Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Martin Merger seinen Job an den Nagel gehängt hat

2010 hat Martin Merger bei einem weltweiten Auswahlverfahren für das YouTube Symphony Orchestra teilgenommen und einen Platz im
2010 hat Martin Merger bei einem weltweiten Auswahlverfahren für das YouTube Symphony Orchestra teilgenommen und einen Platz im Ensemble ergattert.

Einen Himmel voller Geigen haben in Corona-Zeiten nur die wenigsten Künstler. Trotzdem hat Martin Merger seinen gut bezahlten Job an den Nagel gehängt. Der Frankenthaler Chemiker und passionierte Violinist möchte nur noch für die Musik leben und arbeiten.

Zum Jahreswechsel hat der 55-Jährige umgesattelt. Nach 24 Jahren in der Leitung einer Forschungsgruppe bei BASF ist Merger nun ausschließlich musikalisch unterwegs – trotz Familie und einem gesetzten Alter, in dem sich die meisten eine sichere Existenz wünschen. „Tatsächlich habe ich ja nicht nur eine berufliche Position aufgegeben, sondern wechsle gleichzeitig in einen anderen Beruf, in dem ich ebenfalls hoch qualifiziert bin“, erklärt er. Sein musikalisches Niveau schätzt er als „hoch“ ein. „Ich kann mit sehr guten Geigern mithalten.“

Für ein Pfund Tabak eine Geige gekauft

Zwei Herzen schlagen in Mergers Brust: das eines Naturwissenschaftlers und das eines Musikers. Daher verlief seine Ausbildung zweigleisig. Parallel zum Chemiestudium an der Uni Heidelberg studierte Merger an der Musikhochschule Mannheim Musik und schloss das Studium mit dem Konzertexamen ab, gleichzeitig zum Chemieexamen.

Über seine erste Geige kursiert im Familienkreis folgende Anekdote: Großvater Valentin, der Wagner war und sich nicht sonderlich für Musik interessierte, kaufte einem Zigeuner für ein Pfund Tabak eine Geige ab. Mergers Vater Franz brachte sich auf dieser Geige autodidaktisch das Musizieren bei. Als Sohn Martin das Instrument in die Finger bekam, übertraf er seinen Vater und war schon als Gymnasiast am Karolinen-Gymnasium in Frankenthal Vorstudent an der Musikhochschule Karlsruhe. Den Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“ hat er gewonnen.

Als Chemiker schulte Merger sein analytisches Denken. Und als Geiger feilte er daran, seine Emotionen in Klangfarben zu verwandeln. „Ich wollte beides nicht missen“, sagt er rückblickend. Vor oder nach der Forschungsarbeit übte Merger täglich, „um mein Niveau zu halten“. Was ihm gelang, wie etwa seine erfolgreiche Teilnahme an einem weltweiten Auswahlverfahren für das YouTube Symphony Orchestra zeigt. 2010 bewarben sich 3000 Musiker für einen Platz im Ensemble. Unter den 95 Gewinnern aus 30 Nationen war neben drei weiteren Deutschen auch Merger, der in der New Yorker Carnegie Hall auftreten durfte.

Kollegen freuen sich auf den neuen Vollzeitmusiker

Den Traum von einer Musikerkarriere versagte sich Merger bislang – zugunsten eines geregelten Einkommens für Ehefrau Eva und seine zwei Töchter. „Aber immer schwang etwas Neid auf die Berufsmusiker mit. Und der Wunsch, auch das Privileg zu haben, in Vollzeit zu musizieren.“ Den Abschied vom Chemieriesen begründet Merger damit, dass seine Stelle gestrichen wurde. Auf einen anderen Posten wollte er sich nicht versetzen lassen und quittierte den Dienst. „Für viele Kollegen war meine Entscheidung schwer nachvollziehbar, in Musikerkreisen freut man sich auf den Zuwachs.“

Das Abschiedsgeschenk seiner Chefin: Statt Präsentkorb oder Blumen wird sie für Merger ein Konzert im BASF-Kammermusiksaal organisieren, sobald wieder Konzerte stattfinden können. Es soll ein Benefizkonzert für klassische Musiker werden, die unter der aktuellen Krise leiden. Als Solist und Kammermusiker kann Merger wegen der Pandemie nicht durchstarten. „Corona war nicht eingeplant, aber diese Phase wird absehbar überstanden sein, und wir können sie finanziell durchstehen.“

Seine Geige soll besser als eine Stradivari klingen

Merger nutzt die Zwangspause für ein neues Programm, mit dem er sich bei Konzertveranstaltern vorstellen möchte. Dafür übt er täglich bis zu sechs Stunden auf seiner französischen Geige Baujahr 1812. „Von ihr wurde schon gesagt, dass sie besser klingt als manche Stradivari“, freut sich Merger, für den die Violine die unbestrittene Königin aller Saiteninstrumente ist. „Was mich an Geigen schon immer fasziniert hat: Man kann ihnen eine enorme Bandbreite an Klangfarben entlocken, von schmelzend bis hart“, schwärmt der Naturwissenschaftler.

Nun gilt es, Kontakte zu knüpfen. Nicht nur, um Auftritte an Land zu ziehen. Sondern auch, um Partner zu finden, mit denen Merger Kammermusik machen kann. Mit dem Frankenthaler Pianisten Wolfgang Müller-Steinbach hat Merger bereits einen adäquaten Spielpartner gefunden. Beim Duo-Debüt im November in der Versöhnungskirche spielten die beiden auch ein Stück von Felix Draeseke. Die anspruchsvollen Werke des in Vergessenheit geratenen Spätromantikers könnten für Merger die Eintrittskarte sein: Müller-Steinbach hat die verloren gegangene Orchesterpartitur eines Violinkonzerts von Draeseke in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert. „Für eine Aufführung würde überregionales Publikum anreisen“, glaubt Merger.

Töchter bekommen Unterricht vom Vater

Mergers Töchter Anne (17 Jahre) und Isabel (15) spielen seit ihrem vierten Lebensjahr Geige, waren 2017 als Duo Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“ und erhalten den Geigenunterricht von ihrem Vater. Mit seinem musikalischen Nachwuchs möchte Merger das hauseigene Violintrio-Programm ausbauen und auftreten. „Wir haben in der Stadt gute Räume, die für Konzerte zu wenig genutzt werden, etwa die Aula vom Albert-Einstein-Gymnasium. Geigen brauchen große Räume, die sie zum Klingen bringen können“, erklärt er.

Auch die musikalische Ausbildung als Ergänzung zum Angebot der Musikschule kann er sich vorstellen. „In meiner Jugend war Frankenthal eine Keimzelle für klassische Musiker. Ich fände es schön, wenn man diese Tradition wieder etablieren könne.“

Noch Fragen?

Musikvideos gibt es im Netz unter 3-violins.de/links. Kontakt zu Merger kann man per E-Mail an m.merger@web.de oder unter Telefon 06233 369172 aufnehmen.

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