, ebenso wenig die dortige Abzweigung von der Hauptstraße zur L517 nach Bad Dürkheim oder die alte Eisenbahnbrücke am westlichen Ortseingang. Eine touristische Attraktion ist der 25 Kilometer lange Eckbach-Mühlenwanderweg, der durch Kleinkarlbach führt. An der Strecke von der Eckbachquelle in Hertlingshausen bis zur Sporrmühle in Dirmstein liegen 23 von ehemals 35, teilweise erhaltene oder restaurierte Wassermühlen, die sich bis Ende des 19. Jahrhunderts drehten. Der Kleinkarlbacher Heimat- und Mühlenforscher Wolfgang Niederhöfer (1932 - 2017) erreichte 1997 die Eröffnung des Wegs durch den damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck.
Hans-Arnold Claußen, Hettenleidelheim: Danke für das tolle Rätsel. Mit diesem wunderschönen Kleinkarlbach verbinde ich sehr gute Erinnerungen. Ich war 33 Jahre bei der Firma C.F. Spieß und Sohn. Unsere Firma ist aus einer Mühle für Farben und einem Weingut entstanden.
Joachim Schwalb, Hettenleidelheim: Das war dieses Mal für mich eine harte Nuss. Allein anhand des geschickt zugeschnittenen Luftbilds hätte ich das Rätsel nicht lösen können. Zeigt die Aufnahme doch nur einen Teilbereich des gesuchten Dorfs und dazu noch ganz ohne irgendwelche charakteristischen und das Ortsbild prägende Bauwerke und Liegenschaften (wie zum Beispiel das Dorfgemeinschaftshaus, die protestantische Kirche Sankt Nikolaus, das Viadukt am westlichen Dorfausgang, die Grundschule, das ausgedehnte Areal der Firma Gechem GmbH – vormals Chemische Fabrik Spiess & Sohn GmbH – oder der etwas außerhalb gelegene Friedhof).Auch der Lauf des Eckbachs, der den Ort von West nach Ost auf seiner gesamten Länge durchzieht, ist nicht ansatzweise sichtbar. Der Hinweis, dass der gesuchte Ort mehr ehemalige Mühlen hat (es sind sechs von einstmals sieben) als Weingüter (fünf), hat mich aber auf die richtige Fährte gesetzt. Ja, es handelt sich um Kleinkarlbach (Uff pälzisch: Kläkallbach, meischdens awer nur Kallbach). Als Uzname für die Einwohner ist mir der Begriff „Kallbacher Wasserratte“ geläufig. Ob’s stimmt, weiß ich nicht. Passen würde es für das Dorf am Eckbach. Aber das werden die Einheimischen sicherlich besser wissen.
Rita Bender, Sausenheim: Ich habe keine Minute gebraucht, um das Dorf Kleinkarlbach zu erkennen. Mein erster Blick ließ mich die Gärtnerei Klaus Keller, gegründet 1926 von Karl Keller, erkennen, davor die Schreinerei Weber aus dem Jahr 1830. Das Foto zeigt die Hauptstraße in Richtung Kirchheim, rechts ganz vorn die ehemalige Gaststätte „Rebstöckel“ und das Neubaugebiet in den Kelleräckern, links der Kerweplatz und die Straße Neuer Weg.Früher gab es drei Gaststätten im Ort, „Gasthaus Gromm“, „Zur Pfalz“ und das „Rebstöckel“. Vor zwei Jahren hatten die Kleinkarlbacher, mit Uznamen „Wasserratten“, 1250-Jahrfeier. Entlang des Eckbachs gab es früher sechs Mühlen: Walkmühle, Wiesenmühle, Bann und Backmühle, Strohmühle, Schleifmühle und Langmühle; die Mühle Eisenbeiss ist immer noch im Betrieb. Das Dorfgemeinschaftshaus war vor seinem Umbau die Dorfschule, heute kann man die gut ausgestatteten Räume zu verschiedenen Feierlichkeiten nutzen.
