Serie „Sportlexikon“ RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn’s mal wieder länger dauert: Zeitspiel

Rui Patricio sah im EM-Finale 2016 erst Gelb und bejubelte Sekunden später mit Portugal den Titel.
Rui Patricio sah im EM-Finale 2016 erst Gelb und bejubelte Sekunden später mit Portugal den Titel.

Zeitspiel: Der Ruf hallt immer wieder in diversen Sportarten über die Spielfelder. Manchmal ist es klar geregelt, dann wieder Ermessenssache des Unparteiischen. Ein paar Mal hat es auch einen anderen Namen, der dann klar ausrückt, um was es geht. In der Regel geht es um Sekunden.

Ja, im Fußball gibt es Zeitspiel. Vor allem in der Schlussphase. Plötzliche Krämpfe, kein Abnehmer beim Einwurf, und bei einem harmlosen Rempler muss der Mannschaftsarzt alle Register ziehen, um den Gefoulten wieder fit zu bekommen.

Im Fokus aber stehen beim Fußball die Torhüter. Bei der Europameiserschaft 2016 steht es im Finale Frankreich gegen Portugal kurz vor Schluss 1:0 für Portugal. Rui Patricio, Keeper der Iberer, lässt sich aufreizend viel Zeit beim Abstoß. Die Sekunden verrinnen. Patricio sieht die Gelbe Karte. Doch nach dem Abstoß ertönt der Schlusspfiff. Portugal ist Europameister.

Schiedsrichter bisweilen großzügig

Die Grundlage für die Verwarnung ist die Sechs-Sekunden-Regel, die der Weltverband Fifa in seinen Statuten verankert hat. So lange hat ein Torhüter Zeit für Abstoß oder Abschlag. Und doch wird diese Regel von den Schiedsrichtern bisweilen sehr großzügig ausgelegt.

Auch im Tischtennis gibt es ein Zeitspiel. In den Regularien wird es als Wechselmethode bezeichnet und hat das Ziel, das ohnehin an Tempo nicht arme Spiel an der Platte noch schneller zu machen. Die Wechselmethode kommt dann zum Tragen, wenn ein Satz länger als zehn Minuten dauert und beide Spieler weniger als insgesamt 18 Punkte haben.

Simonis: Keine unnötige Regel

Danach wechselt das Aufschlagsrecht mit jedem Ballwechsel. Innerhalb der ersten zwölf Ballkontakte gelten die „normalen“ Regeln. Gelingt es dem Rückschläger, den Ball 13-mal auf die Platte zu spielen, bekommt er den Punkt. „Eine unnötige Regel ist es auf gar keinen Fall, aber sie tritt selten in Kraft. Das Spiel könnte sich, wenn es die Regel nicht gäbe, auch für die Zuschauer zu sehr in die Länge ziehen“, sagt Christopher Simonis (TTF Frankenthal).

Der Auslöser für die Regel war die Partie von Aloizy Ehrlich gegen Farkas Paneth, bei der ein Ballwechsel mehr als zwei Stunden lang dauerte. Unmittelbar vor der Weltmeisterschaft 1937 wurde eingeführt, dass ein Spiel nicht länger als eine Stunde bei zwei Gewinnsätzen dauern durfte. Die Regel wurde in der Folge mehrfach verändert.

Wechselmethode auf Wunsch

In der aktuellen Fassung, die seit 2010 gilt, heißt es, dass ein Satz nicht länger als zehn Minuten dauern darf. Die Konzentrationsphasen zwischen den Aufschlägen zählen zur Zeitgrenze dazu. Eine Besonderheit: Die Wechselmethode kann auch auf Wunsch beider Spieler zu jedem beliebigen Zeitpunkt angewandt werden. „Ich selbst habe es noch nicht erlebt, dafür bin ich viel zu ungeduldig“, sagt Christopher Simonis lachend. Einen Experten in Sachen Zeitspiel haben die TTF allerdings: Steffen Engel. „Wenn ich gegen ihn spiele, dann steht es nach zehn Minuten auch mal 1:1 im ersten Satz“, sagt Gustav Knapek (TTV Mutterstadt). Beide sind eher passive Spieler.

Im Handball hat man dem Kind einen anderen Namen gegeben. Hier sagt man „Passives Spiel“, wenn ein Team partout nicht genügend Zug zum Tor zeigt. Passives Spiel kann in allen Phasen des Angriffs der Mannschaft entstehen. Bevorzugt passiert es jedoch, wenn die angreifende Mannschaft in Unterzahl ist oder bei knappen Resultaten.

