Frankenthal Horst liegt schon im Ruheforst

Ungebremst wie der Titel ihrer neuesten Kabarettproduktion waren die musikalisch anspruchsvollen Höhenflüge und komödiantisch-bissigen Seitenhiebe, mit denen die Schönen Mannheims am Mittwoch im ausverkauften Theater Alte Werkstatt (TAW) ihrem Publikum ein schier grenzenloses Vergnügen bereiteten. Die über weite Strecken glamouröse 100-Minuten-Bühnenshow blieb aber in puncto Esprit, Tempo und Spritzigkeit hinter dem im Sommer in der Erkenbert-Ruine präsentierten Erfolgsprogramm „Hormonyoga“ zurück.
Bei dem Powerquartett aus der Quadratestadt ist der thematische Bogen vom Auftrittslied „Musik ist Trumpf“ zur Damenunterwäsche und zur abgewandelten Strophe „Triumph wird mich heben“ nicht weit. Da rutscht auch die Aufforderung an die Zuhörer „Lassen Sie einfach alles hängen“ schnell mal durch. Es ist die Midlife-Krise mit den zwangläufigen Beziehungsproblemen, welche die vier Schönen umtreibt und sie sogar zwischen Urnengräbern auf dem Friedhof nach willigen Partnern Ausschau halten lässt. Liegt doch der gute Horst bereits im Ruheforst. Und bei ihrem Sketch zum dankbaren Thema „Frauen und Autofahren“ – angelehnt an den TV-Spot „Der siebte Sinn“ aus den 70er-Jahren – kramen sie tief in der Klischeeschublade. Die gleiche Sparte bedient der mit originellen Dialekteinlagen gewürzte Song „Na, wie geht’s?“, der frauentypische Eingabefehler ins Navigationssystem thematisiert. Ganz starke Momente hatten Anna Krämer, Susanne Back und Smaida Platais bei ihren mit großem Einfühlungsvermögen interpretierten Gesangsnummern, die sich überwiegend aus dem Repertoire von Schlager, Swing, Rock und Pop rekrutierten, aber auch die klassische Opernarie – „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ aus „Samson und Dalila“ von Camille Saint-Saëns – nicht aussparten. Stefanie Titus, die nichts aus der Ruhe bringen kann, gibt ihren bisweilen etwas durchgeknallten Kolleginnen am E-Piano in professionell-virtuoser Manier die instrumentale Rückendeckung. Getragen von der Überzeugung „Auch allein sind wir stark“ suchen die begnadet singenden Damen wiederholt die Gelegenheit, sich solistisch auszuzeichnen – etwa bei dem sentimentalen „I Give You Stars And The Moon“ aus der Revue „Songs For A New World“ von Jason Robert Brown, dem Bekenntnis „I Will Always Love You“ der unvergessenen Whitney Houston oder der durch Hugh Jackman berühmt gewordenen Rockballade „Quiet Please, There’s a Lady On Stage“. Die Schönen sind bei dieser Überdosis zu Herzen gehender Titel redlich darum bemüht, die Stimmung nicht ungebremst nach unten durchrutschen zu lassen und üben sich im zwerchfellkitzelnden Gegenlenken – mit ihrer sehr realistischen Persiflage auf einen für 50 Cent im Internet gebuchten Billigflug oder dem skurrilen „Müttertreffen“, bei dem im Spannungsfeld zwischen Mannheimer Prekariat und Wolga-Kapitalismus feine Trüffelhäppchen und Crémant gereicht werden. Dazu gibt es Beethovens „Für Elise“ in Endlosschleife. Hatten sich die Schönen Mannheims für den umgetexteten Schokolade-Werbesong „Merci, dass es dich gibt“ schon reichlich grenzwertige Vergleiche einfallen lassen, so legen sie bei der Zugabe, dem durch Hape Kerkeling bekannt gewordenen „Winterzeit in Wien“, in Sachen tiefschwarzer Humor ungebremst noch eine Schippe drauf. Da ist dann auch das Publikum kaum noch zu bremsen.