Grünstadt Grünstadter Personalkarussell
«Grünstadt.» Es gleicht der Reise nach Jerusalem: In frappierender Regelmäßigkeit legen derzeit wichtige Funktionsträger der TSG-Turner ihre Ämter nieder. Auf den frühzeitigen Abgang von Bundesliga-Teammanager Andreas Lambrix folgten bald die beiden fest angestellten Nachwuchstrainer Stefan Mutiu und Luisa Drumm. In allen drei Fällen gab es jeweils unterschiedliche Begründungen zu hören – zumindest mit den beiden Übungsleitern räumten die Verantwortlichen später aber erhebliche persönliche Differenzen ein. Jetzt ist also der stellvertretende Vereinsvorsitzende Jürgen Lamprecht an der Reihe. Wie sowohl er als auch die Vorsitzende Hatun Joseph gestern bestätigten, hat Lamprecht am Donnerstagabend nach einem Gespräch mit Joseph und Turnabteilungsleiter Wolfgang Kanther seinen Rückzug verkündet. Und wieder scheint es zuvor Reibungen gegeben zu haben – wenn auch rein inhaltlicher Art, wie die Beteiligten betonen. Es habe unterschiedliche Vorstellungen darüber gegeben, wie Führungsaufgaben wahrgenommen werden sollten, sagt Joseph. Schon bevor der Verein am Freitagnachmittag eine geplante Pressemitteilung veröffentlichen kann, ist die Nachricht nach außen gedrungen. Es mag ein erster Hinweis darauf sein, dass im Verein nicht mehr an einem Strang gezogen wird – in der Unterredung war nach RHEINPFALZ-Informationen eigentlich Stillschweigen bis zu der gemeinsamen Erklärung vereinbart worden. Lamprecht gibt gegenüber der RHEINPFALZ tiefere Einblicke in die Hintergründe seines überraschenden Rückzugs. „Ich habe mit dem Abteilungsleiter nicht mehr die inhaltliche Basis für eine weitere reibungslose Zusammenarbeit gefunden“, so der Rechtsanwalt. Gleichzeitig betont er, dass es dabei ausdrücklich nicht um persönliche Differenzen gegangen sei. „Einer muss bei wichtigen Entscheidungen immer den Hut aufhaben. Und bei Dingen, die Abteilung und Turn-Talentschule betreffen, ist das laut Satzung eben der Abteilungsleiter. Das respektiere ich.“ Tatsächlich ist der Abteilungsleiter für die Ausrichtung seiner Abteilung verantwortlich, muss aber die Zustimmung des Gesamtvorstands einholen, wenn es um Finanzierungs- und Personalangelegenheiten geht. Mit seinem Rückzug wolle er deshalb jetzt den Weg dafür frei machen, dass die nötigen Entscheidungen schneller und klarer getroffen werden könnten, so Lamprecht. „Wenn sich dann herausstellt, dass ich mich inhaltlich geirrt habe und Herr Kanther Recht hatte, umso besser. Das würde ja dann bedeuten, dass es für die TSG nach vorne geht. Und das ist es, was ich auch will.“ Kanther bestätigt Lamprechts Aussagen. „Ich habe in den vergangenen eineinhalb Jahren für meine Ideen immer Unterstützung vom Vorstand erhalten. Mit Herrn Lamprecht hatte ich in der Sache allerdings grundsätzlich verschiedene Ansichten.“ Dessen Rücktritt sei daher ein „fairer Schritt“. Dennoch: Der Abschied des Zweiten Vorsitzenden ist das jüngste Kapitel in einer Kette von Ereignissen, die nur einen Schluss zulassen: Beim sportlichen Aushängeschild des größten Grünstadter Vereins rumort es derzeit hinter den Kulissen. Das belegt nicht zuletzt Lamprechts Aussage, dass es zwischen ihm und Kanther inhaltlich auch um die Bewertung der jüngsten Vergangenheit in der Turn-Talentschule (TTS) gegangen sei. „Vergangenheit“ meint dabei wohl vor allem das abrupte Ende der Ära Mutiu und Drumm. Denn während sich im vergangenen Jahr die sportlichen Erfolge unter der Führung der erstmals fest angestellten Nachwuchstrainer wie erhofft einstellten, begann es intern immer lauter zu knirschen. Kommunikationsstil und Trainingsmethoden in den von Drumm und Mutiu betreuten Trainingsgruppen scheinen sowohl vereinsintern als auch bei manchen Eltern der Turntalente zunehmend auf Unverständnis gestoßen zu sein. So haben sich in den vergangenen Wochen mehrere Eltern an die RHEINPFALZ gewandt, um ihre Erlebnisse zu schildern. Es geht dabei vor allem um als übertrieben empfundene Strenge und unverhältnismäßig harte Strafen. Nun ist im Jugendsport häufig enttäuschter elterlicher Ehrgeiz der wahre Grund für Beschwerden über Trainer und Verein. Dass zudem im Leistungsbereich auch schon bei den Kleinsten ein deutlich rauerer Ton herrscht, ist manchen Eltern oft nicht klar. Zweifelsfrei belegen lassen sich diese Schilderungen also nicht. Sowohl Drumm und Mutiu als auch Abteilungsleiter Kanther haben die Anschuldigungen gegenüber der RHEINPFALZ weit von sich gewiesen. Allerdings: Die Vielzahl der vorliegenden Fälle und die meist übereinstimmenden Darstellungen der Eltern lassen darauf schließen, dass im Spitzensportbereich der TTS zuletzt zu viele Dinge zugunsten des Leistungsgedankens vernachlässigt wurden. Der RHEINPFALZ liegen Quellen vor, die diese Einschätzung bestätigen. Und nicht zuletzt zeigt der von ziemlichen Unruhen begleitete Abgang der Trainer, dass es zwischen dem Duo und dem Verein gegen Ende überhaupt nicht mehr gepasst hat. Zwischen Mutiu und den Bundesliga-Verantwortlichen soll zudem die Kommunikation nicht immer reibungslos verlaufen sein. Dem ehemaligen rumänische Nationalturner oblag eigentlich die Vorbereitung des Liga-Nachwuchses, von interner Abstimmung soll er aber nicht wirklich viel gehalten haben, heißt es. Schon befürchten Beobachter, dass diese Alleingänge bald auch sportliche Auswirkungen auf die Vorzeigetruppe haben könnten. Dass die Abteilungsleitung daher nach Mutius angekündigtem Wechsel noch einmal Verhandlungen mit dem Coach aufgenommen hat, soll manchen aus dem Liga-Bereich überhaupt nicht gefallen haben. Der Trainer selbst wollte gegenüber der RHEINPFALZ nichts von solchen Konflikten wissen. „Jemanden zu verpflichten, der keinerlei Bindung zum Verein hat, war durchaus mit einem gewissen Risiko verbunden“, räumt Kanther ein. „Darauf werden wir in Zukunft sicher stärker achten.“ Er hofft jetzt auf Ruhe – und ist damit in Verein und Abteilung sicher nicht allein.