Bei Passivität geht Arm hoch

Erkennen Schiedsrichter eine Tendenz zum passiven Spiel, hebt jeder der beiden Unparteiischen je einen Arm, quasi als Warnung. Danach darf das Team, das im Angriff ist, noch maximal sechs Pässe spielen. Nach einem etwaigen siebten Pass muss auf Freiwurf entschieden werden, und das Angriffsrecht wechselt.

Bis zum Heben des Arms ist es allerdings immer noch im Ermessen der Schiedsrichter, wann Passivität angezeigt wird. Das Vorwarnzeichen kann zurückgenommen werden, wenn die Mannschaft, die im Ballbesitz ist, einen Torwurf ausführt und der Ball vom Gehäuse oder Torwart zurück zur angreifenden Mannschaft gelangt, oder wenn das Team in der Abwehr eine Gelbe Karte oder eine Zeitstrafe erhält.

Hockey: Kein Zeitdruck

Beim Hockey ist es etwas anders. „So wie beim Handball gibt es die Strafe nicht“, erklärt Frank Lubrich, international erfahrener Schiedsrichter aus Ludwigshafen. Einen unmittelbaren Zeitdruck haben die Teams nicht. Und doch gibt es, ähnlich wie beim Fußball, Bestrafungen wegen Spielverzögerungen. „Wenn der Spieler für den Abschlag zu lange wartet und er auch einer Erinnerung des Schiedsrichters an die schnelle Ausführung nicht nachkommt“, erklärt Lubrich. Geahndet werde das Vergehen dann mit einer Ermahnung, einer Grünen oder Gelben Karte mit entsprechender Zeitstrafe.

Auch im Tennis hat man nicht ewig Zeit, um den Ball ins Spiel zu bringen. 25 Sekunden – dann muss der Aufschlag gespielt sein. Ansonsten droht auch hier eine Strafe. Weshalb sich auch Weltstars wie zum Beispiel Rafael Nadal sputen müssen.

Basketball: Blick zur Shotclock

Auch beim Basketball spielt die Zeit eine Rolle. Denn pro Angriff haben die Teams je 24 Sekunden. Dann muss der Ball die Hand zum Wurf in Richtung Korb – mit anschließender Ringberührung – verlassen haben. Das führt bisweilen zu spektakulären Würfen.

Auch im Kampfsport kann die Zeit ein Faktor sein. Auch im Judo heißt das Zauberwort Passivität. „Im Judo gibt es ein Bestrafungssystem für alles mögliche“, bringt es der Frankenthaler Judoka Michel Adam (JSV Speyer) auf den Punkt. Der 23-Jährige, der am Olympiastützpunkt München trainiert und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft ist, sieht aber auch im Judo viel Spielraum für den Kampfrichter. Dieser kann die fehlende Kampfbereitschaft mit einem Shido (Strafe) ahnden.

Judo: Bodentechniken beliebt

„Es gibt drei Strafen wegen Passivität, jede zählt einen Punkt“, erklärt Adam. So werde oft auf Passivität entschieden, wenn bei mehreren Kampfabfolgen kein Wille auf Angriff oder der Intention zu werfen für etwa 30 Sekunden von einem Kämpfer gezeigt wird. „Im Kampfsport ist die Verteidigung das bessere Mittel, als auf Zeit zu spielen. Es gibt viele andere Möglichkeiten Zeit von der Uhr zu nehmen“, erklärt Adam.

Die Kampfdauer von vier Minuten wird oft durch Bodentechniken in Richtung Kampfende gedrückt. Doch neben dem Shido und dem Strafpunkt gibt es auch eine direkte Disqualifikation wegen Passivität. „Wenn ein Kämpfer ohne erkennbaren Grund die Matte durch Weglaufen verlässt, oder ohne einen Grund rückwärts flüchtet, kann man disqualifiziert werden“, erklärt Adam. Durchaus werde aber von Kämpfern in den letzten Sekunden des Kampfes bei knappen Führungen immer mal wieder durch eine passive Vorgehensweise Zeit von der Uhr genommen.

Spezialist in Sachen Zeitspiel: TTF-Akteur Steffen Engel.
Spezialist in Sachen Zeitspiel: TTF-Akteur Steffen Engel.
Muss sich beim Aufschlag sputen: Rafael Nadal.
Muss sich beim Aufschlag sputen: Rafael Nadal.
Judoka Michel Adam (links) würde bestraft werden, wenn er grundlos die Matte verließe.
Judoka Michel Adam (links) würde bestraft werden, wenn er grundlos die Matte verließe.
x