Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Pfeddersheim in Frankenthal? Ein Stück Eisenbahngeschichte

Emaille mit schwarzen Lettern: 2004 sollte dieses Schild im Müll verschwinden.  Foto: OUS
Emaille mit schwarzen Lettern: 2004 sollte dieses Schild im Müll verschwinden.

Wer am Frankenthaler Hauptbahnhof aussteigen möchte und in Richtung Osten zur KSB schaut, könnte meinen, er habe sich verfahren. Dort hängt ein Bahnhofsschild von Pfeddersheim. Wir haben nachgeforscht, wie es dahin kam – und dabei die Lebensgeschichte eines Frankenthalers erfahren, der sein ganzes Berufsleben mit der Deutschen Bahn „verheiratet“ war.

2004 wurde der damals eigenständige Bahnhof des Wormser Stadtteils Pfeddersheim zum Haltepunkt Worms-Pfeddersheim umgewandelt und ab sofort per Mausklick vom hochmodernen elektronischen Stellwerk in Neustadt gesteuert, heißt es aus der Pressestelle der Deutschen Bahn AG. Im Zuge der Umstellung hatte man den neuen Haltepunkt modernisiert und das alte Schild aus Emaille mit schwarzen Lettern auf weißem Grund durch ein Schild ersetzt, wie es an allen Bahnstationen heute üblich ist – aus Metall in Nachtblau mit weißen Buchstaben.

Das alte Inventar sollte samt Emailleschild verschrottet werden. „So was schmeißt man doch nicht weg, habe ich einem ehemaligen Kollegen, einem Fachbereichsleiter der Bahn aus Pfeddersheim, gesagt“, erinnert sich der pensionierte Frankenthaler Signalmeister Alfred Hamm. Und so staubte er das historische Bahnhofsschild von den Pfeddersheimern ab. Nun prangt das gute Stück in der Johann-Klein-Straße 2 vis-à-vis von KSB auf seinem Grundstück.

Ferngesteuerte Uhren

Auch vier orangefarbene ausgemusterte Bahnhofsuhren hat der 81-Jährige von früheren Kollegen geerbt und an den Fassaden seines Einfamilienhauses angebracht. „Sie sind ferngesteuert und zeigen die exakte Uhrzeit an“, sagt Hamm stolz. Wer westlich des Hauptbahnhofs unterwegs sei, wisse mit einem Blick stets, wie spät es ist, „Armbanduhren sind ja aus der Mode gekommen.“

Was am Hauptbahnhof alles aus der Mode gekommen ist, weiß der gebürtige Rheinhesse ganz genau: „Ich habe mein ganzes Leben bei der Bahn gearbeitet, 42 Dienstjahre lang bis Dezember 1999.“ 1956 lernte er in Worms den Beruf des Mechanikers, machte bei der Bahn seinen Meister und wurde dann Signalmeister, der am Frankenthaler Hauptbahnhof für die Wartung der Stellwerke und Signalanlagen zuständig war. „Sieben Bahnübergänge gab es damals in Frankenthal zwischen den Posten 176 bis 181, und die Signale wurden mechanisch mit Seilzügen vom Stellwerk bedient“, entsinnt er sich. Später wurde die Technik elektromechanisch, elektronisch und schließlich digital. „Nur die Spurweite der Gleise ist die Alte: genau 1435 Millimeter“.

Freundliche Grüße

Die Passanten, die unmittelbar an dem früheren Pfeddersheimer Bahnhofsschild entlanglaufen, sind Hamms Kunden. Ihm gehört der etwa ein Hektar große Parkplatz zwischen seinem Haus und den Schienen. 140 Parkplätze vermietet der Rentner unter anderem an die Mitarbeiter von Amtsgericht, Landgericht und KSB. „Hallo Herr Hamm“, grüßt ihn eine Dame, steigt in ihren Wagen und braust davon. Der rüstige Rentner winkt mit ölverschmierten Händen zurück, schraubt weiter am Innenleben seines Autos und freut sich, dass die Höflichkeit noch nicht aus der Mode gekommen ist – nicht so wie beim vergangenen Strohhutfest. „Das war die längste Bar Deutschlands“, zeigt er auf die niedrige Mauer, die sich von seinem Haus bis zur Unterführung in Richtung Stadtmitte entlangzieht. „Pinkeln und Saufen – das haben die jungen Leute da gemacht.“

Zur Sache: Schilder-Geschichte

„Schulze & Wehrmann in Elberfeld“ steht kleingedruckt auf dem alten Pfeddersheimer Bahnhofsschild auf der Rückseite des Frankenthaler Hauptbahnhofs. Diese Firma bei Wuppertal war das erste industrielle Emaillierwerk für Reklameschilder in Deutschland. Erster Großkunde war Ludwig Stollwerck, der als Erfinder von Emailleschildern für Reklamezwecke gilt, wie sie zwischen 1890 und 1960 ihre Blütezeit erlebten. Er erkannte die Werbewirksamkeit von witterungsbeständigen Dauerplakaten – Blechschilder mit einem Schutzüberzug aus Emaille – und ließ 1893 die „Reklameplakate im Zuckerguß-Verfahren“ bei Schulze & Wehrmann produzieren. Alsbald entwickelte sich das Reklameschild aus Emaille zum Massenprodukt.

Zu Werbezwecken wurden ganze Landschaften damit zugepflastert. Es gab sogar Bürgerinitiativen gegen die so genannte „Blechpest“. Auch Geschäftsinhaber entdeckten die Schilder für sich und bedruckten sie mit ihrem Namen. „Stummer Portier“ nannte sie der Volksmund. Als Hinweis-, Straßen- oder Hausnummernschild traten die Schilder ihren Siegeszug durch Europa an und sind vielerorts noch anzutreffen. Die historischen Reklameschilder großer Lebensmittelhersteller wie Stollwerck und Maggi sind inzwischen begehrte Sammlerobjekte.

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