Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Eltern nur noch streiten: Wann entscheidet Familiengericht?

Sehe ich mein Kind vielleicht nicht mehr? Diese Frage ist für Väter und Mütter belastend.
Sehe ich mein Kind vielleicht nicht mehr? Diese Frage ist für Väter und Mütter belastend.

Wer bekommt Kinder, Haus, Unterhalt? Selten kochen Emotionen am Amtsgericht so hoch wie bei Familiensachen. Richter Christian Bruns sagt, was in diesen Fällen wichtig ist.

Als Laie denken viele vermutlich beim Stichwort Familiengericht an den Sorgerechtsstreit bei Trennung. Ist das tatsächlich der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Die sogenannten Kindschaftsverfahren sind sicherlich ein Schwerpunkt. Aber ein großer Bereich unserer Arbeit sind alle übrigen Fragen rund um Scheidungsverfahren. Da geht es in aller Regel ums Geld, den Unterhalt, das gemeinsame Haus. Außerdem betreuen wir Gewaltschutzsachen. Diese Fälle betreffen nicht nur Familien, sondern alle Personen, die einander Gewalt antun.

Gerade beim Sorgerecht treibt Eltern sicher um: Nimmt mir das Gericht das Kind weg? Bekomme ich als Vater oder Mutter den Umgang verboten? Wie häufig fallen tatsächlich solche harten Entscheidungen?
Wenn Eltern einen respektvollen Austausch miteinander haben, dann ist der Umgangsausschluss sehr unwahrscheinlich. Aber in einigen Fällen, die bei uns landen, streiten die Eltern seit Längerem heftig. Das Kind ist mit einem Elternteil mitgegangen und solidarisiert sich dann mit diesem. Der andere steht am Ende alleine da, selbst wenn er sich dem Kind gegenüber gar nichts hat zu Schulden kommen lassen. Wir können bei Gericht versuchen, diese Dynamik aufzulösen. Aber wir machen eben keine Familientherapie.

Landet denn jeder Sorgerechtsstreit vor Gericht?
Nein. Wir kommen nur ins Spiel, wenn ein Elternteil sich ans Gericht wendet oder beispielsweise das Jugendamt sagt: Hier muss der Staat eingreifen, um das Kind zu schützen. Die allermeisten Familien einigen sich untereinander, ohne dass wir etwas damit zu tun haben.

Gerade Familienangelegenheiten sind hoch emotional. Kann das Gericht den Beteiligten diese Belastung abnehmen?
Sehe ich meine Kinder nicht mehr? Etwas Belastenderes als diese Frage kann ich mir kaum vorstellen. Abnehmen können wir den Menschen diese Sorge nicht. Aber wir arbeiten in Frankenthal die Verfahren sehr schnell ab. Wer heute zu uns kommt, hat, wenn es sein muss, nächste Woche einen Termin. Ungewissheit macht eine Situation schwer erträglich. Mit einer Entscheidung, auch wenn man sie nicht rundum gut findet, kann man leben.

Wie können insbesondere sehr junge Kinder in einem solchen Sorgerechtsstreit geschützt werden?
Kinder bekommen einen Verfahrensbeistand, sodass sie nicht selbst im Sitzungssaal dabei sein müssen, sondern im Spielzimmer warten können. In der Regel übernehmen Sozialpädagogen eine Art Anwaltsrolle für das Kind. Sie besuchen es vorab zuhause und versuchen dort herauszufinden, was in der jeweiligen Situation das Beste ist. Neben deren ausführlichem Bericht, der vor Gericht vorgetragen wird, mache ich mir als Richter selbst in einem kurzen Gespräch ein Bild davon, was das Kind will.

Kann man als Außenstehender beurteilen, wo das Kind am besten aufgehoben ist?
Maßstab ist gemäß Gesetz das Kindeswohl. In der Rechtsprechung wurden dazu über die Jahre bestimmte Voraussetzungen herausgearbeitet. Wenn Eltern sich beispielsweise überhaupt nicht mehr über die Frage der Schulwahl einigen können, kann es angebracht sein, die gemeinsame elterliche Sorge insofern aufzuheben. Bei der Frage, wer das Sorgerecht bekommt, wird dann unter anderem berücksichtigt, wer bereits bislang überwiegend für das Kind da war, wo es lebt und ob es Geschwister gibt, die bei einem der Elternteile wohnen. Letztlich geht es darum, so gut es geht für die Eltern eine Entscheidung zu treffen, weil diese dazu nicht in der Lage sind.

Eine hohe Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?
Ich sage den Eltern offen: Entweder ich, der ich ihre Familie nicht so gut kenne, treffe jetzt anhand der Gesetze eine Entscheidung – oder Sie, die am besten wissen, was für das Kind gut ist, einigen sich doch noch. Ganz häufig ist es so, dass die Streitparteien sich dann noch mal zusammensetzen.

Sie sind also am glücklichsten, wenn Sie keinen Richterspruch fällen müssen?
Ja, und zwar nicht deshalb, weil ich damit weniger Arbeit hätte. Im Gegenteil: Diese Verfahren sind oft sehr emotional und sehr aufreibend. Mir geht es vielmehr darum, das zu tun, was in der Natur des Menschen liegt, nämlich ihm die Verantwortung für seine eigenen Angelegenheiten zu überlassen.

Sind Sie deshalb Familienrichter geworden?
Beim Verkehrsunfall geht es um Geld, das am Ende meist eine Versicherung zahlt. Das berührt mich als Richter wenig. Aber ob jemand sein Kind einmal die Woche sehen kann oder nicht, das entscheidet ganz unmittelbar über den weiteren Verlauf des Lebens. Wenn man da mithelfen kann, Probleme zu lösen, dann ist das sehr befriedigend.

Leitet das Familiengericht am Amtsgericht: Christian Bruns.
Leitet das Familiengericht am Amtsgericht: Christian Bruns.

Zur Person

Christian Bruns (47) leitet seit acht Jahren die Familienabteilung am Amtsgericht Frankenthal. Gemeinsam mit einer Kollegin betreut er rund 600 Fälle pro Jahr. Bruns ist seit 2004 Richter in Rheinland-Pfalz und seit 2016 stellvertretender Direktor am Amtsgericht Frankenthal. Er lebt mit seiner Familie in Kirrweiler (Landkreis Südliche Weinstraße). In einer RHEINPFALZ-Serie wird der erfahrene Familienrichter ab April Fragen aus der Rechtspraxis anhand von Fallbeispielen erläutern.

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