Falscher Einwurf RHEINPFALZ Plus Artikel Franck Ribérys Abendessen in Münchhausen

Unser Autor
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Die Romantisierung des Millionenwahnsinns treibt mitunter bunte Blüten. Zeit, sich im neuen Jahr nach neuen Futtertrögen umzusehen.

Auf nahezu nichts kann man sich in diesen verrückten Zeiten noch verlassen. Außer natürlich auf die Bayern. Die sind schon zu Weihnachten deutscher Meister, kommen mit den Corona-Fällen kaum noch hinterher und machen auf dem Transfermarkt „keine verrückten Sachen“. Zum Beispiel 80 Millionen Euro für einen Verteidiger ausgeben.

Überhaupt ist das mit den „verrückten Sachen“ so eine Sache. Uli Hoeneß – Aufsichtsratsvorsitzender, Ehrenpräsident und Ethikprofessor in Personalunion – gab jüngst nicht nur einige Knast-Anekdoten zum Besten, sondern auch einen intimen Einblick in die Verhandlungspolitik der Bayern.

„Susi hat extra halal gekocht“

2010 sei es gewesen, als Real Madrid heftig um den Münchner Fanliebling Franck Ribéry gebuhlt habe. So heftig, dass der Franzose quasi schon mit einem halben Bein im Bernabéu gestanden habe. Also fuhr Hoeneß schwere Geschütze auf, schickte seine Frau in die Küche („Susi hat extra halal gekocht“) und umgarnte Ribéry am heimischen Esstisch solange, bis dessen Gattin gegen Mitternacht nicht mehr an sich halten konnte. „Franck, nous restons à Munich!“ soll Wahiba Ribéry quasi als Trinkspruch ausgestoßen haben. Franck, mia bleim dahoam!

Eine wunderbare Weihnachtsgeschichte, die lediglich zwei Fragen offenlässt. Erstens: Glaubt Uli Hoeneß wirklich, dass ihm irgendjemand diese haarsträubende Räuberpistole abkauft? Und zweitens: Also, jetzt mal im Ernst – glaubt er das wirklich?

Es ging nicht nur ums Geld

Sicherlich wird es auch einem Spieler wie Ribéry, dem es Zeit seines Lebens eigentlich nur ums Geld ging, bei den Vertragsverhandlungen nicht nur um das Geld gegangen sein. In erster Linie allerdings vermutlich schon. Was nicht weiter schlimm ist. Dass man auch an der Isar die eigenen Spieler nicht mit Essensmarken bezahlt, ist weder ein Geheimnis noch überraschend. Selbst zweistellige Millionengehälter gehören mittlerweile zu jenen Dingen, an die sich die meisten Fans gewöhnt haben.

Was einem hingegen tatsächlich die Weihnachtsstimmung versaut, ist die Dreistigkeit, mit denen sich Funktionäre mittlerweile versuchen, sich bei der Fangemeinde anzubiedern. Franck Ribéry verbringt nahezu seine gesamte Karriere in München, weil Hoeneß seine Frau dazu verdonnert, einen Lammspieß in die Mikrowelle zu schmeißen? Was passiert als nächstes? Verhindert Hoeneß die WM in Katar mit einer Packung H-Milch aus dem Discounter?

„Der letzte richtige Fußballfan“

Das Ammenmärchen um Ribérys Vertragsverlängerung reiht sich ein in ein buntes Potpourri an bis vollkommen irrwitzigen Vorgängen in diesem Fußballjahr, die vor allem eines belegen: Den völligen Bindungsverlust der Funktionärsriege an die Basis. Dazu zählt die Aussage von Hopp-Anwalt Christoph Schickhardt, sein Mandant sei „eigentlich der letzte richtige Fußballfan“, die Nötigung der dänischen Nationalmannschaft durch die Uefa, die Pläne zur Gründung einer „Super League“ oder schlichtweg die komplette Jahreshauptversammlung des FC Bayern.

Nüchtern betrachtet macht das Fußballjahr 2021/22 wenig Lust auf Mehr. Zu fremd scheint vielen Fans mittlerweile der Profizirkus, zu bodenlos der Sumpf an Skandalen und Machenschaften. Sicher, man schaut sich immer noch gerne manchen Auftritt des eigenen Lieblingsvereins an. Aber für das Spiel des VfL Wolfsburg bei Hertha BSC Berlin nicht auf den Geburtstag der Schwägerin gehen? Das erscheint inzwischen so lächerlich, wie es tatsächlich wohl auch ist.

Die gute Nachricht zum Schluss: Noch rollt der Ball im Amateurfußball. Und solange es geht, sollte man diesen genießen – ob als Zuschauer oder Aktiver. Dafür kann man dann auch den Geburtstag der Schwägerin absagen.

Die Kolumne

Unser Autor kann auf eine lange, erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso irgendwo auf dem Platz.

Ob Franck Ribéry das Essen geschmeckt hat?
Ob Franck Ribéry das Essen geschmeckt hat?
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