Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Grünstadt: Autor Michael Rumpf veröffentlicht neue Aphorismen-Sammlung

Michael Rumpf
Michael Rumpf Foto: Happersberger

„Was nützt es, wenn ein Chamäleon Farbe bekennt?“ Diese höchst witzige Frage steht als Titel über einem neuen Buch, mit dem Dr. Michael Rumpf, Autor und seine ganze lange Berufslauflaufbahn über Lehrer am Grünstadter Gymnasium, eine Blütenlese seiner unzähligen denkanstoßenden Sinnsprüche, vermehrt mit neuem Stoff, vorlegt. Neu ist auch die gefällige Aufmachung in großer, verspielter Schrift.

Zwischen 1983 und 2017, von „Satzwechsel“ bis „Bruchrillen“, hat Michael Rumpf in ziemlich regelmäßigen Abständen neun Bände mit Aphorismen veröffentlicht. Diese eher seltenen literarische Gattung hat immer noch als berühmtesten und brillantesten Vertreter Lichtenberg, auch von Goethe, Ebner-Eschenbach oder Nietzsche gibt es namhafte Exemplare. Michael Rumpf gilt mittlerweile in Fachkreisen als einer der bedeutendsten Aphoristiker der Gegenwart. Das Vergnügen an überraschenden Wortspielen, am Erproben von Denkmöglichkeiten, am knappen Paradox ist Rumpf geblieben, aber im Lauf der Zeit mehren sich Sprüche, die ganz knapp und scheinbar kunstlos Wesentliches über Wirklichkeit sagen wollen.

Schauen wir im Buch nach: „Das Bedürfnis, bemerkt zu werden, steigt mit der Erfahrung, nicht gebraucht zu werden.“ Oder: „Wer Innovationsbereitschaft fordert, fördert Bindungsschwäche.“ Oder: „Glücklich zu sein ist die eleganteste Art, nicht zur Last zu fallen. Es gehört daher zu den moralischen Pflichten.“ Derartige Sätze kommentieren durchaus ernst gesellschaftliche Veränderungen, die sich bemerken lassen. Sagt nicht folgender Satz erschöpfend alles darüber, dass Fremdenfeindlichkeit vor allem in jenen nordöstlichen Provinzen der Republik grassiert, in denen kaum Fremde leben? „Vorurteil: jemandem nicht über den Weg trauen, dessen Weg man nie gekreuzt hat.“

Rumpf zeigt Zusammenhänge auf

Stoff des Aphorismus sind landläufige Überzeugungen, das, was man üblicherweise meint. Der Aphoristiker beweist mit einem Geistesblitz, dass sie gemeinhin nicht zureichend begründet sind. Er kann auch das Gegenteil: Zusammenhänge aufzeigen, die kaum je gesehen wurden. Oder er fasst Bekanntes auf eine gedanklich besonders brillante oder auch nur schöne Weise knapp zusammen, schleift längere Ausführungen sozusagen zu einem funkelnden geistigen Edelstein zusammen. Ein besonders schönes Beispiel: „Dichten: Erden, was in der Luft liegt.“

Wie könnte man knapper, treffender sagen, was sich beispielsweise in Goethes „Werther“ so exemplarisch ereignet hat: Da spricht einer werdendes, noch nicht formuliertes gesellschaftliches Sein nicht nur beschreibend, sondern am Beispiel handelnder und erleidender Personen aus, und macht damit anschaulich, was viele in der Seele spüren, aber noch nicht sagen konnten.

Lektüre verlangt dem Leser Einiges ab

Man sieht an dieser Erläuterung, dass der Aphorismenleser in der Regel in seinem Kopf (falls es beim Zusammenstoß des Kopfes mit dem Aphorismenband nicht hohl klingt, um auf Lichtenberg anzuspielen) ausführlichere Gedanken entfaltet, als er gelesen hat, aber er kann sich darauf verlassen, dass der Aphorismenautor seinerseits viel gedacht, viele Gedanken eingedampft hat, bis er zu seiner verknappten aphoristischen Formulierung gekommen ist. Dass solche Lektüre dem Leser einiges abverlangt, ist klar. Schließlich wollte schon seinerzeit Lichtenberg nicht, das „man gänzlich ohne Mühe lese“, was er „nicht gänzlich ohne Mühe geschrieben“ hat.

„Knapp und karg sagen die Aphorismen, was Sache ist, Sache des Denkens und des Fühlens oder der heimlichen und unheimlichen Verbindungen, die zwischen beidem bestehen“, sagt Rumpf in der Einleitung. Daher piesackt die Lektüre des „Chamäleons“ den redlichen Leser immer wieder: Kaum hat er zweimal umgeblättert, sieht er eine Ausrede entlarvt, mit der er selbst über unangenehme Schlussfolgerungen hinweggehüpft ist. Insofern haben Rumpfs Aphorismen immer auch einen ethischen Anspruch. Sie fragen: Funktioniert das, was ich für mich in Anspruch nehme, auch noch, wenn es alle tun, oder hätte es dann schädliche Folgen? Wenn jeder auf Kreuzfahrt ginge? Es ist die berühmte Forderung Kants im kategorischen Imperativ, dass das eigene Handeln zur „Maxime einer allgemeinen Gesetzgebung“ taugen müsse.

Insofern misstraut Rumpf der Freiheit, die er als weltverbrauchende, umweltzerstörende Willkür auffasst: „Befreit man das Individuum, fesselt man die Gesellschaft.“ Klingt folgerichtig und brillant. Was stattdessen? Die Ameisengesellschaft? Oder war es nicht doch eine unverzichtbare Errungenschaft, die Macht der Gesellschaft über den Einzelnen beschränken zu wollen? Manchmal scheint das „Chamäleon“ auch Widerspruch zu verdienen – ein weites Feld. Aber vor allem verdient der Band, dass man sich immer wieder in kleinen Portionen von ihm herausfordern lässt.

LESEZEICHEN

Michael Rumpf: Was nützt es, wenn ein Chamäleon Farbe bekennt? 444 Aphorismen, Mödling: Bellaprint 2019, 148 S., broschiert, 19,90 Euro

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