Frankenthal Zwischen Verfall und Stillstand
Mit dem Thema „Raum und Zeit“ haben sich schon viele Philosophen und Physiker beschäftigt, und jetzt auch zehn Kunstschaffende unter den Treidler-Mitgliedern. Ihre kreativen Forschungsergebnisse sowie Arbeiten von Schülern der Schiller-Realschule plus sind im Frankenthaler Kunsthaus noch bis 30. Dezember zu sehen.
Die Treidler haben ein Werk eigens für die Jahresausstellung geschaffen oder in ihrem Fundus das passende Objekt gefunden, das sich dem Thema unterordnen lässt. In Zeichnung, Malerei, Objektkunst, Installation ist ein breites Spektrum an Techniken und Herangehensweisen zu sehen. Naheliegend und gern gewählt wurden als Titel wissenschaftliche Begriffe und Definitionen, aber noch mehr Redensarten und Aphorismen. Eine kleine Auswahl gaben Christoph Braun vom Vorstand der Treidler und einige Künstler in der Einführung den über 60 Besuchern mit auf den Weg durch die Ausstellung. Den „Zahn der Zeit“ stellt Gaby Sann bildlich dar als Zahnrad, auf einer Stange montiert und gelagert. Bei „Innehalten“ versuchte Sann die Mechanik tickender Uhrwerke einzufrieren – hier mit Wachs. Im Foyer lässt Marcus Graber in seinem schwarzen Pavillon bei Schwarzlicht den Raum verschwinden, die Zeit vergessen mit leuchtend bunt bemalten Vinylschallplatten und meditativer Musik. Nicht immer ist es einfach, Titel und Motiv in Einklang zu bringen. „Stillstand der Zeit“ (Isolde Hesse) zeigt eine Skyline mit Hochhäusern. In die Acrylmalerei eingearbeitet sind Schriften, Aufstellungen oder Statistiken. Susanna Rosa Geiger und Helmut Ried geben ihren Arbeiten keine Titel. Beide arbeiten im Wesentlichen zeitlos abstrakt. Allerdings notiert Geiger auf ihren Arbeiten als Sehhilfe „Raum-Zeit-Krümmung“ oder „Die Schöpfung entstand durch Raum und Zeit“. Friedlinde Hüter wählt mit den Tonplastiken „Sonnenstier“ und „Der Sprecher“ den Bezug zur Mystik und antiken Welten. Den Begriff „subsidiärer Schutz“ setzt Ulla Faber malerisch um: gesichtslose, unbekannte Menschen, als nicht anerkannte Flüchtlinge Gäste auf Zeit. Zeit und Raum vermischt Dimana Wolf in „Zwei Elemente“, kombiniert Wasser und Luft, die Welt der Meerestiere und der Vögel. Kritische Töne schlägt Adam Tumele an. In einer dreidimensionalen Collage karikiert er den Begriff „Leitkultur“, indem er politische Akteure der AfD als traute deutsche Familie in den Fokus stellt. Seine zweite Arbeit zeigt, dass der Begriff Heimat für den in Rumänien geborenen Künstler zwiespältig ist: eine deutsche Fahne trägt das rumänische Wappen und umgekehrt. Drei Kohlezeichnungen zu dem Begriff „Tausendjährig“ sind Joachim Hanischs Beitrag – sie zeigen Verfall, Verformung, die Eroberung der Natur. Als Gemeinschaftsarbeit sind zudem elf Tondi beweglich im mittleren Raum aufgehängt. Die Rückseite ist mit Spiegelfolie beklebt, die Vorderseite beschäftigt sich mehr oder weniger deutlich mit dem Motto Raum und Zeit. Zeichnungen zu einer Frankenthaler Familiengruft, bewacht von einer monumentalen Engelsfigur, steuerten die Schüler der Schiller-Realschule plus bei. Besonders angetan hat es den Schülern bei der Gruft das Spalier aus Pfeilern, die mal an Wachsoldaten, mal an beringte Finger erinnern, sowie Ketten, die bei ihnen lebendig werden. Dazwischen eine Anekdote, die sich um die Gruft rankt: dass im Krieg ein Sarg getroffen wurde und ein Loch im Zink war, das sich dann auf mysteriöse Weise wieder verschlossen haben soll. Während die seit vielen Jahren aktiven Treidler-Künstler im Sujet und ihrem Personalstil gefangen scheinen, blitzen bei den Schülern frische Ideen und Humor durch. Muscheln, rostiges Metall, Steine, Fundstücke werden zum Muschelmeter, zur Zeitleiter aus Kieselsteinen oder zur Zeitgeistflasche. Sogar eine wissenschaftliche Erkenntnis halten sie humorvoll fest: „Frankenthal hat die flachsten Kiesel“ – zum Beweis ein Kasten, der statt Schmetterlingen Reihen von Kieseln zu Schau stellt. Öffnungszeiten —Bis 30. Dezember im Kunsthaus Frankenthal, Mina-Karcher-Platz 42a: täglich außer montags zwischen 14 und 18 Uhr. Am 24., 25. und 26. Dezember ist geschlossen. —Zum Abschluss laden die Treidler für Samstag, 30. Dezember, 16 Uhr, zu einem Vereinsgespräch mit Punsch ein unter dem Motto „So war 2017, wie wird 2018?“