Schon als Kind kam ich zu Fuß zum Schuhmacher Rudolf Kühner oder zur Gärtnerei Keller, auch unser Hausarzt war in Kleinkarlbach. Die 1861 gegründete Firma von Carl Friedrich Spiess hat nach dem Ersten Weltkrieg zunächst Farben und Lacke hergestellt – durch die Lage des Unternehmens in einem traditionellen Weinbaugebiet kam dann die Produktion von Pflanzenschutzmitteln und Düngern hinzu. Der Standort ist geblieben, auch wenn die Firma Gechem 2006 die Anteile von Spiess-Urania Chemicals erworben hat.
Rudi und Annette Görlitz, Kleinkarlbach: Gesucht ist die schöne Weinbaugemeinde Kleinkarlbach, die auch für ihren Rock am Eckbach weit über das Land bekannt ist.
Gunther Isbarn, Tiefenthal: Das Lösungswort lautet: Kleinkarlbach. Der Uzname lautet: Kläkarlbacher Wasserradde. Der Hinweis „mehr Mühlen als Weingüter“ sagt natürlich schon fast alles. Der Ort muss also am Eckbach-Mühlenwanderweg liegen und er muss im Weinanbaugebiet liegen. Das Luftbild zeigt leider keine Kirche, aber das Dach der Schreinerei Weber ist charakteristisch genug, um ganz klar Kleinkarlbach zu identifizieren. Wenn man so weit ist, dann passt auch der Rest. Und im Internet findet man den Hinweis auf sieben ehemalige Mühlen, von denen sechs noch existieren. Dazu sind auf der Webseite der Gemeinde fünf Weingüter gelistet. Das passt also auch. Obwohl: Ob die Listung der Weingüter vollständig ist?Der Uzname der Kleinkarlbacher lautet „Kläkarlbacher Wasserradde“. Warum? Ich weiß es (noch) nicht. Die kleinen Nager sind vermutlich nicht gemeint, wohl schon eher die Wege am Eckbach, die bei sommerlichen Temperaturen zum Planschen einladen.
Sieglinde Hammann-Neser: Meine ersten Erinnerungen an Kleinkarlbach liegen mehr als 50 Jahre zurück. Infolge der Schulreform von Rheinland-Pfalz wurde unsere Dorfschule in Bissersheim 1970 aufgelöst. Nach den Sommerferien besuchte ich die Grundschule in Kleinkarlbach. Da mein Elternhaus in meinem Heimatort an das Schulgebäude grenzte und ich quasi aus dem Fenster in den Schulhof springen konnte, brachte die Maßnahme einige Änderungen in meinen Alltag, zum Beispiel die tägliche Schulbusfahrt. Nun verfügte jede Klasse über einen eigenen Unterrichtsraum mit Lehrer/in. Zuvor wurden in meinem Wohnort vier Jahrgänge von einer Lehrkraft in einem Saal gleichzeitig unterrichtet.
Der Ortswechsel erwies sich als Bereicherung meiner Kinder- und Jugendzeit, denn ich lernte neue Schulkameraden kennen. Mit ihnen verbrachte ich in den folgenden Jahren unzählige gemeinsame Nachmittage. So fuhr ich häufig mit dem Fahrrad nach Kleinkarlbach, da wir uns auf dem Spiel- oder Sportplatz trafen. Während der dunklen Jahreszeit vergaßen wir manchmal die Zeit, deshalb traf ich erst nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause ein. Dies hatte zur Folge, dass der Tag mit einer deutlichen Ansage meiner Mutter endete. Zumal die Heimfahrt mangels Radwegs über die Landstraße führte.
Einen für mich bleibenden Eindruck hinterließ der evangelische Pfarrer Jürgen Vogt, in Kleinkarlbach tätig von 1967 bis 2002, der nichts unversucht ließ, mit der jüngeren Generation im Gespräch zu bleiben. Mit seinem sportlichen Einsatz in der örtlichen Fußballmannschaft blieb er nicht nur sprichwörtlich am Ball. Seiner Überzeugung folgend fuhr er seinerzeit bei jeder Witterung mit dem Drahtesel, obwohl der Klimawandel noch kein Thema in der breiten Öffentlichkeit war.
Ursel König, Grünstadt: Auf den ersten Blick erkannt, mein schönes Heimatdörfchen Kleinkarlbach. Hatte dort eine schöne Kindheit.