Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Worms: Theaterskandal im Englischen Garten

Wiese, Hügel und ein Pavillon im Park werden zur Kulisse des Freilichttheaters. Hier Regisseurin und Autorin Kirsten Zeiser bei
Wiese, Hügel und ein Pavillon im Park werden zur Kulisse des Freilichttheaters. Hier Regisseurin und Autorin Kirsten Zeiser bei der Probe.

Was war in Mannheim los, als dort 1782 das Drama „Die Räuber“ des jungen Friedrich Schiller uraufgeführt wurde? Dieser Frage geht das Wormser Theater im Museumshof in seiner aktuellen Freilicht-Inszenierung nach. Die Zuschauer selbst sollen Teil des damaligen Premierenpublikums werden.

„Meine Idee war, ähnlich wie im Film ,Shakespeare In Love’ vorzugehen“, sagt Theaterpädagogin Kirsten Zeiser, die das gut 70-seitige Textheft verfasst hat. Es soll in ihrem Stück, das mehrere Erzählebenen hat, um das historische Drumherum der Mannheimer Theaterpremiere gehen, um Kurpfälzer Feudalismus und den Zeitgeist des Sturm und Drang. Dafür hat Zeiser viel recherchiert. Neben Szenen aus Schillers Stück hat sie weitere historische Originaldokumente eingearbeitet und mit Heribert von Dalberg, dem aus dem Herrnsheimer Adel stammenden Nationaltheater-Intendanten und Förderer Schillers, einen Bezug zu Worms geschaffen. Gespielt wird im Pfrimmpark, der zwischen den Stadtteilen Hochheim und Pfiffligheim liegt. Seit der Renovierung des Andreasstifts – der Museumshof war die Spielstätte der Truppe – ist man wie das fahrende Volk zu Schillers Zeiten nun selbst auf der Walz. „Theater im Museumshof on Tour“ steht auf den Jacken der Akteure.

67 Darsteller im Alter von zehn bis 70 Jahren

2006 hatten sich theaterbegeisterte Laien erstmals zusammengefunden, um gemeinsam ein Stück auf die Beine zu stellen. Mittlerweile sind es 67 Darsteller, die jüngsten zehn, die ältesten gut 70 Jahre alt. Einige sind gleich in mehreren Theatergruppen aktiv oder stehen bei der Fasnacht auf der Bühne. „Wir sind kein Verein, sondern eine offene Gruppe, generationenübergreifend und integrativ“, betont Kirsten Zeiser. Die Akteure arbeiten ehrenamtlich, die Produktion finanziert sich durch Eintrittsgelder und Sponsoren.

Probenabend im Pfrimmpark: Ein Seil markiert die Spielfläche im Talkessel, rund 70 Darsteller stehen drum herum im Kreis. „Erstmal Müll sammeln“, verordnet die Regisseurin, und einige Junge schwärmen aus. Dann geht’s ans Aufwärmen der Stimmbänder: „Ma-ma-ma-ma-ma – ke-ke-ke-ke-ke – mu-mu-mu-mu-mu.“ „Mund auf, dann kommt der Sound raus“, ordnet die Theaterpädagogin an.

„Wir spielen ohne Mikro und ohne Souffleuse“, erklärt Petra Brandes, das sei eine besondere Herausforderung. Die pädagogische Fachkraft ist seit acht Jahren dabei und spielt diesmal die „Moserin“, eine Äbtissin. Sie liebt es, mit Menschen unterschiedlichen Alters etwas gemeinsam zu gestalten. Vor sieben Jahren ins Ensemble reingerutscht ist Florian Walter. Der 20-jährige Marketing-Student hatte bereits in der Schule das Fach Darstellendes Spiel und schätzt die professionelle Theaterarbeit von Kirsten Zeiser: „Sie schafft es immer wieder, aus einem Sauhaufen ein Ensemble zu machen.“

„Action und ordentlich Krawumm“

Die Talsenke des englischen Landschaftsparks wird zum Räuberwald. Ein Überfall mit viel Gebrüll leitet die Probe ein. Nach einigen Wiederholungen passen Tempo und Timing. Zwischen Szenen aus dem Drama erleben die Zuschauer den jungen Regimentsarzt Friedrich Schiller bei seiner dramatischen Flucht ins kurfürstliche Mannheim, werden Zeugen von Intendant Dalbergs hochfliegenden Inszenierungs-Ideen und erfahren von den Problemen, die damalige Schauspieler wie August Wilhelm Iffland mit unterschiedlichen Dialekten hatten.

„Wir wollen die Zuschauer emotional in die Handlung hineinmanövrieren“, erklärt Zeiser. „Es gibt Action und ordentlich Krawumm.“ Das dürfte historisch passen. Schließlich löste die Mannheimer Aufführung seinerzeit einen Skandal aus. In einer Schiller-Biografie heißt es, ein Zeitzeuge habe berichtet: „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür.“ Dagegen sollte „Shakespeare in Love“ Kinderkram sein.

Termin

„Schillers Räuber“, Open-Air-Inszenierung des Theaters im Museumshof, im Karl-Bittel-Park (Pfrimmpark) Worms, Eingang Parkstraße. Premiere Samstag, 15. Juni, 19 Uhr. Weitere Aufführungen am 16., 28., 29. und 30. Juni. Karten gibt es im Shop am Wormser Dom.

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