Altleiningen
Jugend- und Heimerzieher – ein Job mit vielen Herausforderungen
Altleiningen. Der Beruf eines Jugend- und Heimerziehers ist „kein Job zum Ausruhen“, sagt Peter Martin, der Leiter des Caritas-Förderzentrums St. Rafael in Altleiningen. Vielmehr sei es einer, bei dem man an den Herausforderungen wachse. Gerade auch jetzt in der Corona-Zeit. Umso mehr freut es den Sozialpädagogen, dass er etliche junge Leute in seinem Team hat, „die für diese Arbeit brennen“.
„Es ist schön, die Entwicklungsschritte der Kinder hautnah zu erleben, und man bekommt von ihnen viel zurück“, meint Azubi Jannik Rödel. Oliver Müller, der Soziale Arbeit in Mannheim studiert und als Werkstudent unter Vertrag steht, hat festgestellt: „Hier bin ich in alles eingebunden, was die Kollegen tun, und muss nicht – wie andernorts – nur das erledigen, worauf die festen Mitarbeiter keinen Bock haben.“
Das bestätigt Pauline Schiersand: „Ich bin sofort gut ins Team integriert worden und darf hier Verantwortung übernehmen.“ Die 19-Jährige startete im Januar mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) im St. Rafael. Dabei habe sie gemerkt, dass sie „doch mit Kindern kann“. Nun will die 19-Jährige nicht mehr Kriminalpsychologie studieren, sondern Psychologie und Soziale Arbeit beziehungsweise Pädagogik.
Über FSJ Spaß an der Arbeit gefunden
Auch die beiden jungen Männer sind über ehrenamtliche Einsätze in die Einrichtung gekommen und haben Gefallen an der Tätigkeit dort gefunden. Nach Überzeugung von Heimleiter Martin, der selbst über den Zivildienst in den sozialen Bereich fand, ist das auch der beste Weg. In seiner Einrichtung gebe es neun Plätze für Freiwilligendienstler. Derzeit seien sie komplett belegt, doch für den Sommer könne man sich bewerben.
Der 22-jährige Rödel, jetzt im zweiten Ausbildungsjahr zum Jugend- und Heimerzieher, hatte nach zwei Semestern Geografie ab Oktober 2019 ein FSJ gemacht. Der gleichaltrige Müller absolvierte ab November 2019 nach einer abgebrochenen Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann ein FSJ im Förderzentrum. Nun ist er studienbegleitend jeweils zwei Tage pro Woche, die nach Stundenplan wechseln, im St. Rafael.
„Es ist schön, bereits etwas Geld zu verdienen, und durch die regelmäßige Praxis bin ich meinen Kommilitonen vielfach voraus“, so der 22-Jährige. Rödel ist motiviert, die Herausforderungen im Heim zu meistern, weil er sieht, was sein Einsatz bewirken kann. „Es ist toll, wenn wir es schaffen, dass ein Kind mal wieder zu seinen Eltern kann“, sagt der Auszubildende.
Es gibt keine Lösungen nach Schema F
Martin erklärt, dass man einige Jungen und Mädchen nicht nach Hause lassen könne, ohne das Kindeswohl zu gefährden. Andererseits müsse man aber dafür sorgen, dass die leiblichen Eltern weiter einen Platz im Leben ihrer Sprösslinge behalten. Schrittweise Annäherungen, die zunächst stundenweise erfolgten, würden von Teammitgliedern begleitet – auch Rödel übernimmt diese Aufgabe. Dabei sei er nicht ins kalte Wasser geworfen worden, versichert er. Er sei gefragt worden, ob er sich das zutraue. „Wir übertragen unseren angehenden Erziehern gern erfüllbare Verantwortung, denn Grenzerfahrungen sind wertvolle Elemente der Ausbildung“, sagt Martin.
Dabei könne niemals nach Schema F verfahren werden, erklärt Müller. „Die Verhältnisse sind überall unterschiedlich, auch ist jedes Kind anders und reagiert individuell, etwa auf Vernachlässigung oder Missbrauch.“ Rödel führt aus: „Man muss lernen, ruhig zu bleiben, wenn man mit einem Stuhl beworfen wird oder ein Kind mit einer Schere auf ein anderes losgeht.“ Letzteres hat der Azubi schon erlebt. Und wie hat er reagiert? „Da hat man keine Zeit, nachzudenken, sondern muss sofort handeln. Eine perfekte Lösung gibt es nicht.“
Schwer, mit der Trauer der Kinder umzugehen
Er habe sich dazwischen gestellt und den Aggressor aufgefordert, die Waffe abzulegen. „Das hat funktioniert, wohl weil wir schon eine gute Beziehung aufgebaut hatten“, so Rödel. Gerade von Neuzugängen werde man gern „gecheckt“. Einmal wollte ein Junge, der erst kurz im Heim war, nicht ins Bett. „Er hat herumdiskutiert, mich angeschrien, geschubst, mir die Hände vors Gesicht gehalten und mich beleidigt“, erzählt der 22-Jährige. Zwei Stunden habe er das über sich ergehen lassen, ohne das Kind groß zu beachten, „und schließlich ging er ohne Protest schlafen“.
Schiersand findet es schwierig, die Kinder zu trösten. Was macht man, wenn eines fragt, weshalb es nicht mehr bei seiner Mama sein darf? „So langsam lerne ich, damit umzugehen“, sagt die FSJ’lerin.
Auswirkungen der Pandemie deutlich zu spüren
Eine besondere Herausforderung seien die Auswirkungen der Pandemie, so Martin. Dass die Omikron-Variante voll zugeschlagen habe und nahezu täglich irgendjemand infiziert sei, der dann wieder in Quarantäne müsse, sei nicht das Hauptproblem, meint der Chef von rund 150 Mitarbeitern – darunter gut 30 pädagogische Fachkräfte und Lehrer an der St.-Rafael-Förderschule. Schwere Covid-Verläufe kämen quasi nicht vor. „Aber“, sagt Martin, „wir haben extrem viele Anfragen von den Jugendämtern. Wir könnten drei weitere Gruppen aufmachen.“ Aktuell sind 45 Fünf- bis 15-Jährige stationär aufgenommen. 36 Kinder und Jugendliche werden in Tagesgruppen betreut.
„Zu Beginn der Corona-Krise hat es den Jungen und Mädchen sehr zu schaffen gemacht, dass sie nicht raus durften, dass sie ihre externen Freunde, etwa aus den Sportvereinen, nicht mehr treffen konnten“, blickt Rödel zurück. Was bis heute teilweise noch fehle, seien Veranstaltungen zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, ergänzt Martin. Oft hätten seine Schützlinge psychische Probleme, was die gesamtgesellschaftliche Entwicklung spiegele. Er betont: „Wir machen eine systemrelevante Arbeit mit hoher Sinnhaftigkeit.“
Der Einrichtungsleiter würde sehr gern eine Kleingruppe für ein intensivpädagogisches Angebot eröffnen, auch zur Traumabewältigung, mit einem höheren Personalschlüssel und verstärkter Elternarbeit. „Dafür bräuchte ich aber fünf bis sechs zusätzliche Mitarbeiter“, so der 47-Jährige, der weiß: „In der Sozialpädagogik ist der Fachkräftemangel größer als in der Pflege.“