Frankenthal
Gesamtschule: Sittiche picken Nisthöhlen in frisch sanierte Fassade
Einige Immobilien der Stadt Frankenthal sind aufgrund der Wohnungsnot bei Untermietern beliebt. Das ist ein Problem, denn Miete kassiert die Stadt von den Bewohnern nicht. Im Gegenteil, sie verursachen Schaden. Sichtbar ist dies nun an der erst kürzlich mit großem finanziellem Aufwand sanierten Robert-Schuman-Schule. Auf den ersten Blick sehen die runden schwarzen Löcher in der Fassade aus wie Wasserabläufe. Doch dafür wären sie wohl nicht sehr professionell, denn das Wasser würde direkt an der Fassade herunterlaufen. Mit etwas Glück sieht der Passant einen Kopf aus einem der Löcher herausspitzen. Wenn die Sonne auf die Fassade scheint, wird hier schon deutlicher sichtbar, was passiert ist. Halsbandsittiche hängen dann außen an der Wand. Sie haben sich Nisthöhlen in die wärmegedämmte Fassade gepickt.
Halsbandsittiche sind meist nicht Erstmieter
Doch die Halsbandsittiche sind laut Jörn Weiß, Pressereferent des Naturschutzbunds (Nabu), Ortsgruppe Frankenthal, meist nicht die Erstmieter in diesen Höhlen. „Sie bauen sie nur aus“, sagt er. Bei der Herstellung seien zuvorderst Spechte und Dohlen zu nennen. Erst danach würden die Halsbandsittiche die Höhlen für ihren Bedarf ausbauen.
Der Stadt Frankenthal ist das Problem bekannt, schreibt Stadtsprecherin Lisa Randisi auf Anfrage. Auch an der Fassade der Schiller-Realschule und der Erkenbertschule hätten sich schon Vögel eingenistet. Den aktuellen Schaden, den die Vögel dadurch bisher verursacht haben, könne die Stadt nicht beziffern. Unternommen wurde noch nichts. „Mit dem Nabu stehen wir immer wieder in Kontakt, bezüglich der Halsbandsittiche werden wir Kontakt aufnehmen. Allerdings können wir aktuell nichts gegen das Nisten tun: Die Halsbandsittiche unterliegen nicht dem besonderen Artenschutz, jedoch ist bei Maßnahmen gegen die Tiere das Tierschutzrecht zu beachten“, schreibt die Pressestelle der Stadt.
Stadtwerke: Nistkästen haben sich bewährt
Die Stadtwerke Frankenthal, die das Problem ebenfalls kennen, haben indes schon gehandelt. Das Wasserwerk in Großniedesheim hatten sich die Vögel als Nistplatz ausgesucht. Insgesamt 20 Nistkästen haben die Stadtwerke Ende 2019 am Wasserwerk in Großniedesheim aufgehängt – 15 für Halsbandsittiche, fünf für Dohlen. Ziel sei es gewesen, den Vögeln eine Nistalternative anzubieten, um zu verhindern, dass sie weitere Löcher in die Fassade schlagen, sagt Melanie Brünner. Und es hat geholfen: „Die Vögel haben die Nistkästen tatsächlich angenommen. Es wurden nur noch ein bis zwei Löcher geschlagen, was kein Vergleich zur Situation vorher ist“, erläutert die Sprecherin der Stadtwerke.
Der Berater bei diesem Projekt sei der Diplom-Biologe Michael Braun von der Universität Heidelberg gewesen. Von einem Bestand von 20.000 Vögeln entlang der Rheinschiene zwischen Düsseldorf und Speyer, wo sich die Vögel in Deutschland aufgrund des milden Klimas besonders wohl fühlen, sprach dieser 2019. Die Vögel vertragen zwar Kälte, sind aber nicht an allen Körperteilen ausreichend geschützt. Deshalb würden sie insbesondere an den Füßen oft Erfrierungen aufweisen. Der Klimawandel sorgt auch bei Halsbandsittichen dafür, dass die Kälte immer weniger ein Problem für sie wird. Vermutet wird, dass sie auch deshalb gerne in Städten siedeln, weil es dort zumeist ein wenig wärmer als auf dem flachen Land ist.
Maler rät Hausbesitzern: Sofort handeln
Die bisherigen Brutplätze der Vögel müssten geschlossen werden und die Nistkästen genau über diesem Loch platziert werden, sagt Jörn Weiß. Ansonsten würden die Vögel versuchen, an dieser Stelle eine neue Bohrung zu setzen. Warum die Vögel so agierten, das sei noch nicht herausgefunden worden. Über die Ästhetik der Nistkästen an den Fassaden ließe sich sicher streiten, meint Jörn Weiß. Die angebotenen Nistgelegenheiten würden aber in der Regel gut angenommen, habe auch er erfahren.
Michael Wind, Geschäftsführer des Malerbetriebs Wind in Frankenthal, der an der Sanierung des Großniedesheimer Wasserwerks beteiligt war, weiß, dass auch viele Besitzer von gedämmten Privathäusern inzwischen das Problem haben, dass die Vögel in Fassaden nisten. „Viele entdecken das lange Zeit gar nicht“, berichtet er und rät dringend zum Handeln. Neben Kältebrücken, die sich durch die Löcher in den Fassaden bilden, und Schimmel, der entstehe, gebe es auch ein Problem mit Blick auf den Brandschutz. Oft sei von außen gar nicht erkennbar, wie groß die Höhle sei. Er habe schon Gänge von mehreren Metern gesehen, in denen er Nüsse von Eichhörnchen fand.
Zur Sache: Halsbandsittiche in der Stadt
Wie groß die Population von Halsbandsittichen in der Stadt ist, darüber können weder die Stadt noch der Nabu Angaben machen. Der Eindruck: Es werden mehr. Mit lauten Rufen machen nicht nur im Ziegelhofgebiet Schwärme von Halsbandsittichen auf sich aufmerksam. Auch im kleinen Wald sind die Halsbandsittiche oft in größerer Zahl zu beobachten. Ein ganz neues Phänomen ist es nicht, dass die Vögel hier in freier Wildbahn leben. In Köln wurden die ersten freilebenden Halsbandsittiche schon Anfang der 1960er-Jahre im Stadtwald von Vogelkundlern registriert. Ende der 1960er-Jahre gelangen dort die ersten Brutnachweise. Halsbandsittiche gelten auch als Kulturfolger, also Tiere, die von Veränderungen der Landschaft durch Menschen profitieren.