Frankenthal Keine Liebe auf den ersten Blick

Georg Weiss, Musiker am Mannheimer Nationaltheater und Lehrer an der Frankenthaler Musikschule, ist einer von nur ganz wenigen H
Georg Weiss, Musiker am Mannheimer Nationaltheater und Lehrer an der Frankenthaler Musikschule, ist einer von nur ganz wenigen Heckelphon-Spielern weltweit.

Richard Wagner hatte die Idee: Tiefer als die Oboe und im Charakter weich und mächtig, wie eine Verbindung aus Oboe und Alphorn, so sollte es klingen. Leider hatte Wilhelm Heckel das gewünschte Instrument erst nach Wagners Tod fertig. Heute kommt das Heckelphon vor allem bei Richard Strauß zum Einsatz. Georg Weiss, Lehrer an der Städtischen Musikschule Frankenthal, ist einer der wenigen, die das Instrument besitzen und spielen.

Das Heckelphon sieht einer Oboe sehr ähnlich, kommt auch aus derselben Familie. Es ist ein Doppelrohrblatt-Instrument: Der Ton kommt aus zwei gegeneinander schwingenden Holzblättchen. Der Tonumfang reicht eine Oktave tiefer als bei der Oboe, daher ist das Heckelphon auch erheblich größer. Beim Spielen wird es auf dem Boden aufgestellt. Dafür schließt der Schallbecher unten mit einem durchlöcherten Blech, das einen Dorn zum Daraufstellen trägt. „Seit 1904 wurden von uns 154 Heckelphone gebaut und in alle Welt verkauft. Nicht alle sind noch in Gebrauch“, sagt Rolf Reiter, Geschäftsführer der Firma Wilhelm Heckel in Wiesbaden. In Deutschland gebe es kaum mehr als eine Handvoll Musiker, die das Instrument spielen. Einer davon ist Georg Weiss. Er ist Mitglied des Orchesters des Nationaltheaters Mannheim und auch noch Dozent an der Musikhochschule Mannheim. „Es war keine ,Liebe auf den ersten Blick’“, sagt Weiss. Der 1961 in Esslingen geborene Musiker begann mit acht Jahren, Blockflöte zu spielen und mit elf Jahren dann Oboe. Bei einem Schuljahr in den USA wurde er für sein Oboenspiel mit einem Preis ausgezeichnet – seinem ersten. „Ich war nicht der Jugend-musiziert-Typ“, sagt Weiss. Dass Musik sein Beruf werden könnte, entdeckte er nach dem Abitur beim Militärdienst, den er beim Heeresmusikcorps in Stuttgart leistete. „Dann hab ich richtig Gas gegeben und geübt“, erzählt er. Musik mit Hauptfach Oboe studierte er in Mannheim, bei Helmut Schützeichel und Winfried Liebermann. 1989 bekam er eine Festanstellung beim Orchester des Nationaltheaters Mannheim. Und dort fragte man ihn, ob er nicht auch ein Heckelphon spielen könne. Es stellte sich heraus: Das ist nicht einfach – vor allem, wenn man so hohe Ansprüche an seinen Klang hat wie Weiss. Die Griffe sind zwar die gleichen wie bei der Oboe, aber der Ansatz, der für die Tonformung entscheidend ist, entspreche eher einem Fagott, erklärt der Musiker. „Der Ansatz ist lockerer, man macht mehr einen Entenschnabel.“ Erschwerend kam hinzu, dass das erste Instrument, das man ihm zur Verfügung stellte, von dessen Vorbesitzern ausgemustert worden war. Nach einer Überholung ließ es sich schon deutlich besser spielen, war aber noch kein Vergleich zum aktuellen Instrument. Das gehört dem Orchester des Nationaltheaters, und die Anschaffung wurde erst nach einer großen Spende möglich. Wer sich heute ein Heckelphon bauen lässt, muss sich in Geduld üben und Geld haben: „Wir haben Wartezeiten von 13 Jahren“, sagt Heckel-Geschäftsführer Reiter. Und laut Weiss liegen die Preise um die 60.000 Euro. Dass die Entwicklung des Instruments nach Richard Wagners Anfrage über 20 Jahre dauerte, hat verschiedene Gründe. Zum einen sei es nicht damit getan, einfach eine Oboe in doppelter Größe zu bauen, denn die Intonation (die genaue Stimmung aller Töne) muss sorgfältig angeglichen werden. Zum anderen habe damals wie heute die Firma Heckel viel zu tun mit der Herstellung von Fagotten und anderen gebräuchlichen Doppelrohrblatt-Instrumenten, meint Weiss. „Ich glaube, Wagners Anfrage war ein Sonderwunsch und hatte wahrscheinlich nicht oberste Priorität.“ Auch in Weiss’ Berufsleben als Musiker ist der Einsatz des Heckelphons eher seltene Ausnahme als Regel. Kaum mehr als fünf Prozent seiner Zeit verbringe er damit. Aber es gibt mehr Anfragen, als er bewältigen kann. Wer Richard Strauss’ Opern „Elektra“ und „Salome“ sowie seine „Sinfonia domestica“ authentisch aufführen will, braucht ein Heckelphon. „Es sind bei Strauss nicht Solopassagen, die das Instrument erfordern, es ist vielmehr eine wichtige und besondere Ergänzung der Holzbläser zu einem sehr speziellen Klang“, erklärt Weiss. Um das Heckelphon zu präsentieren, ließ sich Weiss vom Heidelberger Komponisten Martin Bärenz eine Sonatine schreiben. Etwas Besonderes war das Konzert von Weiss mit der Pianistin Gabriele Weiß-Wehmeyer an der Frankenthaler Musikschule. Hier spielte Weiss die ganze Oboenfamilie: Oboe, Oboe d’amore, Englischhorn – und natürlich das Heckelphon. Serie Musiker und ihre Lieblingsinstrumente, an denen sie ja immer mit einem Stück Leidenschaft hängen, wollen wir in unserer Serie „Schall und Rausch“ vorstellen. Das kann genausogut eine Kinderplastiktröte sein wie ein kostbares historisches Instrument, ein ungewöhnlicher Exot genauso wie eine Marke Eigenbau. Und wenn Sie, liebe Leser, selbst eine solche Geschichte in petto haben, dann melden Sie sich doch in der Frankenthaler Lokalredaktion per Mail an redfra@rheinpfalz.de.

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