Grünstadt Ab 4. Mai Jacqueline-Diffring-Ausstellung in Sausenheim

Wolfgang Thomeczek hat eine Bildhauerin der Moderne für ihre rheinland-pfälzische Heimat entdeckt: Jacqueline Diffring, 1920 in Koblenz geboren, mit 94 Jahren noch täglich in ihrem Atelier im südfranzösischen Châteauneuf-de-Grasse tätig. Die 13. Ausstellung im Kunstkabinett ist ihr vom 4. bis 25. Mai gewidmet, Diffring kommt zur Eröffnung.
„Nein, hier darf nichts mehr geändert werden!“ Plastiken, nach tönernen Modellen in Bronzegießereien gefertigt, füllen das Oberstübchen des Turms im Weingut Karl-Heinz Gaul. In der Mitte stehen kleinere, meist menschengestaltige Bronzen, die zeigen, wo Jacqueline Diffring herkommt: von Henry Moore, dem Großmeister der Plastik des 20. Jahrhunderts. Wie die Menschengestalten gelagert, wie ihre Proportionen abstrahierend stilisiert sind, das hat Diffring von Moore gelernt. Doch wo Moore die Formen schmiegsam macht, bricht Diffring sie kantig, wie spätgotische Figuren oder kubistische Gemälde. Die Figuren wollen für sich bleiben. Und doch sind sie nicht abweisend, wie die Berührung mit der Hand zeigt: Die Kanten sind abgerundet, nicht schneidend. Was ihren Schaffensprozess in Gang setzt, ist eine Idee, ein Thema, erläutert die Künstlerin. „Auch wenn alle gleich sein sollten, ist doch jeder anders“ oder „Dem Ende zu“ lauten solche Skulpturentitel, die am Anfang stehen. Sie überlege sich, ob ein solche Titel eher eine stehende oder liegende, eher eine statische oder dynamische Tendenz habe, sagt Diffring. Das sei aber auch die ganze Vorbereitung. Alles Weitere entstehe in der Begegnung ihrer Hände mit dem formbaren Ton – ein unmittelbarer Prozess, der es erlaubt, Persönlichstes ohne Vorplanung in den Gestaltungsprozess einfließen zu lassen. Das meint auch der Titel der Schau: „Tracer une émotion“, einem Gefühl nachspüren. Insofern spricht Diffring auch davon, dass alle ihre zwischen abstrahierter Gegenständlichkeit und freier Form changierenden Skulpturen Teil ihrer Biographie seien. Die Biographie Jacqueline Diffrings hat es in sich, und erklärt, warum sie als Künstlerin spät bekannt wurde: 1920 wurde sie als Tochter einer kunstsinnigen Familie in Koblenz geboren. Die Repressionen der Hitler-Diktatur gegen den jüdischen Vater veranlassten diesen, die drei Kinder 1937 ins anonyme Berlin zu schicken, wo sie die die damals namhafte Reimannschule für Kunst besuchten. Der Bruder widmete sich dem Schauspiel, die Schwester der Fotografie, Jacqueline der bildenden Kunst. 1939 flohen die Geschwister nach London und lernten dort Armut kennen. Erst 1944 konnte Jacqueline Diffring ihre künstlerische Ausbildung fortsetzen. An der Chelsea School of Art begegnete sie Henry Moore, der ihr Schaffen prägte. 1954 kehrte Diffring auf Betreiben ihrer Mutter nach Koblenz zurück. Es folgte eine persönlich schwierige, krankheitsüberschattete Lebensphase ohne wesentliche künstlerische Produktion. Erst der Umzug der Künstlerin in den französischen Südens befreite sie zu neuen Höhenflügen, und daher erklärt sich, dass erst jetzt, mit Verzögerung, zu reifen begann, was Henry Moore 30 Jahre vorher in Jacqueline Diffring grundgelegt hatte. Klar, dass die Inhalte ihres seitherigen Lebens nicht beiseite traten, sondern auch in der Kunst ihren Platz finden wollten. Seitdem findet Diffring international mehr und mehr Beachtung. „Nur in Rheinland-Pfalz hatte sie niemand auf dem Schirm“, so Thomeczek. Seine Ansprechpartner in der Kulturstiftung des Landes, welche die Ausstellung fördert, seien zunächst überrascht, dann aber ob der Qualität der Skulpturen überzeugt gewesen, berichtet der Galerist. Wie immer ist ein Katalogbuch erschienen, zu dem der Grünstadter Rainer Feser Fotografien beigetragen hat; die Ministerpräsidentin hat ein Geleitwort beigesteuert. Und es gibt wieder eine Edition, „Jazz“. Thomeczek: „Jacqueline Diffring war erst zurückhaltend, sowas habe sie noch nie gemacht.“ Dann aber fiel der Groschen: als Veronika und Wolfgang Thomeczek mit ihr zusammen einen französischen Jazzclub besuchten. Zur Eröffnung am Sonntag, 4. Mai, 11 Uhr, spricht die Kunsthistorikerin Dr. Eva Fischer-Hausdorf von der Kunsthalle Bremen, Stefan Faust, Christl Marley und Uli Wagner spielen mit Gitarre, Saxophon und Schlagzeug Jazz der 40er Jahre.