Grünstadt Dr. Google nicht nur verrufen

Informationsflut: Insbesondere bei medizinischen Themen ist es geraten, seriöse Angebote aufzurufen.
Informationsflut: Insbesondere bei medizinischen Themen ist es geraten, seriöse Angebote aufzurufen.

Online-Suchmaschinen wie Google machen es heutzutage einem jeden leicht, im Internet zu recherchieren – auch, was mögliche oder tatsächliche Krankheiten betrifft. Rund zwei Drittel aller Patienten konsultieren vor ihrem Gang zum Arzt das Internet. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die von der RHEINPFALZ befragten Mediziner sind geteilter Meinung, was das Thema „Dr. Google“ angeht. Der Allgemeinmediziner Thong Quoc Chu, der in seinen Praxen in Wattenheim und Dirmstein behandelt, freut sich über vorab gewonnenes Wissen seiner Patienten: „Das finde ich gut, wenn sich Patienten im Internet schlau machen. Das erleichtert mir die Untersuchung, denn der Patient hat sich damit beschäftigt und kann mir eventuell auch besser Einzelheiten zu seinen Beschwerden nennen.“ Die eigene Recherche ersetze jedoch nicht den Gang zum Arzt, um eine qualifizierte Diagnose und diesbezüglich Therapiemöglichkeiten zu erhalten, ist sich der 43-Jährige sicher. Etwa vier von zehn Patienten, die die Hausarztpraxis des Mediziners besuchen, seien vorinformiert, schätzt Chu. Teilweise würden diese das sogar beim Arztbesuch ansprechen. Bei anderen bemerke er es, da sie konkret nach bestimmten Medikamenten für die Behandlung fragten. Gerade bei jüngeren Patienten habe er vermehrt festgestellt, dass diese das Internet nutzten, so Chu. Sollte man sich im Netz informieren, dann kämen seriöse Gesundheitsportale, also Fachseiten in Frage. Bei Foren, in denen jeder alles publizieren könne, müsse man vorsichtiger sein. Über ihren virtuellen Kollegen „Dr. Google“ ist Regina Kemp ganz und gar nicht begeistert. Die in Grünstadt niedergelassene Internistin und Hausärztin hat ebenfalls schon einige Erfahrungen gemacht. „Einige Patienten kommen in die Sprechstunde und präsentieren mir schon die Diagnose. Hinzu kommt, dass sie ein bestimmtes Medikament wünschen, ohne sich zuvor von mir untersucht haben zu lassen“, beklagt die 58-Jährige. Es koste sie dann wesentlich mehr Zeit, ihre gestellte Diagnose zu begründen, da der Patient von der Meinung des Internets überzeugt sei und oft keine weitere zulasse. „Ich muss mich also erklären, weshalb ich etwas nicht so tue oder sehe wie es Dr. Google im Netz vorschlägt.“ Auch sei es schon vorgekommen, dass Patienten einfach eine Überweisung zum MRT forderten, ohne mit ihr zuvor in den Dialog getreten zu sein. Allerdings kämen nur recht wenige Patienten mit diesen „klaren“ Vorstellungen in die Praxis – im Schnitt seien es ungefähr vier pro Woche. Weshalb es weniger als in anderen Praxen sind, darauf hat Kemp eine Antwort: „Im internistischen Bereich geht es um Herz-Kreislauferkrankungen. Hier ist es eher schwierig für den Patienten, eine eigene Diagnostik oder Therapie zu erstellen.“ Zudem liege das Durchschnittsalter ihrer Patienten bei 57 Jahren, da sie als Allgemeinmedizinerin nur Erwachsene und keine Kinder betreue. „Die jüngeren Patienten informieren sich eher im Netz, die älteren holen sich ihre Informationen bei Bekannten oder in der Nachbarschaft“, so die Erfahrung der Medizinerin. Von Foren oder gar virtuellen Arztratschlägen rät Kemp gänzlich ab: „Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt hat für mich oberste Priorität. Erst dann kann ich beurteilen“, weiß die Ärztin, die eher vorschlägt, eine zweite echte Arztmeinung einzuholen. Etwa die Hälfte der Eltern, die mit ihren Kindern die Kinderarztpraxis von Philip Mahler in Eisenberg aufsuchen, sind vorinformiert. Zu dieser Erkenntnis ist der Mediziner gekommen. Generell erachtet es der 52-Jährige als sinnvoll, mit aufgeklärten Eltern zu sprechen. Allerdings müsse man sich auch bewusst sein, dass das Internet sämtliche Inhalte bereithalte und über das Krankheitsbild hinaus informiere, so dass eventuell Angst oder sogar Panik entstünden. „Als Arzt habe ich dann eine Art Filterfunktion. Denn die Eltern kommen mit ganz vielen Fragen zu mir, die teilweise das Krankheitsbild nicht betreffen“, erzählt Mahler. Trotzdem befürworte er die Recherche im Internet, denn dadurch könne er in den Dialog mit den Eltern treten. „Das ist etwas Gutes“, findet der Kinderarzt. Sollten Eltern zusätzlich zum Arztbesuch weitere Auskünfte erhalten wollen, dann empfiehlt er die Internetseite des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (www.bvjk.de). Als Konkurrenz sieht er „Dr. Google“ nicht, „für meine Diagnose brauche ich ihn aber auch nicht“.

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