Kommentar RHEINPFALZ Plus Artikel Das Virus der Anderen

Zu Beginn unterschätzt: das Coronavirus.
Zu Beginn unterschätzt: das Coronavirus.

Vom „China-Virus“ bis zu Clan-Hochzeiten: Die Corona-Pandemie wird von Beginn an mit rassistischen Untertönen begleitet.

Der Bielefelder Soziologe Marius Meinhof hat es schon im März 2020 festgestellt: So ein bisschen stand sich der Westen seit Beginn der Pandemie selbst im Weg. Und das auch durch eine rassistisch begründete Überheblichkeit. Meinhofs These: Das Virus wurde viel zu lange als das Virus der Anderen begriffen. Da wurde sich erst an den kulturellen Eigenheiten der Chinesen abgearbeitet, teils ohne Grundlage („Die Fledermaussuppe ist schuld!“), da machte man sich lieber Gedanken über den Einfluss des Virus auf das politische System in China anstatt hier ausreichend Vorkehrungen zu treffen. Und man wähnte sein eigenes Gesundheitssystem allen anderen so sehr überlegen, dass man die Augen vor seinen Schwächen verschloss. Dass man etwa in Sachen Digitalisierung durchaus von anderen lernen könnte. Oder dass Maske tragen kein kultureller Spleen ist, den man uns freiheitsliebenden Europäer nicht zumuten kann.

Als das „China-Virus“ (Trump) und damit die Krise („Made in China“, titelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“) uns erreicht hatte, häuften sich die Diskriminierungen gegen asiatisch aussehende Bürger. Und wenn die Zahlen wieder explodierten, lag das natürlich nie an den eigenen Vorkehrungen, sondern daran, dass das Virus bestimmt wieder „eingeschleppt“ wurde. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet etwa führte die Corona-Ausbrüche beim Fleischfabrikanten Tönnies auf „Rumänen und Bulgaren“ zurück statt auf deren Arbeitsbedingungen im Werk. Und im letzten Quartal 2020 waren plötzlich die muslimischen Mitbürger im Visier. Die „Bild“ sorgte sich über Clan-Hochzeiten und Heimatbesuche von Türken. Wohlgemerkt jene Zeitung, die derzeit hysterisch „Malle für alle“ zu Ostern fordert.

Marius Meinhof warf dem Westen Anfang 2020 postkolonialistische Arroganz vor. Viel gelernt haben wir seither nicht. Das zeigt sich nicht nur in der Frage nach dem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund auf den Covid-Intensivstationen, sondern auch in der Verteilung der Impfstoffe. Der Westen zuerst, heißt es da in einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. Und auch das könnte uns wieder auf die Füße fallen. Wenn irgendwo auf der Welt, in einem mit Impfstoff unterversorgten Land, die nächste Mutante entsteht. Und ethisch-moralisch sowieso.

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